
100 Jahre Joseph Ratzinger: Wiener Symposion als "Ouvertüre" eröffnet
Ausdrücklich als "Ouvertüre" zum Gedenkjahr aus Anlass des 100. Geburtstags von Joseph Ratzinger am 16. April 2027 versteht sich die Tagung "Joseph Ratzingers Theologie im Widerstreit", die am Donnerstag an der Universität Wien eröffnet wurde. Bis 24. Oktober diskutieren internationale Expertinnen und Experten über die Theologie des 2022 verstorbenen Ratzinger/Benedikt XVI. entlang der theologischen Prinzipien Offenbarung, Schrift und Tradition. Man habe die Tagung bewusst konfliktiv gestaltet und die Themen jeweils mit Referenten "unterschiedlicher theologischer Beheimatung" besetzt, erklärten die Organisatoren, der Wiener Dogmatiker Prof. Jan-Heiner Tück und der Augsburger Dogmatiker Prof. Thomas Marschler zur Eröffnung. Schließlich sei produktiver Disput ganz im Sinne Ratzingers.
Es gelte abzuwägen, wo die Theologie Ratzingers in aktuellen Debatten etwa über das Offenbarungsverständnis und dessen Kritik, über die Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) und über den Diskurs mit der Moderne und die Wahrheitsfrage in der Moderne neu einzuspielen ist, erklärten Tück und Marschler. Und letztlich gelte es dabei auch der "doppelten Versuchung" einer "hagiographischen Verklärung" auf der einen einer "Abrechnung" mit Ratzinger auf der anderen Seite zu widerstehen.
Bei all dem gelte es im Übrigen auch, den Blick über den deutschsprachigen Tellerrand hinaus zu werfen - denn die Ratzinger-Forschung habe etwa im angelsächsischen Raum mit mehreren eigenen Ratzinger-Handbüchern deutlich Fahrt aufgenommen.
Religionsfreiheit: Kein Traditionsbruch
Der Frage des Verständnisses des Konzils ging Tück in einem eigenen Vortrag bei dem Symposion nach. Hier votierte Ratzinger bekanntlich für einen dritten Weg, d. h. für ein Verständnis eines an Tradition und Kirche rückgebundenen Reformkonzepts. Das Konzil lasse sich mit Ratzinger weder als Abkehr von der kirchlichen Überlieferung noch als Gründung einer "neuen Kirche" deuten, sondern vielmehr in einer "Hermeneutik der Reform".
Einen wichtigen Prüfstein stelle diesbezüglich das Dokument 'Dignitatis humanae' zur Religionsfreiheit dar. Dabei gehe es auch um die Frage, ob die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit einen Bruch der Lehre darstelle oder sich auf eine gewisse Lehrkontinuität berufen könne. Tück plädierte in seinem Vortrag dafür, auch im Blick auf die Religionsfreiheit die Ratzingersche Linie eines Ineinanders von Momenten der Kontinuität und Diskontinuität zu verfolgen: Kontinuität bestehe auf theologischer Ebene im Verständnis des Glaubens als freier Antwort auf Gottes Liebe. Diskontinuität gebe es hingegen im Bereich politischer und rechtlicher Ordnungen. Mit "Dignitatis humanae" habe die Kirche ältere Vorstellungen einer konfessionell geprägten Staatslehre korrigiert und auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen reagiert.
Höhepunkt: Podiumsgespräch mit Kardinal Schönborn
Einen Höhepunkt der Tagung bildet am Freitagabend (23. Oktober, 19 Uhr, BIG Hörsaal der Uni Wien) ein öffentliches Podiumsgespräch zwischen Tück, Marschler und Kardinal Christoph Schönborn als langjähriger Schüler und Mitarbeiter Joseph Ratzingers.
Weitere Referentinnen und Referenten sind u. a. Helmut Hoping und Magnus Lerch ("Der Primat der Offenbarung"); Ludger Schwienhorst-Schönberger und Eckart David Schmidt ("Schriftauslegung im Widerstreit"), Jan-Heiner Tück und Christian Bauer ("Der Disput um die Konzilshermeneutik"), Karl-Heinz Menke und Hans Schelkshorn ("Glaube und Vernunft im Kontext der Moderne - ein strittiges Verhältnis"), Ioan Moga und Christoph Markschies ("Hellenisierung - ein providentielles Ereignis?") sowie Thomas Marschler und Markus Weißer ("Die Rolle des Lehramtes im kirchlichen Traditionsprozess").
Den Abschluss der Tagung bilden schließlich nach dem Gespräch mit Kardinal Schönborn weitere Vortrags- und Diskussionseinheiten mit Markus Lersch und Mirja Kutzer ("Wesen und Auftrag der Theologie"), Reinhard Meßner und Marco Benini ("Der Geist der Liturgie im Zwiegespräch"), Barbara Hallensleben und Gunther Wenz ("Ökumene im Disput") sowie Johannes Grössl und Reinhold Bernhardt ("Christologie im Zeichen des Religionspluralismus").
Quelle: kathpress