
Kirchliche Sektenstelle warnt vor koreanischer Endzeitbewegung
Vor einer aktuellen Kampagne der neureligiösen Bewegung Shincheonji warnt der Experte für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Erzdiözese Wien, Johannes Sinabell. Die koreanische Bewegung werbe aktuell bei Pfarren, kirchlichen Einrichtungen und Gemeinden mittels Mails und Zuschriften mit dem Betreff "HWPL: Ökumene und Jugend: Dürfen wir Sie kennenlernen?" um Kontakte. Die kirchliche Fachstelle warnt vor Vereinnahmungsversuchen und empfiehlt, auf entsprechende Anfragen nicht einzugehen.
Hinter den Mails steht laut Sinabell Shincheonji (auch Shinchonji, übersetzt "Neuer Himmel und neue Erde"), eine 1984 von Man-Hee Lee in Südkorea gegründete Neureligion. Lee werde von seinen Anhängerinnen und Anhängern als der "verheißene Pastor der Endzeit" mit besonderen Eigenschaften angesehen; so soll er sich etwa als Apostel bzw. Gesandter Gottes betrachten. "Er verkündet, dass das in der Offenbarung des Johannes beschriebene Endgericht nicht mehr fern sei und nur diejenigen gerettet würden, die der Lehre von Shincheonji folgen", so der Experte gegenüber Kathpress. Laut Lee sollen 144.000 Erwählte gesammelt werden, um die Prophetie der Johannes-Offenbarung zu erfüllen und auszubreiten.
Zwar beruft sich Shincheonji auf die Bibel, diese wird laut Sinabell aber sehr exklusivistisch ausgelegt. So würden nur Shincheonji-Mitglieder im Zuge des jüngsten Gerichts gerettet. Sinabell bezeichnet die neureligiöse Bewegung deshalb als Offenbarungsreligion, die ihre Gläubigen auf das jüngste Gericht sowie ein ewiges Leben nach der Apokalypse vorbereitet. Kritisch zu bewerten sei aus theologischer Sicht daher "insbesondere der exklusivistische Wahrheitsanspruch, die starke Endzeitorientierung, Neuoffenbarungen sowie ein ausgeprägtes dualistisches Weltbild". Weiters reihe sich die südkoreanische Neureligion in eine Gruppe von Religionen laut denen das Heil von Südkorea ausgehe und laut denen Südkorea eine besondere Bedeutung für Gott habe.
Die Kontaktaufnahme von HWPL Österreich mit christlichen Kirchen und Gemeinden sei Teil der Strategie der Gruppe, um Beziehungen aufzubauen und die eigene Organisation bekannter zu machen. HWPL - eine Abkürzung für "Heavenly Culture, World Peace, Restoration of Light" - ist laut eigenen Angaben eine Friedensbewegung, gehört laut Sinabell aber zu Shincheonji.
Gefahr von Instrumentalisierung
Als hoch wertet Sinabell die Gefahr einer Instrumentalisierung durch Shincheonji bzw. HWPL. So werde oft bereits die Teilnahme an Veranstaltungen zu Werbezwecken für die Organisation und ihre Initiativen genutzt - wovon daher dringend abgeraten werde. Auch bleibe unklar, "wie personenbezogene Daten verarbeitet und weiterverwendet werden", warnt der kirchliche Experte.
Betroffene hätten in Gesprächen mit der Fachstelle etwa geschildert, dass die ersten Gespräche zu zweit oder dritt in Fastfood-Lokalen stattfänden. Danach komme es zu Einladungen zu Bibelrunden. "Dadurch wird eine Beziehung zwischen den Missionaren und den Interessierten ausgebaut", erläutert Sinabell die Vorgangsweise. Und weiter: "Die Gruppierungen fahren unter 'verdeckter Flagge' und den Interessierten ist lange nicht klar, dass dahinter eine neue Religion und keine christliche Gemeinschaft oder Bibelrunde steckt." Es entstehe zudem teils ein exklusiver Anspruch auf die neuen Anhänger, etwa durch Druck, möglichst oft an Veranstaltungen und Bibelrunden teilzunehmen.
Eine ähnliche Vorgangsweise wird auch in Deutschland vonseiten der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen beobachtet. "Die Missionierung erfolgt meist verdeckt durch Tarnorganisationen: Bibelkurse, Referatsanfragen oder Umfragen dienen als Einstiege, ohne dass die Verbindung zu den Sonderlehren dieser religiösen Gemeinschaft transparent gemacht wird", heißt es dazu auf der Website der Zentralstelle.
Nach eigenen Angaben ist die Gemeinschaft mittlerweile in 66 Ländern vertreten und zählt etwa 270.000 Mitglieder. (Link: weltanschauungsfragen.at)
Quelle: kathpress