Jesuitengeneral P. Kolvenbach war in Wien
Wien, 12.6.06 (KAP) Der Generalobere des Jesuitenordens, P. Peter-Hans Kolvenbach, hat in Wien in einem viel beachteten Vortrag die Aktualität des Exerzitienbuches, der "Hohen Schule jesuitischer Lebensführung", betont. Kolvenbach ging in seinem Vortrag im Rahmen der "Exerzitien-Werkwoche" im Kardinal-König-Haus den "Exercitia" - Hauptwerk des Ordensgründers Ignatius von Loyola (1491-1556) - auch in linguistischer Hinsicht auf den Grund. Der Begriff der "Liebe" werde in dem Buch gut 400 Mal präzisiert als "Dienen", so der General der Jesuiten. Das zentrale Wort bei Ignatius laute "en todo amar y servir" (in allem lieben und dienen).
Mit Aussagen über die Bedeutung von "Liebe" bzw. "Nächstenliebe" gemäß dem Evangelium hatte P. Kolvenbach bereits im Mai in einem Interview für die belgische katholische Wochenzeitung "Tertio" aufhorchen lassen. Darin hatte er vor einer schematischen Interpretation der Enzyklika "Deus caritas est" von Benedikt XVI. gewarnt. Glaube und Gerechtigkeit dürften nicht getrennt werden; aus der Enzyklika sollte nicht abgeleitet werden, dass eine gerechte Gesellschaftsordnung ausschließlich Sache des Staates sei, die Nächstenliebe hingegen Sache der Kirche, so Kolvenbach im Gespräch mit "Tertio". Die Nächstenliebe inspiriere vielmehr sowohl den Glauben als auch die Suche nach Gerechtigkeit. Soziales Handeln sei ein Ausdruck des Evangeliums.
Der Jesuiten-General ist in diesem Jahr vor allem in Sachen "Dreifachjubiläum" in zahlreichen Ländern unterwegs: Der Jesuitenorden begann am 3. Dezember 2005 ein spezielles Jubiläumsjahr zum Gedenken an Ignatius von Loyola und zwei seiner Gefährten der ersten Stunde, des Heiligen Franz Xaver (Francisco de Jassu y Javier) und des Heiligen Petrus Faber (Pierre Favre). Im Jubiläumsjahr wird des 450. Todestags von Ignatius sowie des 500. Jahrestags der Geburt von Franz Xaver und Petrus Faber gedacht.
Die Feiern zum Jubiläumsjahr wurden von P. Kolvenbach in Javier eröffnet. Für 20. bis 26. August ist in Loyola ein internationaler Kongress zum Jubiläum angesagt; von 15. bis 21. Oktober hält die römische Gregoriana-Universität eine internationale Tagung ab, bei der die Konstitutionen der Gesellschaft Jesu behandelt werden.
Großes Echo hatten auch die ebenfalls in "Tertio" abgedruckten Aussagen des Generals zur freundlichen Haltung des neuen Papstes gegenüber der Gesellschaft Jesu gefunden. Kolvenbach ist der erste Jesuitengeneral in der Geschichte, der sein Amt freiwillig vorzeitig abgibt. Er hatte die Leitung der Gesellschaft Jesu 1983 übernommen. Die Neuwahl erfolgt bei der ab 5. Jänner 2008 in Rom zusammen tretenden Generalkongregation.
Seit Gründung des Ordens 1539/1540 haben bisher 34 solcher Versammlungen stattgefunden, die letzte 1995. Das höchste Beschluss fassende Gremium der Gesellschaft Jesu setzt sich zusammen aus den Provinzialen und aus bis zu zwei Delegierten aus den 89 Provinzen. Die Generalkongregation hat die oberste Gesetzgebungs- und Kontrollgewalt in der Gemeinschaft.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Orden berufen die Jesuiten eine Generalkongregation nur ein, wenn wichtige Fragen anstehen, die auf Weltebene geklärt werden müssen, oder wenn der Generalobere gestorben ist.
Bei der Zusammenkunft im Jahr 2008 sollen auch Fragen der Leitungsstruktur des Ordens behandelt werden. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Laien, die Ausbildung der Jesuiten und die Identität des Ordens stehen auf der Tagesordnung.
Der aus den Niederlanden stammende P. Kolvenbach war zuletzt 2002 in Wien. Damals hatten sich die Verantwortlichen des Jesuitenordens aus ganz Europa sowie aus dem Nahen Osten und Russland in Wien getroffen.