
"radio klassik Stephansdom" nimmt "Christfluencer" in den Blick
Dem Phänomen der "Christfluencer" spürt der Wiener Sender "radio klassik Stephansdom" nach und sucht nach fundierter Information im Spannungsfeld zwischen Verkündigung, Klickzahlen und der Suche nach Orientierung. Zu Wort kommen kirchliche Expertinnen und Experten, aber auch Christfluencer. Die Sendung über Christfluencer in der Reihe "Im Schnittpunkt" wird am Mittwoch, 21. Oktober, um 19 Uhr ausgestrahlt und ist im Anschluss als Podcast verfügbar.
Der Apostel Paulus hätte vermutlich einen Instagram-Account gehabt. Davon ist Gabriele Eder-Cakl, Leiterin des Österreichischen Pastoralinstituts, überzeugt. Paulus hätte die Kommunikationsmittel seiner Zeit genutzt, um Menschen zu erreichen: "Damals waren es Schiffe, Briefe und Marktplätze. Heute wären es wohl Reels, Podcasts und soziale Netzwerke", so Eder-Cakl. - Paulus wäre heute ein "Christfluencer".
Der Begriff hat sich in den vergangenen Jahren etabliert. Gemeint sind Christinnen und Christen, die ihren Glauben auf Social-Media-Plattformen sichtbar machen. Doch wer genauer hinschaut, merke rasch: Christfluencer ist nicht gleich Christfluencer. Während manche Menschen digitale Räume nutzen, um von ihrem Glauben zu erzählen, Gemeinschaft zu fördern und Fragen zuzulassen, setzten andere auf einfache Antworten, scharfe Abgrenzungen und konservative Weltbilder.
Für Eder-Cakl ist deshalb Vorsicht bei der Verwendung des Begriffs geboten. Sie spreche lieber von christlichen Influencerinnen und Influencern oder von christlich aktiven Menschen im digitalen Raum. Der Ausdruck "Christfluencer" sei zunehmend mit bestimmten Strömungen verbunden, die oftmals nationalistisch, fundamentalistisch oder stark ideologisch geprägt auftreten. Die Kirche brauche hier eine "Unterscheidung der Geister". Entscheidend sei, ob Menschen einschließen oder ausschließen, ob sie mit Angst arbeiten oder Hoffnung vermitteln und ob sie sich am Zweiten Vatikanischen Konzil sowie an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren.
Scheinbar einfache Antworten
Mit den Chancen und Risiken beschäftigt sich auch Robert Wurzrainer von der Fachstelle für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Wien. Er beobachte, dass manche reichweitenstarke christliche Influencerinnen und Influencer "ein Schwarz-Weiß-Denken vermitteln". Die eigene Glaubensüberzeugung erscheine als einzig richtige Wahrheit, andere Sichtweisen würden abgewertet. Dazu kämen oftmals traditionelle Rollenbilder, autoritäre Botschaften und eine Nähe zu politischen Positionen, die Vielfalt und gesellschaftliche Offenheit kritisch sehen. Besonders im deutschsprachigen Raum seien Verbindungen zu rechtskonservativen Milieus immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Beobachtung.
Gerade Jugendliche und junge Erwachsene suchten jedoch Orientierung. Die sozialen Medien liefern scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen: Was macht einen guten Menschen aus? Wie gelingt ein erfülltes Leben? Wie finde ich Sinn? Die Attraktivität vieler Influencer liegt laut Wurzrainer genau darin, dass sie Sicherheit vermitteln. Zweifel und Ambivalenzen kämen kaum vor. Das wirke überzeugend, bringe aber auch Risiken mit sich.
Beziehungen in den Mittelpunkt stellen
Dass Kirche im digitalen Raum auch anders auftreten kann, zeigt Stefanie Sandhofer, vielen besser bekannt als "Kirchensteffi". Die digitale Seelsorgerin der Erzdiözese Wien begleitet Menschen auf Instagram und TikTok. Für sie stehen nicht Klickzahlen oder Reichweiten im Vordergrund, sondern Beziehungen. Menschen schreiben ihr direkt, erzählen von Sorgen, Glaubensfragen oder schwierigen Lebenssituationen. "Mir geht es nicht darum, Follower zu sammeln, sondern Menschen kennenzulernen", beschreibt sie gegenüber "radio klassik Stephansdom" ihren Zugang. Authentizität, Ehrlichkeit und Transparenz seien im digitalen Raum wichtiger denn je.
Dabei erlebe sie auch die Schattenseiten sozialer Netzwerke. Vor allem auf TikTok beobachte sie einen raueren Umgangston, stärkere Polarisierung und Radikalisierungstendenzen. Gerade deshalb wolle sie bewusst einen anderen Weg gehen. Christliche Kommunikation bedeute für sie, Menschen ernst zu nehmen, zuzuhören und auch dann respektvoll zu bleiben, wenn unterschiedliche Weltanschauungen aufeinandertreffen. Nächstenliebe müsse sich schließlich auch in Kommentaren und Diskussionen zeigen.
Als positives Beispiel für christliche Präsenz im Netz kommt in der Sendung auch Sandesh Manuel zu Wort. Der aus Indien stammende Franziskaner lebt und wirkt in Wien. Als Musiker, YouTuber und "rappender Mönch" verbindet er Glauben, Lebensfreude und persönliche Erfahrungen. Seine Videos und Lieder erreichen zehntausende Menschen. Dabei vermeide er einfache Antworten, wie er sagt. Vielmehr stelle er Fragen, die viele beschäftigen: Warum werden Kirchen leerer? Wo suchen Menschen heute Sinn? Und wie kann Glaube im Alltag tragfähig bleiben?
Es gehe nicht darum, alle Antworten zu kennen, sondern die Bereitschaft, gemeinsam nach ihnen zu suchen: "Nicht Ausgrenzung, sondern Dialog. Nicht Angst, sondern Vertrauen."
(Infos/Podcast: radioklassik.at)
Quelle: kathpress