
Theologe Halik: Europa ist "Versuchslabor" für Kirche in säkularer Umwelt
Europa ist nach den Worten des tschechischen Religionsphilosophen Tomas Halik ein "Versuchslabor für die Präsenz des Christentums in einer säkularen Umwelt". Der Kontinent könne aus seiner langen und ambivalenten Erfahrung mit Christentum, Säkularisierung und kirchlicher Erneuerung lernen, sagte Halik am Dienstag beim Internationalen Symposium "Shaping Synodality in Europe" im oberösterreichischen Schloss Puchberg in Wels. Europa sei "nicht mehr der Lehrer der Welt", sondern müsse auch auf die Kirchen anderer Kontinente hören. Die Kirche wiederum müsse ihre Grenzen überschreiten und Synodalität als "Kultur der Beziehung" verstehen.
Europa sei auch im Zugang der Gesellschaften zu Religion keine einheitliche Größe. Französische laïcité, skandinavisches Staatschristentum, das deutsche konfessionelle Umfeld, mediterraner Katholizismus und die Erfahrungen Mittel- und Osteuropas stünden für unterschiedliche Wege. "Auf Europa hören bedeutet vor allem, einer langen, dramatischen und ambivalenten Erfahrung der Veränderungen des Christentums in der Geschichte zuzuhören", so Halik.
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) habe mit dem Auftrag, die "Zeichen der Zeit" zu deuten, eine dauerhafte Methode theologischen Arbeitens formuliert, unterstrich der international bekannte Theologe und Priester. Gefragt werden müsse, was Europas Entwicklung über "das Verhältnis von Glaube und Kultur, von Evangelium und Macht, von Kirche und Welt, von Religion und menschlicher Freiheit" aussage. Tradition sei "kein Museum vorgefertigter Antworten" und auch keine "Wiederholung", sondern vielmehr ein "Wachstum im Verständnis".
Mangelware geistlicher Zusammenhalt
Zugleich befinde sich Europa in einem tiefen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Umbruch. Die internationale Ordnung seit 1945 durchlaufe eine Krise, hinzu kämen demografische Veränderungen, Migration, Klimawandel sowie digitale Medien und Künstliche Intelligenz. Dahinter stehe eine "Krise des gemeinsamen Sinns". Europa leide neben fehlendem politischen Konsens auch unter "einem Mangel an geistigem Zusammenhalt".
Auch die Säkularisierung müsse differenziert betrachtet werden, so Halik. Sie sei nicht nur Verlust, sondern auch eine Geschichte der "Emanzipation des menschlichen Gewissens" und der Trennung religiöser und politischer Macht. Für die Kirche könne Säkularisierung eine "Katharsis" sein und sie durch den Verlust gesellschaftlicher Privilegien "freier, demütiger und glaubwürdiger" machen. Zugleich sei die säkulare Gesellschaft jedoch auch von "konsumistischem Individualismus", von Einsamkeit und Fragmentierung geprägt. Auf den Massenatheismus sei ein "Zeitalter des Massen-Apatheismus" gefolgt: Menschen lehnten christliche Antworten häufig nicht ab, "sie hören vielmehr auf, die Fragen zu stellen, auf die die Kirche antwortet".
"Neue Reformation" vonnöten
Frühere kirchliche Reformen hätten den Säkularisierungsprozess nicht aufhalten können, sagte Halik. Das Zweite Vatikanische Konzil habe wichtige Veränderungen gebracht, die "Neuevangelisierung" unter Papst Johannes Paul II. (1978-2005) habe den Prozess jedoch nicht gestoppt. Die Missbrauchsskandale hätten die Glaubwürdigkeit kirchlicher Institutionen erschüttert und die Notwendigkeit einer "neuen Reformation" gezeigt - einer Veränderung von "Macht, Autorität und Kommunikation innerhalb der Kirche".
Die synodale Reform müsse deshalb zu den "Peripherien" führen. Dazu gehörten auch Menschen, die ihre Beziehung zur institutionellen Kirche verloren oder nie aufgebaut hätten. Halik verwies auf ein Wort von Kardinal Jorge Mario Bergoglio kurz vor dessen Wahl zu Papst Franziskus: "Jesus steht vor der Tür und klopft an. Heute jedoch klopft Jesus von innen. Er möchte hinausgehen, und wir müssen ihm folgen." Ziel sei, so Halik: "Wir müssen wirklich eine Kirche für alle werden - per tutti."
Einander verwandeln ohne zu vereinnahmen
Konkret müsse die Kirche in einer zunehmend fragmentierten Welt "eine andere Vision des menschlichen Zusammenlebens anbieten". Halik verwies auf die Trinitätslehre und das Verständnis Gottes als "Gemeinschaft von Beziehungen". Synodalität könne eine "Schule perichoretischer Kultur" sein. Einheit entstehe nicht durch die Beseitigung von Unterschieden, sondern wenn Verschiedene einen Raum schaffen, "in dem sie einander verwandeln können, ohne einander zu vereinnahmen".
Dafür müsse Europa auch auf die Weltkirche hören. Die Kirchen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas seien "keine jüngeren Versionen der europäischen Kirche". Europa könne von ihnen lernen und zugleich eigene Erfahrungen mit kritischer Theologie, Gewissensfreiheit und institutioneller Rechenschaftspflicht einbringen. Auf Europa zu hören bedeute laut Halik, "seine Geschichte als Frage, als Warnung und als Verheißung anzunehmen". Europas Beitrag zur Weltkirche seien dabei keine "vorgefertigten Antworten", sondern es gehe um den "Mut, einander zuzuhören, gemeinsam zu unterscheiden und gemeinsam zu hoffen".
Quelle: Kathpress