
Martinsfest: Franziskaner ruft zu "friedvoller Radikalität" auf
Vor dem Hintergrund der jüngsten Jugendproteste und Ausschreitungen in mehreren europäischen Städten hat der Franziskaner P. Thomas Lackner zu einer "friedvollen Radikalität" aufgerufen, die sich grundlegend von profaner Radikalität unterscheide. "In unserer heutigen Zeit erleben wir, dass Radikalität in unserer Gesellschaft in unterschiedlichen Formen eine Renaissance erlebt - in der Politik, in der Umweltbewegung, in der Jugendkultur", sagte der burgenländische Ordensmann im Kathpress-Interview im Vorfeld des Martinsfestes am 11. November. Entscheidend sei, auf welchen Werten Radikalität gründe. Vorbilder für eine gewaltfreie, spirituelle Radikalität seien vor allem der heilige Franz von Assisi und der heilige Martin von Tours, Landespatron des Burgenlands.
Martin und Franziskus hätten in ihrer Radikalität die Gesellschaft zu verändern gesucht. Ebenso wollten junge Menschen, die mit Protesten eine Veränderung der Gesellschaft anstrebten, etwas bewegen, so Lackner. Die Wertgrundlage sei aber eine gänzlich andere. "Entscheidend ist die Frage, mit welchen Mitteln wir unsere Gesellschaft verändern wollen: durch das Einschlagen von Schaufenstern, das Anzünden von Autos oder Angriffe auf Polizisten?", so der Stadtpfarrer der Basilika Frauenkirchen, der die gewaltvollen Ausschreitungen auf das Schärfste verurteilt. "Wenn das Fundament fehlt und ethische Maßstäbe, dann laufen wir Gefahr, in einer Parallelgesellschaft zu leben, in der mit Gewalt operiert wird."
Die "radikale Spiritualität" von Martin und Franziskus zeichne sich durch Gewaltlosigkeit aus: "Der heilige Martin lebte trotz Bischofsamt bescheiden in Askese. Er verweigerte den Waffendienst und steht für Pflichtbewusstsein. Das Leben des heiligen Franziskus war durch radikale Armut und Schöpfungsliebe geprägt." Ihr Tun habe in ihrer Glaubensüberzeugung, nicht in einer Ideologie gegründet. Sowohl Martin, Sohn eines römischen Tribuns und zunächst Soldat, als auch Franziskus, Sohn eines reichen Tuchhändlers, der einst Ritter werden wollte, seien tief in die Macht- und Gesellschaftsstrukturen ihrer Zeit eingebunden gewesen. Grundlage für die radikale Änderung ihres Lebens sei die Begegnung mit Christus gewesen - beim Mantelteilen mit einem Bettler, in der Umarmung eines Aussätzigen.
"Diese Begegnung wünsche ich den Menschen von heute. Die Berufungsgeschichte der beiden Heiligen kann eine prophetische Wegweisung für die Kirche und unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert sein", betonte Lackner. Durchaus beobachte er heute eine Sehnsucht nach der radikalen Bescheidenheit der Heiligen: Im Lebensstil des Franziskus liege eine Entschleunigung, die gerade in der heutigen Zeit dringend gebraucht würde. In Martins Nächstenliebe und seinem Bemühen, die realen Nöte der Zeit zu sehen, sowie in seiner Weigerung, im Bischofspalast zu leben, liege eine Theologie der Genügsamkeit, die bis heute vorbildhaft sei.
Viele junge Menschen sehnten sich nach einem Leben in Einfachheit, nannte Lackner als Beispiel die Beliebtheit sogenannter "Tiny Houses": "Vor zehn oder zwanzig Jahren war das Ideal noch ein riesengroßes Haus mit Garten." Der Drang, Neues zu beginnen und unterwegs zu sein, wie Franziskus, der als radikaler Bettelmönch und Wanderprediger ohne festen Besitz lebte, sei unter heutigen Jugendlichen ebenfalls spürbar, ebenso wie freiwilliges Engagement und eine große Spendenbereitschaft.
Zwar könnten derartige Entwicklungen auch bloß vorübergehende Trends sein, räumte der Franziskaner ein. Doch wenn Menschen sich wie Franziskus und Martin auf eine Begegnung mit Christus einließen, könne dies eine grundlegende Neuorientierung bewirken: "Weg vom Haben, hin zum Sein." Der eigentliche Mehrwert in Akten der Nächstenliebe sei Christus. "Und ich glaube, dort, wo jemand sein Leben, sein Handeln, sein Tun in Christus und das Evangelium hinein verlagert, erwächst daraus die Fähigkeit, nicht taub zu sein für die Nöte der heutigen Zeit und die Motivation, seinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun", so der Ordensmann.
Rund um den Festtag des heiligen Martin am 11. November lädt die Diözese Eisenstadt zu mehreren Gottesdiensten und Feierlichkeiten ein. Die Festmesse mit Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics am Mittwoch, 11. November, um 9 Uhr im Martinsdom bildet den liturgischen Höhepunkt des Martinsfestes. Lackner hält die Predigt, anlässlich des heurigen Gedenkjahres zum 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi. Die Festmesse wird live auf der Website der Diözese übertragen: www.martinus.at/live.
Quelle: kathpress