Von Krieg bis Digitalisierung: Europas Kirche vor neuen Fragen
Krieg, Migration, Klimawandel, gesellschaftliche Polarisierung und Digitalisierung gehören nach Einschätzung der Theologin Gabriele Eder-Cakl zu den zentralen Themen für die katholische Kirche in Europa. Zugleich gebe es in den einzelnen Regionen unterschiedliche Erfahrungen und Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen. Bei der Synodalkonferenz "Shaping Synodality in Europe" in Wels stellte Eder-Cakl am Dienstag Beispiele für Formen des Zuhörens und kirchlicher Präsenz vor. "Europas Vielfalt überrascht. Das ist eine Erkenntnis", sagte die Direktorin des Österreichischen Pastoralinstituts.
Eder-Cakl nahm die Teilnehmer in ihrer Keynote auf eine Reise durch verschiedene Regionen Europas mit. Am Balkan verwies sie auf das Zusammenleben von Katholiken und Orthodoxen, in Albanien auf die Erfahrung religiöser Vielfalt. In Rumänien hob sie Kirchen als Orte des Innehaltens hervor. Mit Blick auf die Ukraine stellte sie den Friedensauftrag der Christen in den Mittelpunkt. "Frieden stiften ist 'der' Grundauftrag der Christinnen und Christen", sagte Eder-Cakl. Als historisches Beispiel nannte sie die Leipziger Nikolaikirche, in der die Montagsgebete 1989 zu einem wichtigen Impuls für die friedliche Revolution wurden.
Missionsgebiet Digitalsphäre
Zu den europäischen Themen zählte Eder-Cakl auch den Klimawandel und die Migration. Die Klimabewegung junger Menschen habe unter dem Titel "Religions for Future" Kirchen und Religionsgemeinschaften in mehreren Ländern zusammengebracht. Europa sei zugleich für viele Menschen ein Sehnsuchtsort, während andere auf der Flucht dorthin ihr Leben verlören. "Migration und der Einsatz für Menschenwürde ist ein wichtiges Thema für Europa und somit auch für die Katholische Kirche in Europa", sagte die Vortragende.
Auch Geschlechtergerechtigkeit, Ökumene und Digitalisierung gehörten zu den Themen, die Eder-Cakl auf ihrer Europareise ansprach. Der digitale Raum sei inzwischen ein wesentlicher Lebensbereich, in dem junge Menschen nach religiöser Orientierung suchten. Die Kirche müsse dort präsent sein, zugleich aber Wege in reale Gemeinschaft eröffnen. Auch Pilgerwege, Kirchenbesuche und die Seelsorge bei Großveranstaltungen seien Formen zeitgemäßer Pastoral. Menschen suchten weiterhin das Gespräch über persönliche und existenzielle Fragen. Die Aufgabe der Kirche sei es, "die Liebe zu enthüllen, den Menschen den nächsten Schritt im Leben zu ermöglichen und das in einer Sprache der Liebe zu tun".
"Godfluencer" bringen Sinnfragen zur Sprache
An den Vortrag anschließende Statements aus den europäischen Regionen verdeutlichten die unterschiedlichen Schwerpunkte. Geert De Cubber aus Flandern berichtete über digitale Strategien der katholischen Kirche in Belgien. Das Portal Otheo bündele Nachrichten, Pfarrinhalte und Glaubensbildung. Das Jugendnetzwerk Kamino arbeite stärker mit sozialen Medien und jungen christlichen Content-Creators, sogenannten "Godfluencern". Inhalte über Sakramente und Sinnfragen kämen dabei häufig besser an als reine Lifestyle-Themen.
Mit dem Projekt "Via" betreibe Kamino zudem einen auf kirchlichen Dokumenten und eigenen Materialien basierenden Chatbot, der als erste Anlaufstelle für religiöse Fragen dienen soll. Bei sensiblen Themen werde an Jugendseelsorger weitergeleitet. Das Ziel sei nicht, digitale Kontakte an die Stelle von Gemeinschaft zu setzen. Vielmehr zeigen die Erfahrungen aus Flandern laut De Cubber ein wiederkehrendes Muster: "Soziale Medien und Via schaffen Aufmerksamkeit und einen ersten, niedrigschwelligen Kontakt." Die eigentliche Begegnung bleibe aber "immer persönlich, physisch und gemeinschaftlich".
"Einheit der Wunden" in Südosteuropa
Kardinal Ladislav Nemet, katholischer Erzbischof von Belgrad, berichtete über die ökumenische Situation in Serbien. Für die kleine katholische Kirche in dem orthodox geprägten Land sei die Zusammenarbeit mit der Orthodoxie Alltag. Gemeinsames Gebet könne allerdings nicht immer am Anfang einer ökumenischen Begegnung stehen. Orthodoxe und katholische Kirchen hätten unterschiedliche Vorstellungen davon, was gemeinsames Beten ausdrücke.
Deshalb beginne Ökumene vielfach beim gemeinsamen Leben, sagte Nemet. Besuche, gemeinsame Mahlzeiten, Kaffee und Gastfreundschaft könnten persönliche Beziehungen schaffen. Auch die Teilnahme an Gottesdiensten der jeweils anderen Kirche sei wichtig, ohne dabei die eigene kirchliche Identität aufzugeben. In Südosteuropa gebe es durch Krieg, Migration und gesellschaftliche Veränderungen eine "Einheit der Wunden", die Katholiken und Orthodoxe gleichermaßen betreffe, so der Kardinal. Voraussetzung für weitere Schritte sei die Bereitschaft, sich vom anderen berühren zu lassen.
