
Integralismus: Theologin sieht Österreich in besonderer Verantwortung
Die Ideologie des Neo-Integralismus - also des Versuchs, die Gesamtheit des öffentlichen und privaten Lebens der katholischen Kirche zu unterwerfen - mag aktuell vor allem im angelsächsischen Raum diskutiert werden und an Universitäten in den USA Anhänger haben - Österreich jedoch komme bei diesem Thema eine besondere Verantwortung zu, da hier wichtige Proponenten verortet sind und der Austrofaschismus der Jahre 1933/34 unter Engelbert Dollfuß den Integralisten als "realhistorisches Vorbild einer ständischen katholischen Ordnung mit einem autoritären Führer an der Spitze" dient: Das hat die Innsbrucker Theologin Prof. Michaela Quast-Neulinger in einem Beitrag am Mittwoch auf der Online-Plattform "communio.de" dargelegt.
Man habe das Phänomen lange nicht ernst genommen - weder kirchlich noch theologisch noch gesellschaftlich. Doch angesichts steigender Aufmerksamkeit und Bezugnahmen von Politologen auf theologische Argumente sei es dringend geboten, hier kirchliche, theologisch und gesellschaftlich gegenzusteuern, mahnte Quast-Neulinger: "Lange haben Kirche, Gesellschaft und Theologie das Entstehen dieser radikalen Ideologie nicht ernst genommen, als Randphänomen abgetan, das, da es doch so offensichtlich dem Konzil und der menschenrechtsbasierten Ordnung widerspreche, keine Chance auf realpolitische Umsetzung habe."
Vernetzungstreffen in Trumau
Doch heute hätten die Protagonisten nicht zuletzt Dank verschiedener Online-Kanäle eine große Reichweite. Gehe man den Pfaden des Neo-Integralismus nach, so stoße man dabei auf eine Tagung 2012 an der Katholischen Hochschule ITI im niederösterreichischen Ort Trumau. Dort sprach u.a. einer der Vordenker des Neo-Integralismus - Thomas Pink - und vernetzte sich mit anderen Zentralfiguren wie Alan Fimister, Thomas Crean und P. Edmund Waldstein. Im Kern ging es Pink um eine Dekonstruktion ausgerechnet jener Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65), in denen die Kirche die Anerkennung der unveräußerlichen Würde der menschlichen Person und das Bekenntnis zur Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit festgeschrieben hat. Pink und seine Mitstreiter indes würden auf einer unwandelbaren Lehre der Kirche beharren und eine "katholische politische Weltordnung" anstreben.
Diese Konzilshermeneutik entbehre nicht nur "jeglicher theologischer Legitimität" - sie schrecke auch vor "verfälschenden Übersetzungen theologischer Quellen" und einer verfälschenden Auslegung der Tradition als "ewig gültige Ordnung" nicht zurück, so Quast-Neulinger. Tatsächlich stecke der Neo-Integralismus "theologische fest im Antimodernismus". Er sei eine "Ideologie der Angst", auf die es dringend eine seriöse Antwort brauche: "Es braucht dringend eine aufmerksame, seriöse Auseinandersetzung mit der Autorität von Offenbarung in der Gestaltung irdischer Ordnung. Wie kann religiöses Wissen im politischen Diskurs mitwirken? Habermas und Böckenförde sind aktueller denn je. Aber wo sind die genuin theologischen Entwürfe?"
Liberalismus verteidigen
Eine solche Antwort müsse sich etwa mit der ebenfalls in dem Kontext verhandelten Frage der Zukunft des Liberalismus auseinandersetzen. Schließlich hätten Fehlformen eines entgrenzten Liberalismus und Kapitalismus "in eine tiefe Krise" geführt. Heute sei es notwendig, den Liberalismus nicht aufzugeben, sondern zu retten und neu zu denken, so die Theologin weiter: "Freiheitsrechte, Teilhabe, Menschenwürde, Demokratie - diese liberalen Errungenschaften müssen wir verteidigen, auch theologisch. (...) Kirche, Theologie und Gesellschaft brauchen keine Machtprojekte selbsternannter Eliten, sondern ein gemeinschaftliches Handeln in Anerkennung der Autonomie der jeweiligen Sphären - für das Leben aller."
Vorlagen gebe es für einen solchen Neuaufbruch und eine Verteidigung durchaus - so verwies Quast-Neulinger u.a. auf das "Mariazeller Manifest", mit dem sich die Katholische Kirche in Österreich 1952 vom politischen Katholizismus abgrenzte und sich neu als "Dienerin aller im gemeinsamen Diskurs" positionierte. Auch Theologen wie Hans Urs von Balthasar und andere hätten stets und weiterhin gültig die theologische Tradition gegen neo-integralistische Versuchungen verteidigt. Dies gelte es wiederzuentdecken.
Quelle: Kathpress