
P. Zollner: "Sexualisierte Gewalt ist ein Menschheitsthema"
Sexualisierte Gewalt und Missbrauch ist für den Jesuiten und Psychologen P. Hans Zollner kein Problem, das sich auf einzelne Institutionen oder gesellschaftliche Gruppen eingrenzen lässt: "Sexualisierte Gewalt ist ein Menschheitsthema", so der Experte in einem Pressegespräch am Mittwoch in Wien. Ein Wandel im Umgang mit Missbrauch könne daher nicht allein durch Gesetze oder mediale Kampagnen erreicht werden. Nötig sei ein Paradigmenwechsel von der reinen Prävention hin zu einem umfassenderen Verständnis von "Safeguarding". "Es geht nicht nur darum etwas zu verhindern, sondern Menschen zu helfen, sich zu entfalten, zu wachsen und ihre Würde zu leben", so Zollner, der auch vor neuen digitalen Risiken wie sexualisierten Darstellungen von Kindern sowie digitaler Gewalt unter Jugendlichen warnte.
Sexualisierte Gewalt begleite die Menschheit seit ihren Anfängen und sei tief in menschlichen Verhaltensmustern verankert. "Ich glaube tatsächlich, dass sich das nicht einfach nur so verändern lässt", so der Psychologe und Ordensmann. Gesetze und Medienkampagnen könnten einen solchen Wandel nicht erzwingen. Nachhaltige Veränderungen entstünden vielmehr über Jahrzehnte hinweg aus gesellschaftlichen Veränderungen "von unten" oder durch Katastrophen, die die Lebensgrundlagen aufrüttelten.
"Wenn ich nur vom Missbrauch rede und nur von: 'Wir verhindern das Schlimmste', dann geht bei den allermeisten Menschen der Rollladen runter", meinte der Jesuit. Ein positiver Zugang, der die Würde der Menschen herausstreiche, erleichtere hingegen, sich mit Schutz und Verantwortung auseinanderzusetzen.
Ziel sei, Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder, Jugendliche und Menschen in vulnerablen Situationen ihre Würde und ihre Fähigkeiten entfalten können, erklärte der aus Regensburg stammende Jesuit den neuen Ansatz. Zollner leitet in Rom das "Institut für Anthropologie - Interdisziplinäre Studien zur Menschenwürde und zur Sorge für Schutzbefohlene" (IADC) an der Päpstlichen Universität Gregoriana.
Kern der Kirche selbst
Die spirituelle Grundlage des "Safeguarding" sieht Zollner im Evangelium bzw. christlichen Auftrag selbst. Es sei jedenfalls nicht nur Reaktion auf öffentlichen Druck, Kirchenaustritte oder Vertrauensverlust. Jesus habe Kinder zu sich gerufen und ihnen einen Raum ohne Furcht zugesprochen. Wenn dieses Vertrauen durch Menschen in der Kirche zerstört werde, werde damit auch eine zentrale Grundlage des Glaubens beschädigt, so Zollner.
"Safeguarding" sei daher kein zusätzliches kirchliches Aufgabenfeld oder "Extra", sondern Kern der Kirche selbst und müsse sich durch das soziale, pädagogische, pastorale und spirituelle Handeln der Kirche ziehen. Prävention und "Safeguarding" dürften jedoch nicht an Spezialisten, Richtlinien oder eigens dafür zuständige Stellen delegiert werden; nötig sei eine gemeinsame Verantwortungsübernahme in Kirche und Gesellschaft, forderte Zollner.
Machtmissbrauch und Angst
Als relativ neues Feld bezeichnete Zollner den geistlichen bzw. spirituellen Missbrauch, der in den vergangenen drei bis vier Jahren stärker in Wissenschaft und Kirche diskutiert werde. Gemeint sei etwa der Einsatz religiöser oder theologischer Autorität, um Menschen in ihrer Gewissensfreiheit und Selbstbestimmung einzuschränken. Aussagen wie "Du musst das tun, weil Gott dir das sagt" könnten in Abhängigkeitsverhältnissen erheblichen Druck erzeugen und bis zu Traumatisierungen, Angstzuständen und schweren inneren Krisen führen. Zugleich sei das Phänomen juristisch schwer eindeutig zu definieren, weil Wahrnehmungen und Konstellationen sehr unterschiedlich seien.
Dass verschiedene Formen von Missbrauch ineinandergreifen können, zeige etwa der Fall der inzwischen aufgelösten katholischen Gemeinschaft "Sodalitium Christianae Vitae" in Peru. Dort habe es eine Verquickung von finanzieller Ausbeutung, sexualisierter Gewalt und spirituellem Missbrauch gegeben, so Zollner.
Am Anfang eines Missbrauchsgeschehens stehe häufig eine Person, die ihre Rolle oder Position ausnutze, Grenzen überschreite und die Würde oder Entscheidungsfreiheit eines anderen Menschen verletze. Das gelte nicht nur für sexuellen, sondern auch für physischen, psychischen und finanziellen Missbrauch.
Zölibat kein Ursachefaktor
Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch wies Zollner zurück. So seien die sogenannten Prävalenzraten - also Häufigkeiten - bei evangelischen verheiratet Pfarrern genauso hoch wie bei katholischen Priestern, ebenso gäbe es Missbrauch in anderen Religionen. Auch der Anteil diagnostizierter pathologischer Pädophiler sei in der Kirche nicht höher als in anderen Gesellschaftsgruppen.
"Der Zölibat wird dann zu einem Risikofaktor, wenn er dazu führt, dass Sexualität von Priestern nicht gut genug und reif genug integriert wird und andere Faktoren eine Rolle spielen", so der Ordensmann. Auch Einsamkeit, Überarbeitung und fehlende tragfähige Freundschaften könnten sich negativ auswirken. Entscheidend sei daher, wie Priester leben, ausgebildet und unterstützt würden und welchen Arbeitsbedingungen sie ausgesetzt seien.
KI verschärft digitale Gefahren
Wachsende Risiken beobachtete Zollner durch die rasante Digitalisierung und generative Künstliche Intelligenz. Kinder kämen in den Debatten über KI jedoch bislang kaum vor, obwohl die Möglichkeiten für digitalen Missbrauch stark gewachsen seien. Auch der Missbrauch von Bildern, die Familien von ihren Kindern ins Netz stellen, könne neue Risiken schaffen, wies der Experte hin. Generative KI könne etwa sexualisierte Darstellungen von Kindern erzeugen, ohne dass dafür ein reales Kind beteiligt sein müsse.
Die größte Zahl von Missbrauch geschieht nach Einschätzung von Zollner heute unter Kindern und Jugendlichen selbst - sexuell, psychisch oder durch Mobbing. In Schulen und Familien werde jedoch noch zu wenig darüber gesprochen, kritisierte der Jesuit. Als Beispiel nannte Zollner etwa, "wenn der Freund seiner Freundin sagt, du schickst mir jetzt ein Nacktfoto von dir, sonst verlasse ich dich". Einmal online, könnten solche Bilder dauerhaft weiterverbreitet oder technisch verändert werden. Welche langfristigen Folgen dies für Betroffene und potenzielle Täter habe, sei noch kaum abzusehen, so der Kinderschutzexperte.
Quelle: Kathpress