
"Dies irae": Mittelalterliches Totengedicht mehr als Angstgesang
Die mittelalterliche Sequenz "Dies irae" ("Tag des Zorns"), die seit der Liturgiereform 1970 nicht mehr Bestandteil des katholischen Requiems ist, deutet das Jüngste Gericht nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Ausdruck der Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit. Das ursprünglich im 13. Jahrhundert entstandene Reimgebet des Franziskaners Thomas von Celano verbinde drastische Bilder vom Weltende und der göttlichen Rechenschaft mit dem Vertrauen darauf, dass Christus als Richter auch Retter sei, so die Theologin Dorothee Bauer in der Kirchenzeitung der Diözese St. Pölten "Kirche bunt" (aktuelle Ausgabe). Vertont wurde das Totengedicht u. a. von Wolfgang Amadeus Mozart oder Giuseppe Verdi; die Anfangstöne finden sich auch in Filmmusiken wie denen zu "Star Wars" und "Der Herr der Ringe".
"Zu düster und bedrohlich, zu wenig österlich und hoffnungsvoll, so die Einschätzung der Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils, die den Text mit der Liturgiereform 1970 aus dem Römischen Messbuch verbannten", erklärt die Theologin und Referentin im Erzbischöflichen Sekretariat der Erzdiözese Wien. Und weiter: "Zu Recht, sagen viele. Denn hat eine Droh- und Schreckenspastoral nicht allzu oft eine unheilvolle, traumatisierende Schneise der Angst vor Höllenstrafen und ewiger Verdammnis in die Herzen der Menschen geschlagen?", so Bauer, die zur Rezeptionsgeschichte des "Dies irae" forscht.
Tatsächlich zeichnet die Sequenz laut Bauer zunächst das Bild eines unerbittlichen Gerichts: Nichts bleibt verborgen, alle Menschen müssen für ihr Leben Rechenschaft ablegen. Doch im weiteren Verlauf wechselt der Text von der Beschreibung des Weltendes zum persönlichen Gebet. Der Mensch setzt seine Hoffnung nicht auf eigene Verdienste, sondern auf Jesus Christus, der als Richter zugleich für Gottes Güte und Barmherzigkeit steht. Die Worte "Qui salvandos salvas gratis" - sinngemäß: "Du rettest die zu Rettenden aus Gnade" - verdeutlichten diesen Gedanken.
Damit entziehe sich die Sequenz einer rein strafenden Deutung Gottes und verbinde Gericht und Barmherzigkeit, hieß es. Menschen müssten für ihr Handeln einstehen, dürften aber zugleich darauf vertrauen, dass Gott ihnen mit Liebe begegnet und Schuld vergibt. Gerade diese Verbindung mache den theologischen Kern des Textes aus, so Bauer, die damit auch der "Tendenz, Gott nur als 'lieben Gott', als 'Schönwettergott', als eine Art Wohlfühlgarantie zu sehen" widerspricht. Das "Dies irae" ist damit laut der Theologin auch eine Einladung "zu einem ehrlichen Blick auf das eigene Leben, der nicht alles sofort wegentschuldigt oder rechtfertigt".
Quelle: kathpress