
Wien: Feier im Stephansdom würdigt Körperspender
Menschen, die ihren Körper nach dem Tod der medizinischen Wissenschaft zur Verfügung gestellt haben, standen im Mittelpunkt eines ökumenischen Gedenkgottesdienstes am Donnerstagabend im Wiener Stephansdom. Die jährliche Feier wird vom Zentrum für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Universität Wien gemeinsam mit der Evangelischen Hochschulseelsorge und der Katholischen Hochschulgemeinde veranstaltet. Die evangelische Pfarrerin Katharina Payk widmete ihre Predigt den Themen Trauer, Erinnerung und dem Umgang mit dem Verlust nahestehender Menschen. Unter dem Titel "Die Toten wärmen uns" sprach sie über die Bedeutung bleibender Erinnerungen.
Payk berichtete von einem Besuch beim Anatomie-Gemeinschaftsgrab am Wiener Zentralfriedhof, wo die Asche der Körperspenderinnen und Körperspender beigesetzt wird. Dort habe sie Angehörige und Freunde erlebt, die Namenstafeln berührten, Blumen niederlegten oder persönliche Erinnerungsstücke hinterließen. "Wie wichtig ist es doch, einen Ort zu haben, an dem die Trauer sein darf", sagte die Pfarrerin. Anhand der biblischen Erzählung von Maria Magdalena am Grab Jesu veranschaulichte sie die Bedeutung persönlicher Erinnerung: Erst als Jesus sie mit ihrem Namen anspreche, erkenne sie ihn. "In diesem einen Wort liegen Vertrautheit und Beziehung. Jesus kennt sie. Er spricht sie persönlich an."
Mit Bezug auf die Theologin Dorothee Sölle beschrieb Payk die Verstorbenen als weiterhin prägende Kraft im Leben ihrer Angehörigen. "Der Tod beendet das Leben eines Menschen, aber er macht nicht ungeschehen, was zwischen Menschen war", betonte die protestantische Geistliche. Trauer bedeute nicht, einen Menschen zu vergessen, sondern zu lernen, mit seiner Abwesenheit zu leben. "Trauer ist ein Weg, auf dem wir lernen, mit der Abwesenheit zu leben." Auch ungelöste Konflikte, Wut und schmerzhafte Erinnerungen hätten dabei ihren Platz. "Wir müssen die Verstorbenen nicht nachträglich zu perfekten Menschen machen, um sie lieben und vermissen zu dürfen."
Verletzlichkeit lernen
Die Körperspende bezeichnete Payk als besonderes Vermächtnis über den Tod hinaus. Medizinstudierende könnten dadurch den menschlichen Körper und seine Komplexität kennenlernen und ein Verständnis für die Verletzlichkeit des Lebens entwickeln. Zugleich dürften die Verstorbenen nicht auf ihren Körper und dessen wissenschaftliche Verwendung reduziert werden. "Ein Mensch ist wertvoll, nicht weil er etwas leistet oder hinterlässt. Er ist wertvoll, weil er Mensch ist." Die christliche Hoffnung bestehe darin, dass kein Mensch von Gott vergessen werde: "Kein Leben geht verloren."
Auch die stellvertretende Leiterin des Instituts für Anatomie und Zellbiologie, Lena Hirtler, hob bei der Feier die Bedeutung der Körperspenden hervor und verwies auf die international anerkannte Arbeit des Zentrums. Die große Zahl an Körperspenden in Wien mache die Universität zu einem wichtigen Ausbildungsstandort, der auch Mediziner und Studierende aus dem Ausland anziehe. Für die Medizinische Universität seien diese eine unverzichtbare Grundlage der Ausbildung und Forschung.
Studierende und Professoren wirken mit
Die Gedenkveranstaltung im voll gefüllten Dom stand Menschen aller religiösen Bekenntnisse offen und findet jedes Jahr im November statt. Die Organisation liegt beim Zentrum für Anatomie und Zellbiologie in Kooperation mit der Hochschulseelsorge. Die Predigt wird abwechselnd von katholischer und evangelischer Seite gehalten, zudem gibt es stets auch einen Beitrag der Universität sowie Dankesworte von Studierenden. Viele Medizinstudierende wirken bei der Gestaltung mit und begrüßen die Gottesdienstbesucher, zudem nehmen auch Professorinnen und Professoren der Medizinischen Universität teil. Kondolenzbücher bieten den Hinterbliebenen Gelegenheit, Gedanken und Erinnerungen festzuhalten.
Musikalisch umrahmt wurde die Feier auch heuer vom Orchester der Medizinischen Universität Wien unter der Leitung von Florian Oberreiter. Stunden davor fand eine Kranzniederlegung bei den Ehrengräbern der Anatomie am Wiener Zentralfriedhof statt.
Glaube und Wissenschaft
Der Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde, P. Simon de Keukelaere, bezeichnete den Gottesdienst im Anschluss gegenüber Kathpress als wichtige Möglichkeit für Angehörige, Abschied zu nehmen. Da es für die Körperspenderinnen und Körperspender am Wiener Zentralfriedhof zwar ein gemeinsames Grab, aber keine individuellen Gräber oder Urnen gebe, sei die gemeinsame Feier im Dom für viele Hinterbliebene besonders bedeutsam. Manche Angehörige kämen jedes Jahr wieder, um ihrer Verstorbenen zu gedenken. Die langjährige Zusammenarbeit zwischen Kirche und Universität sei auch ein gelungenes Beispiel dafür, wie Glaube und Wissenschaft gemeinsam handeln könnten, so der Hochschulseelsorger.
Quelle: kathpress