
Hilfswerk prangert "moderne Sklaverei" in Pakistans Ziegelfabriken an
Schulden, die über Generationen weitergegeben werden, Kinderarbeit und kaum eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben: Die österreichische Hilfsorganisation Christen in Not prangert die Bedingungen in pakistanischen Ziegelfabriken an. "Das ist moderne Sklaverei", sagt Larissa Eckhardt, Mitarbeiterin der Organisation, im Gespräch mit Kathpress nach einem Besuch mehrerer Fabriken im Raum Lahore. Viele Familien seien in einer Schuldenspirale gefangen, aus der sie aus eigener Kraft kaum herauskämen. Laut einem Bericht der "Salzburger Nachrichten" (20. Oktober) sind besonders viele Ziegelfabriken in der Provinz Punjab angesiedelt.
Die Familien stellen Ziegel in Handarbeit her. Nach Angaben Eckhardts müssen sie täglich große Mengen von rund 1.000 Stück produzieren, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und ihre Schulden abzutragen. In der Regel arbeiten auch die Kinder mit, statt zur Schule zu gehen. "Der Druck ist hoch, die Eltern können das allein nicht schaffen. Kinder übernehmen daher schon ab einem Alter von fünf Jahren Tätigkeiten", berichtete Eckhardt.
Wie wenig den Betroffenen bleibt, zeigt das Beispiel einer von ihr befragten Familie mit fünf Personen. Bei einem monatlichen Familieneinkommen von 30.000 pakistanischen Rupien (rund 97 Euro), das wöchentlich in Raten von 7.500 Rupien (rund 24 Euro) ausbezahlt wird, blieben einer fünfköpfigen Familie nach Abzügen für Schuldenraten, Strom und weitere Kosten am Ende der Woche nur 1.000 bis 1.500 Rupien (rund 3 bis 5 Euro) zum Leben. Reiche das Geld nicht, müssten die Familien neue Kredite aufnehmen - etwa bei Krankheit oder wenn sie ein Kind zur Schule schicken wollten. So werde der Teufelskreis aufrechterhalten. "Es ist seitens der Ziegelfabrikbetreiber gar nicht gewollt, dass die Familien das abbezahlen", so Eckhardts Einschätzung.
Viele Familien lebten seit Jahrzehnten in den Fabriken und schafften den Ausstieg nicht. Schulden würden beim Tod der Eltern teils an die Kinder vererbt. Hinzu kämen die Belastungen durch extreme Wetterbedingungen: Während der heftigen Monsunregenfälle würden Ziegel beschädigt, wobei die Familien einen Teil des Schadens selbst tragen müssten. Im Winter erschwerten dichter Nebel und Temperaturen von nur drei bis fünf Grad die Arbeit. Besonders groß sei die Sorge, krank zu werden und deshalb das tägliche Produktionspensum nicht zu schaffen. Selbst Medikamente, die Fabrikbesitzer im Krankheitsfall bereitstellten, würden den Betroffenen verrechnet.
Gesetze greifen zu wenig
Zwar ist Schuldknechtschaft in Pakistan seit 1992 ausdrücklich gesetzlich verboten. In der Praxis werde das Recht jedoch unzureichend durchgesetzt, kritisiert Eckhardt. Viele Betroffene könnten kaum lesen und schreiben; Vereinbarungen würden häufig mündlich getroffen. Zugleich hätten die äußerst wohlhabenden Fabrikbesitzer - Eckhardt sprach von "Ziegelfürsten" - erheblichen Einfluss: "Wenn man in Pakistan viel Geld hat, kann man alles machen."
Besonders gefährdet von der Ausbeutung in Ziegelfabriken sind laut Eckhardt religiöse Minderheiten. Nach Beobachtungen des Projektpartners - einer katholischen Ordensgemeinschaft - sind rund 70 Prozent der Familien in den besuchten Ziegelfabriken christlich. Christen seien in Pakistan vielfach gesellschaftlich und wirtschaftlich benachteiligt. Fehlende Bildung und eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten machten sie besonders anfällig für Ausbeutung. Benachteiligt werden auch Frauen, die in der Regel neben der Ziegelproduktion auch die Kinder versorgen und den Haushalt führen müssen. Zugleich seien sie einem erhöhten Risiko für Missbrauch ausgesetzt.
Hilfe soll dauerhaft wirken
Das Ausmaß moderner Sklaverei in Pakistan geht weit über die Ziegelfabriken hinaus. Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation Walk Free lebten 2025 rund 2,3 Millionen Menschen im Land in moderner Sklaverei. Dazu zählt die Organisation laut den "Salzburger Nachrichten" neben Schuldknechtschaft auch erzwungene Heiraten. Obwohl Pakistan mit dem "Bonded Labour System (Abolition) Act" bereits 1992 ein ausdrückliches Gesetz gegen Schuldknechtschaft verabschiedete, wird dieses unzureichend umgesetzt. Laut einem Bericht der pakistanischen Nationalen Menschenrechtskommission vom August 2025 gaben 86 Prozent der befragten Arbeiter in der Provinz Punjab an, noch nie Arbeitsinspektoren auf dem Fabrikgelände gesehen zu haben.
Eckhardt zufolge ist das Problem der Ziegelfabriken schon seit Jahrzehnten bekannt, ohne dass sich die Lage grundlegend verbessert habe. Entscheidend seien mehr Aufmerksamkeit, Bildung und realistische berufliche Alternativen. "Wegschauen, das geht gar nicht", so die NGO-Mitarbeiterin.
Die mit "Christen in Not" kooperierende Ordensgemeinschaft in Pakistan hat bereits 15 Familien aus der Schuldknechtschaft freigekauft. Ein bloßer Schuldenerlass reiche jedoch nicht aus, betont Eckhardt. Ohne sichere Unterkunft und ein dauerhaftes Einkommen drohten die Familien erneut Kredite aufnehmen zu müssen. Christen in Not will deshalb gemeinsam mit dem Partner ein längerfristiges Hilfskonzept entwickeln. Die bisherige Unterstützung umfasste auch Startkapital, die Vermittlung von Schulplätzen und in einem Fall die Anschaffung einer Rikscha, mit der ein Vater künftig als Fahrer Geld verdienen kann. (Infos: https://christeninnot.com)
Quelle: kathpress