
Zulehner: Eucharistie muss "Weltverwandlung" nach sich ziehen
Der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner deutet die Eucharistie als Auftrag zur Veränderung von Kirche und Gesellschaft. In einer Meditation beim internationalen Synodenworkshop in Schloss Puchberg bei Wels stellte er am Montagabend die Frage, ob die Eucharistie tatsächlich eine "Weltverwandlung" anstoßen könne. Auch in Österreich feierten weiterhin rund 600.000 Menschen sonntags Eucharistie, sagte Zulehner. Entscheidend sei jedoch nicht allein die Zahl der Feiernden, sondern was die Messfeier mit ihnen mache. Die Eucharistie sei nicht mit der liturgischen Wandlung von Brot und Wein abgeschlossen, sondern müsse die Feiernden selbst und über sie auch die Welt verändern.
Ausgangspunkt für Zulehners Meditation war eine Predigt von Papst Benedikt XVI. (2005-2013) beim Weltjugendtag im Jahr 2005 in Köln. Benedikt habe damals die Eucharistie als Prozess beschrieben, dessen Ziel die "Verwandlung der Welt dahin ist, dass Gott alles in allem sei". Im Zentrum stehe dabei eine grundlegende Veränderung: "Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben." Das Essen des einen Brotes müsse zur Einheit der Feiernden führen. Diese würden von einer Verwandlung erfasst, welche von ihnen aus "auf die Welt im Ganzen übergreifen" solle, damit die Liebe Christi "das beherrschende Maß der Welt werde".
Zulehner bezog diese Gedanken auf die Situation der Kirche in Europa. Der Kontinent sei "nach so vielen Jahren des 'Nie-wieder' voll von Gewalt und Krieg". Hinzu kämen die Belastungen der Schöpfung, Gewalt gegen Frauen sowie Gewalt "am Anfang und Ende des Lebens". Gewalt habe auch das Völkerrecht zerstört. Gerade in diese Situation hinein feiere die Kirche das Gedächtnis des Todes Jesu am Kreuz. Die Frage sei deshalb, ob die Eucharistie tatsächlich dazu führe, dass eine "Europaverwandlung" stattfinde.
Folgen des Eucharistie-Empfangs
In einem von Zulehner zitierten Gedicht des deutschen Theologen Lothar Zenetti wird zunächst die Messe als das Wichtigste in der Kirche bezeichnet und dann die Wandlung als das Wichtigste in der Messe. Darauf folgt die provokante Wendung: Wenn man sage, das Wichtigste in der Kirche sei die Verwandlung, würden viele Katholiken antworten: "Nein, alles soll bleiben wie es ist!" Zulehner fragte deshalb, ob es in der Eucharistie tatsächlich um die Verwandlung der Menschen gehe oder nur um jene der Gaben: "Vielleicht sagen gar zu viele derer, die Gott selbst zu einer sonntäglichen Eucharistiefeier zusammengerufen hatte: Gott, verwandle die Gaben, aber uns lass in Ruh?"
Zulehner sah darin einen möglichen gewichtigen Schwachpunkt kirchlichen Lebens in Europa. Wenn Menschen sich von der Eucharistiefeier tatsächlich verwandeln ließen, müsste dies Folgen für den Umgang mit Geflüchteten, für den Schutz der Schöpfung und für den Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit haben, so seine Überlegung. Sie müssten dann ein "größeres Herz" für diese Anliegen haben, etwa stärker auf ihren ökologischen Fußabdruck achten, "weit mehr als Söhne und Töchter der Bergpredigt" aus dem Gottesdienst hinausgehen und sich für Frieden einsetzen.
Taufe als Grundlage der Synodalität
In der anschließenden Abendmesse stellte Kardinal Ladislav Nemet die Taufe in den Mittelpunkt seiner Predigt und griff dabei das Bild des Wassers auf. Die Trockenheit in vielen Teilen Europas habe neu vor Augen geführt, dass Wasser kein selbstverständlicher Besitz, sondern ein "Geschenk" sei. Auch die Taufe stehe für eine Quelle des Lebens, die nicht nur reinige, sondern neues Leben ermögliche. Sie sei dabei kein abgeschlossenes Ereignis, sondern der Beginn eines lebenslangen Prozesses. Mit der Taufe werde der Mensch aus seiner Vereinzelung herausgeführt und in die Gemeinschaft des Leibes Christi aufgenommen.
