Atomenergie ist "wohlstandsfixierte Selbstüberschätzung"
Linz, 26.4.06 (KAP) Als "wohlstandsfixierte Selbstüberschätzung" hat der Linzer Generalvikar Severin Lederhilger anlässlich des 20. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Atomenergie bezeichnet. Das scheinbar "goldene Kalb" des billigen Stroms, der zum wirtschaftlichen Geschäft für wenige werde, sei "erkauft mit der Gefährdung der Sicherheit von Menschen", so Lederhilger bei einem ökumenischen Gottesdienst am Dienstag zum Gedenken an den Reaktorunfall von Tschernobyl. Der Generalvikar kritisierte die anhaltende Duldung der Atomenergie durch die österreichische Politik: "Die Staatsräson lässt manche Politiker verstummen, um die grenzüberschreitenden guten Beziehungen nicht zu gefährden. Die Regelungsmechanismen der EU und ihrer Behörden werden so zu einem zahnlosen Instrumentarium", so der Linzer Generalvikar.
Lederhilger forderte mit Blick auf die 443 Reaktorblöcke weltweit, "endlich sämtliche Kosten in den Preis des Atomstroms einzurechnen." Mit Blick auf die Zukunft erinnerte er daran, dass es noch immer keine überzeugenden Konzepte für die sichere Entsorgung des Atommülls, dessen Endlagerung und die sichere Beseitigung verstrahlter Kraftwerkselemente gibt. "Wir vererben unseren Kindern und Enkelkindern Risiken, die wir selber kaum freiwillig akzeptieren würden. Das ist bequem, aber verantwortungsbewusst ist es nicht", so der Generalvikar.
Atomstrom sei weder billig noch nachhaltig. Lederhilger wies darauf hin, dass der verschwenderische Umgang mit Strom zu neuen Anlagen führt. "Umdenken im Blick auf einen angemessenen, innovativen Lebensstil und die bewusste Nutzung nachhaltiger Energiequellen kann unser persönlicher Beitrag sein, um das Zeichen von Tschernobyl im Alltag durchzubuchstabieren", so Lederhilger in seiner Predigt.
Unter Hinweis auf die 800.000 Liquidatoren zur Säuberung der Unglücksstelle und Errichtung des "Sarkophags" über dem zerstörten Reaktorblock von Tschernobyl erinnerte Lederhilger - in Anlehnung an den Titel eines Buches über die Katastrophe - an die "verbrannten Seelen". Der "einstige Feuertanz aus Arroganz, Angst und Hilflosigkeit, der fatale Reigen aus Fehleinschätzung, Verschleierungstaktik und Lügengeschichten" habe physische und psychische Langzeitfolgen gezeitigt.
Die Menschheit praktiziere aber nach wie vor einen schicksalsschweren "Tanz ums goldene Kalb", so Lederhilger: "Blinder Glaube an den technischen Fortschritt, eitler Stolz im atomaren Rüstungswettlauf, riskanter Hochmut gegenüber der Beherrschbarkeit nuklearer Gewalt und die Sorglosigkeit wohlstandsfixierter Selbstüberschätzung führen einen Tanz auf, der die menschliche Verantwortung betäubt."
"Das Leben lädt zum Tanzen ein", so Lederhilger, "dazu brauchen wir jedoch einen Tanzboden, der in die Zukunft trägt, einen verantwortungsbewussten Umgang mit den nicht erneuerbaren Ressourcen, der den kommenden Generationen nicht eine Hypothek auflädt, dass sie sich kaum bewegen können." Es brauche ein "Hinhören auf die Schöpfungsmelodie", um die schleichende Zerstörung und Vernichtung der Umwelt aufzudecken und zu Gunsten ökologischen Wirtschaftens aus ihrem Rhythmus zu bringen. Der Generalvikar zitierte dazu aus der Bibel: "Wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen."