"Nicht zur Tagesordnung übergehen"
Kirche setzt Zeichen gegen Femizide
"Nicht zur Tagesordnung übergehen"
Kirche setzt Zeichen gegen Femizide
Angesichts von 18 mutmaßlichen Femiziden seit Jahresbeginn und wiederkehrenden Fällen tödlicher und schwerer Gewalt gegen Frauen will es die katholische Kirche in Österreich nicht bei Betroffenheit und Entsetzen belassen. "Die erschreckend hohe Zahl an Femiziden und Fällen häuslicher Gewalt in Österreich darf uns nicht zur Tagesordnung übergehen lassen", erklärte der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler gegenüber der Nachrichtenagentur Kathpress. Femizide seien die "brutalste Form geschlechtsspezifischer Gewalt" und häufig das Ende einer längeren Kette von Kontrolle, Einschüchterung, Demütigung sowie psychischer und körperlicher Gewalt. Auch die Katholische Frauen- und Männerbewegung drängen auf Konsequenzen und verurteilt die Gewalttaten als "gesellschaftliches Versagen".
Glettler sieht ausdrücklich die Kirche selbst in der Pflicht, die die Würde jedes Menschen schützen und Betroffenen zur Seite stehen müsste. Gemeinsam mit Frauenhäusern, Gewaltschutzeinrichtungen und Männerberatungsstellen gelte es, eine "Kultur des Respekts und der Gewaltfreiheit" zu fördern, so der Innsbrucker Diözesanbischof - in der Bischofskonferenz u. a. für das Thema Lebensschutz sowie gesellschaftliches Engagement zuständig. Besonders an Männer appellierte er, Verantwortung zu übernehmen und sich Hilfe zu holen, bevor Gewalt eskaliert. Männerberatung sei hierbei ein wichtiger Baustein der Prävention.
Hintergrund ist u. a. der Fall eines Femizids an einer Frau in Marchtrenk/OÖ. Laut dem Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) werden monatlich in Österreich drei Frauen ermordet. Mit Stand 4. September zählte der AÖF 45 Fälle schwerer Gewalt sowie 18 mutmaßliche Femizide; die Zahlen beruhen auf Medienberichten und sind keine amtliche Statistik. Der Begriff Femizid bezeichnet die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts.
"Gewalt gegen Frauen hat niemals eine Rechtfertigung", stellte Glettler klar. Frauen und Kinder bräuchten in ihrem familiären und nachbarschaftlichen Umfeld sichere Räume. Die Gesellschaft insgesamt brauche jedoch "mehr Mut zum Hinschauen, mehr Verantwortungsbewusstsein und vor allem konsequentes Handeln".
kfbö: "Gesellschaftliches Versagen"
Die Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs (kfbö), Angelika Ritter-Grepl, bezeichnete die hohe Zahl der Morde an Frauen als "beschämend für die österreichische Gesellschaft" und als "gesellschaftliches Versagen". Sie empfinde tiefes Mitgefühl mit den Opfern und ihren Familien; zugleich mache sie der Umgang mit der Gewaltthematik "zornig".
Die Ursachen sieht Ritter-Grepl in gesellschaftlich akzeptierten Geschlechterstereotypen, insbesondere in einer dadurch fälschlicherweise legitimierten aggressiven und gewaltsamen Männlichkeit. Wer nach einem Femizid nicht zur Tagesordnung übergehen wolle, müsse sich daher grundlegend mit herrschenden Männlichkeitsvorstellungen auseinandersetzen. Auch Ritter-Grepl forderte daher gezielte Buben- und Männerarbeit als "die Maßnahme Nummer eins". Denn: "Alle gesetzten und zu verstärkenden, notwendigen Schutzmaßnahmen für Frauen werden das Problem der männlichen Gewalt gegen Frauen nicht lösen."
Positiv bewertete die kfbö-Vorsitzende den aktuellen Weg der katholischen Kirche: diese sei "global bereits auf dem Weg ein Ideal für Männer und Frauen zu propagieren, das für beide Geschlechter die Herausbildung von Eigenschaften der Sorge für andere Menschen anstrebt". Nötig sei es nun, die pastorale und seelsorgliche Arbeit nach diesen positiven Geschlechterbildern auszurichten, so Ritter-Grepl.
Kritik an "Einzelfall"-Erzählungen
Die Frauenbeauftragte der Diözese Linz, Magdalena Welsch, fordert unterdessen einen entschiedeneren Einsatz der katholischen Kirche für Betroffene. Es gebe eine lange Reihe von Narrativen, die den Blick auf das tatsächliche Ausmaß von Gewalt verstellten, wie die Vorstellung, es handle sich um "tragische Einzelfälle", die Frage, "Was hat sie denn angehabt?" oder die Zuschreibung des Problems an bestimmte soziale Gruppen oder Nationalitäten.
Die Kirche müsse ihre Verantwortung für betroffene Frauen und Kinder umfassender wahrnehmen, so Welsch, die auch kirchliche Vorstellungen rund um Ehe und Scheidung kritisierte. Die Kirche müsse hinterfragen, "inwieweit sie durch eine strenge Auslegung der Sakramente ein System stützt, in dem unter dem Deckmantel der Familie Gewalt geschieht". Sie verweist dabei auf kirchliche Lehren zu Ehe und Scheidung und darauf, dass Frauen in gewaltgeprägten Beziehungen dadurch zusätzlich gebunden sein könnten.
Männerbewegung: Gewalt beginnt mit Sprache
Die Katholische Männerbewegung Oberösterreich (KMB) stellt derweil die Verantwortung von Männern in den Fokus: "Gewalt ist grundsätzlich kein Mittel zur Konfliktlösung", erklärt Diözesanobmann Bernhard Steiner. In den Männerrunden gehe es darum, Männer zu befähigen, Beziehungen "mit Frauen auf Augenhöhe und in Gleichwertigkeit" zu gestalten. Männer hätten "keine Besitzansprüche gegenüber Frauen", betont Steiner.
Zugleich ruft die KMB zu Zivilcourage auf: Männer sollten auf Signale für Gewalt in ihrem Umfeld achten und verachtenden Aussagen über Frauen auch öffentlich widersprechen. "Gewalt beginnt mit der Sprache", so Steiner, der auch auf die Zusammenarbeit von KMB, kfb und der Frauenkommission der Diözese Linz hinweist.
"Sexualisierte Gewalt ist Menschheitsthema"
Auch der Jesuit und Missbrauchsexperte Hans Zollner warnt in einem Pressegespräch am Mittwoch in Wien vor der Erwartung, Einstellungen und Verhaltensweisen ließen sich durch Gesetze oder kurzfristige Kampagnen rasch verändern. Ein nachhaltiger Mentalitätswandel müsse vielmehr "von unten" wachsen und sich über Jahre oder Jahrzehnte entwickeln, sagte der Theologe und Psychologe.
Gerade beim Thema sexualisierte Gewalt werde zudem unterschätzt, wie stark unbewusste Verhaltensmuster das menschliche Handeln prägten. "Sexualisierte Gewalt ist ein Menschheitsthema", so Zollner. Die gestiegene öffentliche Sensibilität - etwa gegenüber Femiziden - sei zwar ein Fortschritt, dürfe aber nicht mit einem bereits vollzogenen Wandel von Einstellungen und Verhalten verwechselt werden. Menschen überschätzen laut Zollner, wie rational, kontrolliert und selbstbestimmt sie tatsächlich sind.
Quelle: Kathpress
