
Bischof aus Syrien:
"Wo ist der Platz der Christen im neuen Syrien?"
Bischof aus Syrien:
"Wo ist der Platz der Christen im neuen Syrien?"
Die christliche Minderheit in Syrien wird derzeit nicht systematisch verfolgt und kann ihr kirchliches Leben frei gestalten. Doch die politische Lage ist weiterhin sehr unsicher bzw. fühlen sich die Christen von der Politik ausgeschlossen und haben kein Vertrauen in die neuen Machthaber. Das war die Quintessenz des Vortrags des armenisch-apostolischen Bischofs Armash Nalbandian bei der Jahrestagung der Initiative Christlicher Orient (ICO) am Montagabend in Salzburg.
Anfangs habe es Beteuerungen der neuen politischen Führung gegeben, auch die Christen in die Politik bzw. die staatlichen Institutionen zu integrieren. Doch davon sei bislang nichts umgesetzt worden, so Nalbandian: "Die Christen fühlen sich marginalisiert und vom politischen System ausgeschlossen. Wo ist der Platz der Christen im neuen Syrien?"
Der Bischof untermauerte dies unter anderem mit folgenden Zahlen: So gebe es unter den 210 Mitgliedern des Parlaments nur 6 Christen, in der Regierung nur eine weibliche und zugleich christliche Ministerin. Die Beziehungen zur politischen Führung seien höflich aber ohne praktische Substanz.
Sehr besorgt zeigte sich der Bischof über die seit März 2025 bestehende Übergangsverfassung, die Syrien als Präsidialrepublik mit dem Islam als Hauptquelle der Rechtssprechung bzw. der gesellschaftlichen Ordnung definiert. Auf dieser Basis lasse sich kein Land mit gleichen Rechten und Pflichten für alle Bürgerinnen und Bürgern gestalten, warnte Nalbandian. Die Einhaltung der Menschenrechte erachtet der Bischof als zentral für eine gute Zukunft aller Bewohner des Landes.
Besorgt sei man in der christlichen Gemeinschaft auch wegen des zunehmenden Einflusses der Türkei vor allem im Norden des Landes, etwa in Aleppo. Diese zunehmende wirtschaftliche und politische Präsenz könnte die Christen vor Ort nachhaltig schwächen, so die Befürchtung. Der zunehmende islamistische Fundamentalismus und die schlechte Sicherheitslage sei für die schwindende christliche Minderheit zudem eine immanente Gefahr. Als positiv bewertete es der Bischof, dass es derzeit im Land möglich sei, seine Meinung zu sagen und auch die neue Regierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa zu kritisieren.
"Syrien ist kein sicherer Ort für Christen"
Zahlen zu den bisher in Syrien verbliebenen Christen seien schwierig, sagte Bischof Nalbandian. Er präsentierte dementsprechend nur Schätzungen: Lebten vor rund 60 bis 70 Jahren noch bis zu 350.000 armenische Christen in Syrien, waren es in der Zeit vor dem Ausbruch des Krieges 2011 noch bis zu 120.000. "Heute gibt es in Syrien noch 15.000 bis maximal 20.000 armenische Christen", so Nalbandian.
Die Christinnen und Christen seien keine Minderheit, sondern integraler Bestandteil Syriens, erläuterte der Bischof das Selbstverständnis der Christen. Viele Errungenschaften in den Bereichen der Bildung, der Medizin, der Kultur oder auch im sozialen Bereich seien auf sie zurückzuführen.
Angesichts der schwierigen Situation - "die Menschen sind einfach unendlich müde und erschöpft" - zeigte der Bischof Verständnis dafür, "dass so gut wie alle Christen das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen wollen". Die Zukunft des armenischen und des gesamten Christentums stehe deshalb auf des Messers Schneide, so sein dramatischer Warnruf. Syrien sei eines der wesentlichen Fundamente des Christentums, "und dieses Fundament droht wegzubrechen".
An den Westen appellierte Nalbandian zum einen, das Land und seine Menschen nicht im Stich zu lassen, sondern sich für eine positive Entwicklung vor Ort stark zu machen. Keineswegs dürfe die Situation in Syrien deshalb auch durch die "rosarote Brille der eigenen Interessen" gesehen werden. Eine Rückkehr von Christen in ihre Heimat sei derzeit so gut wie nicht möglich bzw. hoch riskant. "Syrien ist kein sicherer Ort für Christen."
In Armenien und Deutschland ausgebildet
Bischof Nalbandian wurde 1973 in Aleppo geboren. 1987 begann er seine kirchliche Ausbildung am Theologischen Seminar der Armenisch-apostolischen Kirche in Etschmiadzin nahe der armenischen Hauptstadt Jerewan. Mitte der 1990er-Jahre ging er nach Deutschland, wo er als Seelsorger wirkte und seine Studien fortsetzte. Als Stipendiat des Diakonischen Werkes studierte er evangelische Theologie in Erlangen und katholische Theologie in Tübingen. 1998 wurde er zum Mönchspriester geweiht. 2004 ging Nalbandian zurück nach Syrien, 2006 wurde er zum Bischof geweiht. Er residiert in Damaskus.
Die Jahrestagung der österreichischen Hilfsorganisation ICO, die gemeinsam mit der Salzburger "Pro Oriente"-Sektion und dem Zentrum zur Erforschung des christlichen Ostens an der Universität Salzburg (ZECO) veranstaltet wird und bis Dienstag anberaumt ist, steht unter dem Generalthema "Armenisches Christentum im Nahen Osten - Geschichte, Gegenwart, Zukunft".
Quelle: Kathpress