
Ordensfrau: Europa ist nur ein kleiner Teil der Weltkirche
"Europa ist nicht die Weltkirche, sondern ein kleiner Teil von ihr." - Das betonte die heimische Ordensfrau und langjährige Afrika-Missionarin Johanna Datzreiter im Interview mit der St. Pöltner Kirchenzeitung "Kirche bunt". Insofern ärgere es sie auch, wenn in Österreich die afrikanische Kultur nicht genug geschätzt werde. "Deshalb sollten wir unseren Horizont erweitern, wir sollten voneinander lernen, wir sollten uns bemühen, andere besser zu verstehen, und den Dialog mit allen pflegen", so die Ordensfrau. Sie glaube freilich, dass die Kirche hier inzwischen auf einem guten Weg sei, "den Auftrag Christi zusammen neu zu entdecken - auf den Weg zur Einheit, wie unsere afrikanischen Schwestern und Brüder es ausdrücken würden".
Datzreiter (geb. 1938) ist seit 1958 Ordensschwester der Kongregation der Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens. Sie verbrachte 43 Jahre im westafrikanischen Staat Liberia. Dort erlebte sie den Putsch des Warlords Charles Taylor und den darauffolgenden Bürgerkrieg hautnah mit und musste mehrmals vor seinen Kindersoldaten und Söldnern durch den Dschungel fliehen. Später engagierte sie sich unter anderem für die Reintegration der ehemaligen Kindersoldaten in die Gesellschaft. 2017 kehrte sie wieder nach Österreich zurück und lebt heute im Ordenshaus in Wien.
Familie, Religion, Bildung
Datzreiter schrieb mehrere Bücher. In ihrem Buch "Ich bin, weil wir sind" erzählt sie von der Lebensfreude und dem Wert der Gemeinschaft in Afrika. "Die Menschen in Afrika sind Gemeinschaftsmenschen. Jeder Afrikaner ist Teil seiner Großfamilie und auch die Ahnen gehören dazu. Für die Afrikaner ist die Familie das Um und Auf", erläuterte die Ordensfrau im Interview. Zugleich seien die Armut und die Lebensbedingungen vor Ort für Europäer kaum vorstellbar.
Religion spiele zugleich eine überragende Rolle in Afrika: "Ich habe keinen einzigen Afrikaner getroffen, der nicht gläubig ist. Der nicht immer alles auf Gott bezieht, auch im Elend." Die Meinung, dass die Menschen in Afrika nur deshalb zur Kirche kämen, weil ihnen diese hilft, wies Datzreiter zurück: "Die Afrikaner haben schon einen Gott gehabt, bevor wir da waren. Dieser Schöpfergott, der alles geschaffen hat, das war für sie ein Begriff, weil sie mit ihm gelebt haben." Das sei freilich nicht der Gott der Bibel gewesen, doch an der vorhandenen Religiosität müsse man auch in der Mission anknüpfen. "Man kann Religion nicht erzwingen, sie muss wachsen", so die Ordensfrau.
Zur Frage, wie etwa ein Land wie Liberia aus der Armut entkommen könnte, hielt Datzreiter fest, dass es nicht genüge, die korrupten und kriminellen Machthaber zu entfernen. "Man kann nur helfen, indem man die Leute langfristig ausbildet. Es geht nicht nur darum, mit einem Projekt die Beschaffung eines Traktors für ein Dorf zu fördern, sondern es geht um die Aus- und Weiterbildung für die Leute dort, damit sie wissen, wie sie diesen Traktor erhalten können", so Datzreiter. Fazit: " Es muss immer um eine nachhaltige Bildung gehen."
Quelle: kathpress