
Ukraine: Stromausfälle und Drohnenangriffe erschweren humanitäre Hilfe
Die Zerstörung der Energieinfrastruktur, stundenlange Stromausfälle und Drohnenangriffe verschärfen die humanitäre Lage der Ukraine vor dem Winter. Aber auch Helferinnen und Helfer kommen an die Grenzen ihrer psychischen Belastung infolge der extremen Kriegsbedingungen, etwa durch Schlafentzug und stundenlange Luftalarme, enorme Sicherheitsvorkehrungen vor Einsätzen und einer ständigen Ungewissheit. Bei einem Besuch in Wien berichteten Vertreter der Caritas aus Cherson, Kiew und Saporischschja am Mittwoch über die Folgen des Krieges für ihre Arbeit und psychische Gesundheit.
Jede Drohne bedeute eine Gefahr, selbst zivile Fahrzeuge, Ambulanzen und Feuerwehr würden angegriffen, berichtete der Direktor der Caritas Cherson, Ihor Makar. Caritas-Helfer müssten daher mit Schutzwesten, Helmen und Drohnendetektoren zu ihren Einsätzen, so der griechisch-katholische Priester, der sich aktuell mit rund 40 weiteren Caritas-Mitarbeitenden aus der Ukraine in Wien erholt. Die Caritas Ukraine sei zudem auf der Liste der terroristischen Organisationen in der Russischen Föderation verzeichnet. "Wir sind verboten", sagte Makar.
Die Sicherheitslage erschwere die Versorgung der Bevölkerung nahe der Front erheblich, so der Priester, der selbst aus der südukrainischen Gebietshauptstadt Cherson 2022 flüchten musste, aber nach der rund neunmonatigen russischen Besatzung dorthin zurückkehrte. Aber selbst Drohnen-Detektoren würden keinen vollständigen Schutz bieten, da neuere, über Glasfaserkabel gesteuerte Drohnen nicht erkannt würden, so der Priester. Teils würden auch speziell gebaute Drohnen-Netze die Caritas-Mitarbeitenden schützen.
Stromausfälle erschweren Pflege und Alltag
Man rechne vor dem fünften Kriegswinter mit besonders schwierigen Monaten, besonders kritisch sei die Lage aufgrund der fehlenden Energieversorgung, berichtete Alla Kachur, Koordinatorin eines Caritas-Hauspflegeprojekts in Kiew. Stromausfälle dauerten täglich zwölf bis 15 Stunden. Elektrische Verkehrsmittel wie U-Bahn würden zeitweise ausfallen. Die Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen werde dadurch zusätzlich erschwert. Zwei betreute Personen seien etwa bei einem Raketenangriff auf ihre Wohnungen durch zerborstene Fensterscheiben verletzt worden, berichtete Kachur. Auch in Cherson sei die Energieinfrastruktur stark zerstört; Reparaturen seien wegen der Sicherheitslage nicht überall möglich.
Die Helfer selbst litten unter Schlafmangel und ständiger Ungewissheit. In Kiew würden Luftalarme mitunter mehr als 20 Stunden andauern, berichtete Kachur. In solchen Nächten blieben oft nur zwei bis drei Stunden Schlaf. Mittlerweile würden die zahlreichen Angriffe fast täglich die Zivilbevölkerung treffen, so die Hilfsorganisation. Raketen und Drohnen würden in Wohngebieten einschlagen, Bahnanlagen, Brücken und lebenswichtige Infrastruktur treffen. Selbst alltägliche Wege würden für die Menschen zur Lebensgefahr.
Hilfe trotz gefährlicher Einsatzbedingungen
Die Caritas unterstützt Betroffene mit Wasser- und Hygieneversorgung, Reparaturen beschädigter Unterkünfte und Evakuierungen. In Saporischschja, rund 30 Kilometer von der Front entfernt, koordiniert Anna Torina ein von den USA finanziertes Hilfsprojekt mit 47 lokalen Mitarbeitern. Die Teams begleiten Evakuierte bis zu ihren Zielorten und unterstützen Menschen, die durch den Krieg ihre Lebensgrundlage verloren haben. Hinzu kommen psychosoziale und rechtliche Hilfen sowie Angebote für Kinder, die vielfach keinen regulären Schulalltag haben.
