
Queere Schöpfungsfeiern in Graz, Wien und Linz
Die biblische Schöpfungserzählung aus queerer Perspektive neu interpretieren und queere Lebensrealitäten stärker in der Kirche sichtbar machen: Das ist das Ziel der ökumenischen Schöpfungsfeier "Abrakadabra", die im September und Oktober in Graz (12.9.), Wien (25.9.) und Linz (2.10.) stattfindet. Das von katholischen und evangelischen Einrichtungen sowie queeren Initiativen getragene ökumenische Projekt verbindet Liturgie mit Musik, Kunst und Performance. "Queeres Leben gehört nicht nur in den Pride-Monat, und auch queere Pastoral geht darüber Pride", erklärt dazu Projektleiter Anson Samuel im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress.
Ausgangspunkt sei die Frage, ob die christliche Botschaft, dass jeder Mensch Teil der guten Schöpfung sei, auch bei queeren Menschen ankomme. Biblische Schöpfungserzählungen der Genesis seien jedoch vielfach queerfeindlich ausgelegt und zur Ausgrenzung queerer Menschen herangezogen worden. "Für uns in der queeren Pastoral war daher die Frage: Kommt es an, dass du gut bist? Kannst du dich selber feiern, kannst du über dich staunen?", so Samuel.
"Die Schöpfungsfeier will die Vielfalt der Schöpfung reflektieren und zu dieser Vielfalt gehören auch die Menschen in all ihrer Diversität und Schönheit", erklärt der Projektleiter. In der Schöpfungsfeier stehe daher - anders als im Projekt der "Queeren Kreuzwege" - nicht die Diskriminierung oder das Leid queerer Menschen im Zentrum, sondern deren Leben und Vielfalt als Teil der Schöpfung. Das Format verstehe Schöpfung daher nicht als abgeschlossen, sondern "als einen Prozess des Werdens und Sichtbarwerdens", heißt es.
Kunst und Performance
Ein Bestandteil der Feier ist die Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern. Das Projekt setzt zudem einen Schwerpunkt auf Beteiligung und Begegnung, etwa in Form von kreativen Mitmachstationen, Informationsangeboten und einer gemeinsamen Agape sowie After Party. Die aus Oberösterreich stammende Dragqueen und DJ Miss Ivanka T. wirkt etwa an den Schöpfungsfeiern in Linz und Wien mit. Für Samuel wirkt Drag dabei als Kunstform, die sich auch mit liturgischen Elementen wie Körper, Kleidung, Gesten, Musik und Verwandlung überschneidet. "Drag tut das ebenfalls. Deshalb interessiert uns die Begegnung: Was kann diese Kunstform über Schöpfung und Menschsein sichtbar machen? Miss Ivanka T verkörpert in diesem Moment der Feier die Freude daran, dass Leben Gestalt annimmt, sich entfaltet und in einer unglaublichen Vielfalt erscheint", so der Initiator.
Das Format ist in sieben Stationen gegliedert, die u. a. liturgische Themen wie Licht, Wachstum, Beziehung und Entfaltung thematisieren. Als Leitmotiv dient dabei auch der Satz aus Psalm 139: "Am I a wonder!" Auch der Titel "Abrakadabra" nehme Bezug auf die Vorstellung, dass durch das Aussprechen etwas geschaffen werde, so Samuel mit Verweis auf dessen ursprünglich aramäische Bedeutung "ich erschaffe, indem ich spreche".
Kirche als Ort des Miteinanders
Auch die Öffnung kirchlicher Räume für Menschen, die bisher wenig Kontakt zur Kirche haben, steht im Fokus der Feier. "Uns ist Teilhabe wichtig: Kirche soll als Ort des Miteinanders und der Begegnung erfahrbar sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand jeden Sonntag einen Gottesdienst besucht oder Kirche bisher nur selten erlebt hat", sagt dazu auch Hannelore Mayer, in der Erzdiözese Wien Fachreferentin für Beziehung und Familie mit dem Schwerpunkt Regenbogenpastoral. "Gott macht keine Unterschiede zwischen hetero- oder homosexuell. Die schöpfungstheologische Botschaft von 'Abrakadabra' lautet: Du bist gut, so wie du bist", sagt Katharina Payk, evangelische Hochschulpfarrerin und Mitorganisatorin. "Gerade in Zeiten erstarkender Ausgrenzungspolitik und wachsenden gesellschaftlichen Drucks auf queere Menschen ist diese Botschaft eine wichtige Ansage und Affirmation."
Den Auftakt bildet am Samstag (12. September) ein ökumenischer Gottesdienst im Garten der evangelischen Christuskirche in Graz ab 17 Uhr. Nach der Premiere folgt die Feier am 25. September (19 Uhr) im Kirchenschiff in Wien, am 2. Oktober (19 Uhr) im "Grünen Anker" in Linz. (Link: https://www.kj-ooe.at/institution/18050/kalender/calendar/24040698.html&;ts=1788852583250)
Quelle: kathpress