
Brenner-Basistunnel: Theologe untersucht Seelsorge auf Großbaustellen
12-Stunden-Schichten, gefährliche Arbeit und lange Zeiten fern der Familie prägen den Alltag vieler Beschäftigter auf der Baustelle des Brenner-Basistunnels. Entsprechend hoch sind neben den körperlichen auch die seelischen Belastungen. Dass angesichts dessen ein Bedarf an eigenen Seelsorgerinnen und Seelsorgern auf Großbaustellen besteht, ergab eine Exkursion von Studierenden der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz und der Montanuni Leoben samt Begegnung im Brenner-Basistunnel. "Es wurde offensichtlich, dass eine Baustelle jemanden braucht, der für die Seelsorge der Menschen da ist, der zuhört und Situationen in Ritualen gestalten kann und die Kontexte der Menschen und ihre Würde im Blick hat", berichtete der Grazer Theologe Prof. Bernd Hillebrand auf "feinschwarz".
Mit acht Studierenden und auf Initiative des Betriebsseelsorgers Peter Maile und des technischen Geschäftsführers des Bauloses H53, Sebastian Dietrich, besuchte der Grazer Pastoraltheologe die Baustelle in Steinach am Brenner. 500 Mineure leben in Stafflach am Brenner und arbeiten an dem 64 km langen Eisenbahntunnel - einem der größten Bauprojekte Europas -, der Franzensfeste in Italien und Innsbruck in Österreich miteinander verbindet. Die Mineure erzählten von acht Tagen durchgehend auf der Baustelle, bevor sie für fünf Tage daheim bei ihren Familien verbringen können, und von gefährlichen Situationen bei ihrer Arbeit.
Vertrauen als Grundlage für gefährliche Arbeit
Die technischen Herausforderungen seien enorm, schilderte Hillebrand seine Eindrücke. Beim Vortrieb müssten die Mineure und Ingenieure immer wieder auf geologische Überraschungen reagieren. Fels- und Wassereinbrüche könnten lebensbedrohlich werden. Gleichzeitig stünden die Verantwortlichen unter Finanz- und Zeitdruck. Unterschiedliche Interessen von Projektträger, Bauaufsicht und Baufirmen könnten zusätzliche Spannungen erzeugen. Zwischen den Arbeitenden, aber auch den Verantwortlichen des Projektträgers, bedürfe es guter Kommunikation und hoher Verlässlichkeit, was "die Grundlage für gegenseitiges Vertrauen und Solidarität darstellt", erklärte Hillebrand nach einem Austausch mit den Projektverantwortlichen.
In diesem "Dazwischen" findet auch die Seelsorge durch Peter Maile statt, berichtete der Theologe weiter. Seine Kleidung unterscheide sich von jener der Arbeitenden nur durch die Aufschrift "Betriebsseelsorge" auf dem Rücken. Im Tunnel gehe er unmittelbar auf die Mineure oder Poliere zu und frage nach ihrem Befinden. Am Sicherheitstag biete er einen Stand für Selbstfürsorge und Sorge für die Seele an. Dort werde über die eigene Familie gesprochen, über die Achtsamkeit auf der Baustelle, aber auch über den Alkoholkonsum. Jedes Jahr am Fest der Heiligen Barbara gestaltet Maile einen Gottesdienst mit anschließendem Fest. Sie ist die Fürsprecherin der Bergleute und der Tunnelbauer.
Seelsorge in Finanzierung und Planung berücksichtigen
Der Verantwortliche des BBT-Projektträgers habe schließlich den Vorschlag gemacht, dass in die Kalkulation von Großbaustellen die Finanzierung von Seelsorgenden eingeplant werden sollte. Es habe sich herausgestellt, dass Theologie auf der Baustelle durchaus sprach- und anschlussfähig ist, es aber Brückenbauerinnen und Brückenbauer brauche, die eine entsprechende sprachliche Kompetenz haben, um über die fachlichen Fragen der Baustelle und die existenziellen Fragen des Lebens ins Gespräch zu kommen.
Schließlich habe sich gezeigt, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger eine doppelte Kompetenz brauchen: Sie müssten sowohl die technischen Abläufe und die Fachsprache der jeweiligen Arbeitswelt verstehen als auch seelsorgliche Fähigkeiten mitbringen, um auf die persönlichen und existenziellen Anliegen der Beschäftigten eingehen zu können.
Original-Beitrag auf feinschwarz
Quelle: Kathpress