Darin liege auch die Grundlage für ein synodales Verständnis von Kirche, sagte der Erzbischof von Belgrad: "Weil jede und jeder von uns durch dieselbe Taufe in denselben Leib Christi eingefügt ist, tragen wir gemeinsam Verantwortung für den Weg der Kirche." Kein Getaufter sei dabei "bloß Zuschauer". Alle seien auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Gaben an der Verantwortung für die Kirche beteiligt. Eine synodale Kirche müsse daher aus der gemeinsamen Taufe heraus leben, aufeinander hören und füreinander Verantwortung übernehmen.
Synodalität als Weg zum Frieden
Von gelebter Synodalität als "eucharistischer Weg" sprach die Vatikan-Expertin Sr. Nathalie Becquart vom Generalsekretariat der Bischofssynode in einer weiteren Meditation nach der Kommunion. Einheit in der Vielfalt und missionarische Gemeinschaft als Früchte der Synodalität entstünden nicht ohne den Weg über das Kreuz, der jedoch "zur Auferstehung, zum Frieden und zu jener Harmonie, auf die wir hier in Europa so sehr warten" führe. Synodalität verlange dabei innere Veränderung. Wer sich auf einen synodalen Prozess einlasse, müsse bereit sein, "auf unsere eigenen, stets begrenzten Visionen zu verzichten" und sich im Dialog verändern zu lassen. Es gehe darum, "auf der Suche nach Konsens auf die Impulse des Heiligen Geistes zu hören".
Aus ihren Erfahrungen im weltweiten Synodenprozess habe sie zunehmend erkannt, dass Synodalität mehr sei als eine Methode oder ein Reformprogramm, so die Untersekretärin des römischen Synodensekretariats. Sie berühre "das Geheimnis der Kirche selbst" und sei eine "konstitutive Dimension" der Kirche. Ein einheitliches Modell könne es dabei nicht geben. "Ausgangspunkt der Synodalität ist immer die Realität" - die jeweilige Ortskirche mit ihrer Geschichte, ihren Gaben und Wunden. Es gehe darum, Inkulturation und zugleich den Austausch zwischen den Kirchen und den Mitgliedern des Volkes Gottes zu fördern. "Wir alle befinden uns noch in einem Lernprozess", so Sr. Becquart.
Für Europa habe dies angesichts von "Spaltungen, Polarisierungen, Konflikten und Kriegen" besondere Bedeutung. Die Kirche müsse Beziehungen zwischen Menschen, Kulturen und Kirchen stärken und lernen, Verschiedenheit in einer gemeinsamen Bewegung zusammenzuhalten. Synodalität sei dabei zunächst eine geistliche Haltung, die das Leben der Getauften und die Sendung der Kirche prägen müsse. Einheit in der Vielfalt könne nicht einfach hergestellt werden, sondern werde "gewoben und empfangen, nachdem Menschen den Weg durch das Kreuz gegangen sind".
Europas Kirchen im Austausch
Der internationale Workshop "Shaping Synodality in Europe. From Vision to Roadmap" findet von Montag bis Donnerstag im Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels statt. 187 Delegierte aus 31 europäischen Ländern, darunter Vertreter von 29 Bischofskonferenzen und CCEE-Mitgliedskirchen, beraten in 21 Tischgruppen über die weitere Umsetzung der Weltsynode. Die Ergebnisse sollen in eine "Roadmap" einfließen. Ab Ende 2026 sollen die Diözesen erste Umsetzungsschritte setzen, 2027 folgt die Auswertung auf diözesaner und nationaler Ebene. Für 2028 sind eine kontinentale Phase und im Oktober eine internationale kirchliche Versammlung in Rom vorgesehen.
Quelle: Kathpress