"Wer glaubt, lebt vielleicht länger, aber sicher besser"
Wien, 11.5.06 (KAP) Religiosität und Spiritualität beeinflussen auf jeden Fall die Lebensqualität positiv. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion, die vom Wiener "Haus der Barmherzigkeit" am Mittwochabend veranstaltet wurde. Offen blieb allerdings, ob Religiosität auch für eine höhere Lebenserwartung ausschlaggebend ist. "Spiritualität ist jedenfalls ein Faktor für eine höhere Lebenserwartung - ähnlich wirksam wie der Risikofaktor Rauchen für eine niedrigere", so Prof. Christoph Gisinger, Institutsdirektor des Hauses der Barmherzigkeit.
Er machte aber auch darauf aufmerksam, dass man "Spiritualität" nicht mit "Religiosität" gleichsetzen dürfe. Der Geriatrie-Experte wies auf die fließenden Grenzen der Begriffe hin: "Ab wie vielen Kirchgängen ist jemand religiös? In den USA gehen 43 Prozent der Befragten wöchentlich in die Kirche, in Finnland sind es 1,1 Prozent. Religiosität ist die ganz persönliche Einstellung zur Religion. Spiritualität wird als persönliche sinnstiftende Grund-Einstellung gesehen, die nur bedingt mit religiösem Denken zusammenhängen muss."
Heide Schmidt vom "Institut für eine offene Gesellschaft" warnte davor, die Begriffe zu vermengen. Spiritualität sei ein Teil jedes Menschen, aber Glaube und Religiosität sind nicht die einzigen Wege zu einer höheren Lebensqualität. "Für mich ist ein gläubiges Leben genauso wertvoll wie ein agnostisches. Wer positiv denkt, wird alt", meinte Schmidt. Sie forderte Respekt und Toleranz für alle Lebens- und Glaubenskonzepte ein.
Der Theologe und Gynäkologe Prof. Johannes Huber plädierte: "Besonders in Angesicht der bevorstehenden Überalterung kann die Gesellschaft ohne Solidarität nicht bestehen." Es müsse gemeinsame Werte geben; diese Werte könnten allerdings aus theistischen, atheistischen oder agnostischen Positionen abgeleitet werden.
Tabu-Thema "Tod"
Der Wiener Dompfarrer Toni Faber berichtete von seinen Erfahrungen als Seelsorger, "dass ältere gläubige Menschen gelassener mit dem Tod umgehen können". Für ihn persönlich sei nicht die Länge des Lebens entscheidend, "wichtig ist mir, dass ich sinnvoll lebe", so Faber. Er bemängelte, dass das Thema Tod in der Gesellschaft nach wie vor tabuisiert zu werde. Selbst Christen seien davor nicht gefeit. Zwar finde etwa im Gottesdienst regelmäßig eine Auseinandersetzung mit Tod und Auferstehung statt, jedoch, so der Dompfarrer: "Man hört es, sieht es und schiebt es weg - bis zum unausweichlichen Aufeinandertreffen mit dem Tod."
Für den Geschäftsführer des Pharmaunternehmens "Pfizer Austria", Andreas Penk, liegt der entscheidende Faktor für mehr und längere Lebensqualität im medizinischen Fortschritt. Glaube und Spiritualität könnten aber sicherlich mithelfen, Krankheiten zu lindern und allgemein die Lebenszufriedenheit zu steigern. In Zukunft müsse in Wissenschaft und Medizin aber noch verstärkt auf die spirituellen Bedürfnisse der Patienten eingegangen werden, räumte Penk ein.
Wie Prof. Gisinger berichtete, hätten sich in den vergangenen Jahren rund 400 Studien mit dem Zusammenhang zwischen religiösem Glauben und Gesundheit beschäftigt. 81 Prozent davon hätten einen positiven Zusammenhang bewiesen. Das bestätige auch die Erfahrung im Haus der Barmherzigkeit.