Auch in der umkämpften Region Cherson organisiert die Caritas Aktivitäten für Kinder, um ihnen trotz fehlender Infrastruktur Gemeinschaft und ein Stück Alltag zu ermöglichen, erklärte der Direktor der Caritas Cherson, Ihor Makar. Die Fahrt in die betroffenen Dörfer sei jedoch auch mit großer Anspannung verbunden, "weil man ständig aufpassen muss und denkt, dass es jeden Moment zu einem Angriff kommen könnte". Die Kinder benötigten jedoch dringend Ansprache, Spiel und Beschäftigung, so der Priester.
Arbeiten unter Besatzung
Die russische Besatzung habe die Haltung vieler Menschen im Süden der Ukraine verändert, berichtete Makar. Bewohner, die Russland früher wohlwollend gegenübergestanden seien, hätten angesichts der erlebten Gewalt ihre Meinung geändert. Ein Indiz dafür sieht er in Evakuierungen aus dem besetzten Gebiet Oleschky: 17 Busse hätten Menschen in die Ukraine gebracht, lediglich vier nach Russland, berichtete der Priester.
"Besatzung ist ein schreckliches Wort, denn man weiß nicht, ob man die Tür seines Hauses öffnen kann oder nicht", schilderte Natalia Kyliushyk, Mitarbeiterin der Caritas in der Region Beryslav, ihre eigene Erfahrung. Sie lebte mit ihren Kindern unter russischer Besatzung und floh nach einem Angriff auf ihr Haus. Der Geruch von Schießpulver sei für sie bis heute mit dem Gefühl ständiger Todesgefahr verbunden, so die Helferin. Viele Menschen wollten dennoch ihre Häuser nicht verlassen oder kehrten nach der Befreiung in ihre zerstörten Wohnorte zurück.
Neben der enormen logistischen Aufgabe brächten Evakuierungen auch ein psychologisches und humanitäres Dilemma mit sich, berichtete Kyliushyk. Die Caritas Ukraine arbeite unter extremen Bedingungen, um den Menschen Schlafmöglichkeiten zu geben, jedoch würde die Nachfrage teils die Ressourcen übersteigen.
Hoffnung trotz Hoffnungslosigkeit
Makar beschrieb sich selbst als "Generator" für seine Gemeinde, einer "Quelle der Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten". Laut ihm wüssten die Ukrainer, was auf dem Spiel steht. "Sie haben die Geschichte erlebt, die sowjetische Besatzung, die Deportationen nach Sibirien. Sie kämpfen nicht nur für Territorium, sondern für ihre Existenz als freies Volk", so der griechisch-katholische Priester.
Zum Thema Wahlen unter Kriegsbedingungen äußerten sich die Caritas-Mitarbeitenden skeptisch. Aktuell seien Urnengänge praktisch unmöglich, es gebe kein Online-Wahlsystem und Bürger müssen physisch zu Wahllokalen gehen. Für sie seien Wahlen daher unmöglich, solange noch Luftalarme 24 Stunden andauern und Menschen in Unterständen oder Bunkern Schutz suchen müssten.
Internationale Solidarität
Als wichtig unterstrichen die Caritas-Mitarbeitenden neben der Erholung in Österreich aber auch die Bedeutung internationaler Solidarität in Zeiten des Krieges. Ohne Unterstützung aus dem Ausland wäre es wesentlich schwieriger, Menschen in den betroffenen Regionen zu helfen, so der Tenor.
(Spenden für die Ukraine-Hilfe von "Nachbar in Not" sind online oder per Überweisung möglich: NACHBAR IN NOT - Hilfe für die Ukraine, IBAN: AT21 2011 1400 4004 4003, BIC: GIBAATWWXXX. Online spenden: https://nachbarinnot.ORF.at)
Quelle: kathpress