"Tschernobyl darf nie wieder passieren"
Linz-Wien, 19.4.06 (KAP) "Wir können nach Tschernobyl mit der Atomkraft nicht mehr so umgehen wie vorher. Ein solches Unglück darf nie wieder passieren": Das betonte der Moraltheologe Prof. Michael Rosenberger, Umweltsprecher der Diözese Linz, im Rückblick auf den Super-GAU ("größter anzunehmender Unfall") vor 20 Jahren, der am 26. April 1986 weite Teile Europas verstrahlte. Tschernobyl sei eine "unermessliche Katastrophe" gewesen, mit furchtbaren Konsequenzen bis auf den heutigen Tag. Verantwortliche in Politik, Technik und Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft als ganze seien aufgerufen, alles zu tun, damit in Zukunft Ähnliches vermieden wird, so Rosenberger. Konkret müsste das heißen, dort, wo weiterhin Kernkraftwerke betrieben werden, die "höchsten nur denkbaren Sicherheitsstandards zu garantieren". Davon sei man aber selbst mitten in der EU weit entfernt, und nicht selten lägen Kraftwerke "vor unserer Haustür wie z.B. Temelin". Rosenberger wörtlich: "Allein um billigen Strom zu produzierenund ein gutes Geschäft zu machen, wird mit der Sicherheit der Menschen gespielt".
Ungeklärt sei nach wie vor die Frage des Atom-Mülls, erinnerte der Linzer kirchliche Umweltsprecher. Die Frage der Endlagerung sei in den meisten Ländern nach wie vor zu klären: "Wir vererben unseren Kindern und Enkeln Risiken, die wir selber nie freiwillig akzeptieren würden. Das ist bequem. Verantwortungsbewusst ist es nicht".
Auch Atomwaffen müssten endlich weltweit geächtet und vernichtet werden: "Es ist ein Skandal, dass auch heute noch in zwölf Staaten der Welt riesige atomare Arsenale lagern, ja dass sich nicht einmal ein Stopp der Tests neuer Atomwaffen durchsetzen lässt". Die Ukraine habe aus der Vergangenheit gelernt und sei heute atomwaffenfrei, doch anderswo werde aufgerüstet.
Der Moraltheologe warnte auch vor dem Kurzschluss, in der Tschernobyl-Katastrophe nur eine Lektion des "Ostblocks" zu sehen, während im Westen so etwas nie passieren hätte können: "Um ein Haar hätte der Unfall in Three Miles Island bei Harrisburg 1979 ebensolche Folgen gezeitigt wie Tschernobyl".
Auf mittlere Sicht gelte es somit den Ausstieg auch aus der zivilen Nutzung der Atomenergie zu verwirklichen. Bei ehrlicher Einrechnung aller Kosten in den Preis des Atomstroms werde diese Form der Energie "dann ziemlich teuer"; daher solle die Nutzung und der Ausbau wirklich regenerativer Energieträger betrieben werden. "Atomstrom ist nicht nachhaltig", betonte Rosenberger: "Doch wer gedankenlos und verschwenderisch Strom verbraucht, darf sich über Atomkraftwerke nicht beschweren".
"Befürchtungen bestätigten sich"
Für die Vorsitzende der "Arbeitsgemeinschaft Schöpfungsverantwortung", Isolde Schönstein, war die Katastrophe von Tschernobyl die schlimme Bestätigung bereits gehegter Befürchtungen über die Gefahren der Atomenergie. Sie verwies im Gespräch mit "Kathpress" darauf, dass die Auseinandersetzung mit dieser Energieform schon in den sechziger Jahren begann und sich rund um die Zwentendorf-Volksabstimmung von 1978 noch einmal intensivierte. Breites kirchliches Interesse an dem Thema habe es jedoch erst nach dem Super-GAU in der Ukraine gegeben, und die Erste Europäische Ökumenische Versammlung in Basel 1989 habe nicht zuletzt unter dem Eindruck der Katastrophe in der Ukraine neben Frieden und Gerechtigkeit auch zur Bewahrung der Schöpfung aufgerufen, so Schönstein. Kurz danach gründete Schönstein die ökosoziale christliche Bewegung "Arbeitsgemeinschaft Schöpfungsverantwortung", die sich auch im Kontext des Europäischen Christlichen Umweltnetzwerkes ECEN immer wieder gegen Kernenergie ausgesprochen hat.
Seit dem Jahr 2002 konnte sich Isolde Schönstein bei jährlichen Besuchen in Weißrussland ein authentisches Bild über die anhaltenden Umweltschäden in dem bis heute zu einem Viertel verstrahlten Land machen. Als Vorsitzende der "Arbeitsgemeinschaft Schöpfungsverantwortung" hält Schönstein regelmäßig ökologische Lehrveranstaltungen an der orthodoxen Theologischen Fakultät von Minsk und leistet auch humanitäre Hilfe für die Betroffenen. "Als ich nach einwöchigem Aufenthalt in Minsk und Umgebung auf Verstrahlung gemessen wurde, stellte sich heraus, dass ich um ein Viertel verstrahlter war als der Kanzler der Fakultät, der immerhin dort lebt", erzählt Isolde Schönstein: "Offensichtlich hatte ich mit der vegetarischen Kost eine Überdosis an verstrahltem Gemüse zu mir genommen..." Aus ihrer Sicht sind die Probleme in den letzten Jahren sogar noch größer geworden: Die Hilfe aus dem Ausland für die Strahlenopfer flaue ab, der Schutz der am stärksten kontaminierten Gebiete werde zunehmend brüchig.
Die radioaktive Wolke zog nach dem 26. April 1986 zunächst in Richtung Nordwesten. Weißrussland war und ist das am schwersten betroffene Land: 70 Prozent des radioaktiven Fall-Outs gingen dort nieder. Krankheiten bei Kindern und Fehlgeburten sind seitdem stark gestiegen; die jetzt an sich geschlechtsreife Generation der damals betroffenen Kinder sei großteils unfruchtbar, berichtet Isolde Schönstein. In den verseuchten Regionen leben heute noch 1,6 Mio. Menschen.
Angesichts dieser Fakten müsste das Auftreten der Kirchen gegen Kernenergie viel energischer ausfallen, fordert die Umweltpionierin. Doch im kirchlichen Bereich hätten ökologische Themen und auch die Atomproblematik eine viel zu kurze "Halbwertszeit". Derzeit würden aber Unterschriften gegen die geplanten 29 neuen Kernkraftwerke innerhalb der EU gesammelt. (Informationen: www.argeschoepfung.at).
Tschernobyl-Gedenkgottesdienst in Linz
In Linz findet am Vorabend des Gedenktages, am 25. April, um 18.30 Uhr in der evangelischen Martin-Luther-Kirche ein ökumenischer Gottesdienst statt, zu dem die christlichen Kirchen in Oberösterreich einladen. Im Anschluss an diesen ersten Tschernobyl-Gedenkgottesdienst findet eine Bedenkveranstaltung von "atomstopp_oberösterreich" im Ursulinenhof statt. (Informationen: www.dioezese-linz.at/redaktion).