Krieg und die Frage nach Gott
Die ukrainische Ärztin und Hochschullehrerin Oksana Furman schilderte die Folgen des Krieges aus persönlicher und medizinischer Perspektive. Sie habe zwei Cousins im Krieg verloren und erlebe die Folgen der Gewalt in ihrer Arbeit unmittelbar. Besonders eindrücklich berichtete sie von einer 14-jährigen Patientin aus Butscha, die während der russischen Besatzung sexuelle Gewalt gegen ihre Eltern miterlebt hatte. Nach dem Tod des Vaters habe das Mädchen aufgehört zu sprechen. "Das ist für mich eines der Gesichter des Krieges: wenn das Böse so brutal in eine Familie eindringt, dass sogar die Stimme eines Kindes verstummt", sagte Furman.
Auch Kinder fragten angesichts des Krieges nach Gott, berichtete die Ärztin. Ein siebenjähriges Kind habe wissen wollen, warum es am 1. September nicht in sein Klassenzimmer gehen könne, sondern wegen Luftalarm und Drohnenangriffen im Schutzraum sitzen müsse. "Warum hat Gott das zugelassen? Warum stoppt Gott das nicht?", lauteten Fragen, die sie immer wieder höre.
Zugleich erlebe sie mitten im Krieg konkrete Zeichen christlicher Hoffnung: Menschen teilten Brot, Unterkunft, Medikamente, Zeit, Tränen und Gebet. "Ich habe den Glauben nicht als eine Idee erlebt, sondern als eine Hand, die sich einem anderen Menschen entgegenstreckt", sagte Furman. Europa brauche heute nicht nur ein politisches, sondern auch ein geistliches Zeugnis für Frieden und Menschenwürde. Ihr persönlicher Zugang zu dem Leid in ihrem Land: "Christus ist auferstanden, und deshalb ist keine Wunde außerhalb der Reichweite der Liebe Gottes."
Polarisierung und Nationalismus
Der irische Priester Declan Hurley stellte die Themen Polarisierung, Nationalismus und Migration in den Mittelpunkt. Historische Konflikte könnten gesellschaftliche Gruppen so prägen, dass Identität und Zugehörigkeit nicht mehr mit, sondern gegen andere definiert würden. Mit dieser Dynamik sei man in Irland vertraut. "Wir können uns in gesellschaftlichen Fehlern und Fehlentwicklungen verfangen, die Hindernisse zwischen Menschen und Gemeinschaften schaffen", sagte Hurley. Auch Nationalismus könne von einem positiven Gefühl von Identität und Zugehörigkeit in ein Instrument der Ausgrenzung kippen. Dadurch könne die Fähigkeit verloren gehen, den anderen noch als Bruder oder Schwester wahrzunehmen und ihm zuzuhören.
Eng damit verbunden sei die Frage der Migration. Irland habe innerhalb einer Generation den Wandel vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland erlebt. Die Kirche müsse deshalb dazu beitragen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam leben, beten und handeln könnten. "Eine synodale Kirche, in der wir einen Weg finden, zusammen zu sein, gemeinsam zu gehen, gemeinsam zu beten und gemeinsam zu dienen - das ist unsere beste Chance", sagte Hurley. Die Antwort auf Polarisierung und Ausgrenzung müsse letztlich von Hoffnung getragen sein.
Frankreich: Neue Situation durch Taufbewerber
Der Bischof von Troyes, Alexandre Joly, berichtete von einem deutlichen Anstieg der Zahl erwachsener Taufbewerber in Frankreich. In der Kirchenprovinz Paris habe sich die Zahl der erwachsenen Katechumenen innerhalb von fünf Jahren von 1.249 im Jahr 2021 auf 3.158 im Jahr 2026 erhöht. In seiner Diözese sei die Zahl von 25 auf 75 gestiegen, hinzu kämen 50 ältere Jugendliche, so Troyes. Nach einer Erhebung der Französischen Bischofskonferenz sind mittlerweile 42 Prozent der Katechumenen zwischen 18 und 25 Jahre alt.
Auffällig sei, dass diese Menschen vielfach nicht durch kirchliche Programme erreicht würden, sondern aus eigener Initiative kämen. "Der Heilige Geist geht der Aktion der Kirche oft voraus", sagte Joly. Die neuen Taufbewerber forderten die Kirche heraus, ihre bisherigen pastoralen Abläufe zu hinterfragen. Viele kämen mit einem Bedürfnis nach Orientierung, Zugehörigkeit oder persönlicher Begleitung. "Es geht nicht mehr darum, auf die Taufe vorzubereiten, sondern eine Begegnung mit Christus und mit dem Leben der Kirche zu begleiten", so der Bischof.
Dabei dürfe die Begleitung nicht mit der Taufe enden. Gerade die Zeit danach, das sogenannte Neophytat, sei entscheidend, damit die Neugetauften nicht allein blieben. Die neuen Katechumenen seien damit nicht nur Empfänger pastoraler Angebote, sondern könnten die Kirche selbst "durch die Freude der Begegnung" aus ihren Gewohnheiten herausführen.
Quelle: Kathpress