
Expertin: Religionsunterricht wichtig für die Demokratie
Eine Lanze für den schulischen Religionsunterricht bricht die Leiterin des Schulamts der Diözese Feldkirch, Annamaria Ferchl-Blum, im Interview mit dem "Vorarlberger Kirchenblatt" (aktuelle Ausgabe; Freitag). Im Bildungsbereich sei ein breiterer Konsens darüber entstanden, "dass Religion für den Fortbestand der Demokratie wichtig sein kann". Religionsunterricht finde in der Schule unter transparenten Bedingungen statt, so Ferchl-Blum: "Das ist ein wichtiger Beitrag zu einer reflektierten Religiosität und kann auch helfen, Extremismus vorzubeugen."
Sie sei davon überzeugt, dass Religiosität wesentlich zum Menschsein gehört, sagte die Expertin. In Österreich habe man sich bewusst dafür entschieden, Religion als Bildungsprozess in der Schule zu verankern. "Das halte ich nach wie vor für richtig", so Ferchl-Blum: "Im Religionsunterricht geht es um grundlegende Fragen des Lebens: Wie gehe ich mit Schwächeren um? Wie kann ich Benachteiligte unterstützen? Wie verhalte ich mich gegenüber Menschen, die Leid erfahren? Was darf ich hoffen, wenn es mir selbst schlecht geht? Und welchen Beitrag kann ich dazu leisten, dass unsere Welt ein besserer Ort wird?" Diese Fragen bereicherten das persönliche Leben und hätten zugleich Bedeutung "für unsere Demokratie und unseren Sozialstaat".
Auf den ersten Blick scheine Religion an Bedeutung zu verlieren, weil immer mehr Menschen ohne religiöse Praxis leben. Gleichzeitig führe die krisenhafte Weltlage dazu, dass viele Menschen - auch Kinder und Jugendliche - wieder nach Halt, Sinn und Orientierung suchen. Besonders das Internet sei für junge Menschen eine wichtige Anlaufstelle für religiöse Fragen. Ferchl-Blum: "Christliche Influencer erreichen sie niederschwellig, vermitteln Religion aber teilweise in fundamentalistischen und stark auf Leistung und Selbstoptimierung ausgerichteten Formen."
Auch die multireligiöse Zusammensetzung der Gesellschaft sei ein wichtiges Thema, besonders in der Schule. "Die Vielfalt stellt Schulen vor Herausforderungen, bietet aber zugleich eine große Chance", so die Schulamtsleiterin: "Religion wird wieder sichtbar und zum Gegenstand gemeinsamer Auseinandersetzung."
Entscheidend sei, welche Rolle Religion übernimmt: "Ist sie eine spirituelle Wellnessoase, stärkt sie autoritäre politische Positionen oder ermutigt sie Menschen zu einem freien, verantwortungsvollen und aktiven Leben."
Guter Religionsunterricht ist dabei laut Ferchl-Blum mehr als ein rein kognitiver Religionskundeunterricht. Er nehme in erster Linie "die Schülerinnen und Schüler in den Blick - und zwar so wie sie sind mit allem - auch mit ihren religiösen Auffassungen". Ziel sollte sein, "ihnen einen Geschmack dafür zu geben, wie ein sinnvolles Leben gelingen kann". Es mache einen Unterschied, "ob ich mich nur um mich und meine eigene Welt kümmere oder ob ich Haltungen wie Hilfsbereitschaft, Solidarität, Frieden und Gerechtigkeit in mein Leben aufnehme". Menschen aus unterschiedlichen Religionen könnten dafür Vorbilder sein. Auch der Weg Jesu sei hier eine entscheidende Quelle.
Zunehmende religiöse Vielfalt
Eine aktuelle Herausforderung bestehe darin, dass die Gruppe der Kinder ohne religiöses Bekenntnis wächst, gleichzeitig nehme die religiöse Vielfalt an den Schulen deutlich zu. Deshalb würden neue Konzepte für den Religionsunterricht gefordert. Es gehe darum, den konfessionellen Bezug und die Bindung an eine bestimmte Religion zu erhalten und gleichzeitig in multireligiösen Klassen offen und dialogfähig zu arbeiten. In den Vorarlberger Berufsschulen werde etwa bereits "konfessionell-kooperativ" unterrichtet. Die Erfahrungen seien überwiegend positiv. Ein großer Vorteil sei die Förderung weltanschaulicher Toleranz.
Die Abmeldezahlen vom Religionsunterricht sind laut der Schulamtsleiterin in Vorarlberg seit vielen Jahren relativ stabil. Im Durchschnitt würden rund 90 Prozent der katholischen Schülerinnen und Schüler am Religionsunterricht teilnehmen, berichtete die Schulamtsleiterin: "Diese hohe Beteiligung ist ein Auftrag. Der Religionsunterricht muss gepflegt, weiterentwickelt und als Bildungsfach in der Schule erhalten werden."
Einen Mangel gebe es hingegen bei den Religionslehrenden. "Deshalb haben wir heuer eine Social-Media-Kampagne gestartet, in der junge, engagierte Lehrpersonen für das Fach und eine solide Ausbildung werben." Es sei derzeit nicht einfach, junge Menschen für ein Theologiestudium oder eine pädagogische Ausbildung mit Schwerpunkt Religion zu gewinnen. Gründe dafür sind laut Ferchl-Blum der gesellschaftliche Wandel, die nachlassende kirchliche Beheimatung, die öffentliche Infragestellung des Faches und die Herausforderungen durch das Internet. "Deshalb müssen wir das Berufsbild der Religionslehrer stärker sichtbar machen."
Quelle: Kathpress