
Caritas Socialis-Ratgeber leitet zur "mutigen" Trauerbegleitung an
Nach einem Verlust die richtigen Worte finden zu wollen, verunsichert und überfordert viele. Dabei ist es weniger wichtig, das Richtige zu sagen, als einfach für Trauernde da zu sein, wie die Autorinnen Silvia Langthaler und Sheila Camilla Carney in ihrem neuen, von der Caritas Socialis herausgegebenen Ratgeber für die Begleitung von Trauernden schreiben. "Da sein & Da bleiben" zeigt Möglichkeiten auf, mutig Dinge anzusprechen, denn das Schlimmste sei, über die Trauer und Verstorbene zu schweigen, erzählt Carney im Interview mit Kathpress. 2023 starb der siebeneinhalb Jahre alte Sohn der 51-Jährigen unerwartet. "Die Trauer wird nicht kleiner, aber die Welt darf wieder größer werden", so Carney. Dabei habe ihr ein liebevolles und vor allem nachfragendes Umfeld geholfen.
"Wir alle sind in unserem Alltag Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter - von Freunden, Arbeitskollegen oder Nachbarn", sagte Langthaler, die Carney die ersten Jahre nach dem Verlust ihres Sohnes im "Roten Anker", einer Einrichtung des CS Hospiz Rennweg, begleitete. "Dabei ist es wichtig, auf die Trauernden aktiv zuzugehen und nicht zu sagen, melde dich, wenn du etwas brauchst, sondern konkrete Angebote zu machen", so die Autorin. Das könne ein Topf Spaghetti sein oder die Bereitschaft, nachts telefonisch erreichbar zu sein, da gerade die Nächte für Trauernde sehr herausfordernd sein können. Auch nach den Verstorbenen zu fragen, zeige Anteilnahme, weil die meisten Trauernden sehr gerne über ihre verstorbenen Angehörigen sprechen.
Nachfragen zu ihrem Sohn waren für Carney insbesondere am Anfang wichtig, "weil das meinen Sohn ganz nahe geholt hat. Alle meine Gedanken haben sich ja nur um meinen Sohn gedreht in dieser Zeit." Nachrichten von Freunden und kleine Zeichen, dass weiterhin an ihren geliebten Menschen gedacht wird, hätten auch in der Zeit der ersten Geburtstage, Sterbetage, Muttertage oder ersten Schultage ohne ihren Sohn geholfen. "Das eigene Sicherheitsgefühl ist ja komplett untergraben nach so einem Verlust, mit dem niemand gerechnet hat", erzählt Carney. Das kontinuierliche "Da-Sein" und Nachfragen habe sie als "kleine Mini-Strohhalme" empfunden.
"Am Anfang ist da dieses Überleben, wie komme ich durch die nächsten fünf Minuten. Die ersten Monate verliefen wie auf Autopilot", berichtet Carney über ihren Trauerprozess. Dieser sei auch nicht in Phasen verlaufen, "die dann irgendwann abgehakt sind". Die Trauer lasse sich ganz gut mit dem "Kaleidoskop des Trauerns" der Expertin Chris Paul beschreiben. Sie sei beweglich und flexibel mit vielen Facetten, die einander abwechseln, so Carney, die sich ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes selbst zur Trauerbegleiterin ausbilden ließ.
"Trauer läuft parallel zum Leben ab, was in unserer Gesellschaft oft nicht wahrgenommen wird", erklärte Carney. So könne ein trauernder Mensch in seiner Arbeit "Verschnaufpausen" erleben und irgendwann auch wieder lachen. Das bedeute aber nicht, dass die Trauer damit beendet sei, wie es andere oft fälschlicherweise annehmen würden. "Trauerbegleitung dauert nicht bis zum Begräbnis, sondern dauert Jahre", so Langthaler. In vielen Köpfen herrsche noch die Vorstellung des "Trauerjahres" als Zeitrahmen, in dem Trauer verankert ist.
"Für mich ist Trauer in meinem Leben etwas, was auf jeden Fall bleiben wird, auch wenn sie sanfter wird, aber es wäre seltsam, wenn es nicht so wäre", erzählt Carney. Sätze wie "Du musst ihn loslassen" oder "Du musst jetzt mal weitergehen" seien für sie unverständlich. "Das ist mein Kind und was ich sicher nicht machen werde, ist, ihn loszulassen, sondern ich werde ihn ganz festhalten und immer im Herzen dabeihaben."
"Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern", ergänzt Langthaler. "Trauer ist eine Fähigkeit, uns an eine neue Situation anzupassen. Wir betrachten sie als Lösung und nicht als Problem." So heißt es auch im Buch: "Trauer ist Ausdruck unserer Liebe und Liebe will gelebt werden." Es sei wichtig, Trauernden auch ihre Selbstkompetenz zuzusprechen, so die Psychotherapeutin, denn Trauernde würden Enormes leisten: körperlich, psychisch und seelisch. "Trauernden begegnet man oft mit einem sehr mitleidigen Blick. Dabei sind sie nicht nur verwaiste Mütter oder trauernde Menschen, sondern Individuen mit eigenen Talenten und Fähigkeiten", legte Langthaler dar.
Nicht nur als Trauernde wahrgenommen zu werden und Vertrauen zugesprochen zu bekommen, mache die eigene Welt auch wieder größer, erzählt Carney. Über das ganze erste Jahr nach dem Tod ihres Sohnes hindurch verarbeitete sie ihre Emotionen in selbst komponierten Songs. "Für mich war es hilfreich, meine Gefühle und die Liebe zu meinem Sohn irgendwo hinzupacken - denn das tägliche Vorlesen oder Butterbrotstreichen, all das war auf einen Schlag weg." Entstanden sind daraus 13 Liebeserklärungen auf dem Album "Wir sind immer so", das vor Kurzem erschienen und auf allen gängigen Musikplattformen zu finden ist.
Angebote im "Roten Anker"
Im Roten Anker im CS Hospiz Rennweg (1030 Wien, Oberzellergasse 1) werden Kinder, Jugendliche und deren Familien, die in einer CS-Einrichtung einen geliebten Menschen verloren haben, psychotherapeutisch betreut. Das Angebot wird durch Spenden finanziert. Zudem gibt es Trauergruppen für Kinder von sechs bis zwölf Jahren, Jugendliche von 13 bis 18 Jahren und junge Erwachsene von 19 bis 26 Jahren sowie eine Minitrauergruppe für Kleinkinder bis sechs Jahre. Parallel zur Kindertrauergruppe können auch erwachsene Angehörige eine begleitete Trauergruppe besuchen. Darüber hinaus bietet der Rote Anker Schulprojekte zu Sterben, Tod und Trauer für verschiedene Schulstufen an.
(Der Ratgeber "Da sein & Da bleiben" ist gegen eine Spende per E-Mail an kommunikation@cs.at erhältlich und wird per Post zugeschickt. Spenden sind unter www.cs.at/spenden möglich.)
Quelle: kathpress