60 Jahre "Freie Kirche in freier Gesellschaft"
Lösen von alten politischen Fesseln bildet Kern des im Mai 1952 veröffentlichten "Mariazeller Manifestes" - "Kirche der weltoffenen Türen und ausgebreiteten Arme" - Kardinal König wies "missverständliches Wort von der Äquidistanz" gegenüber Parteien jedoch zurück - Hintergrundbericht von Robert Mitscha-Eibl
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Wien, 07.05.2012 (KAP) Mit dem Bekenntnis zu "einer freien Kirche in einer freien Gesellschaft" ist vor 60 Jahren im "Mariazeller Manifest" eine bis heute gültige Weichenstellung der katholischen Kirche in Österreich formuliert worden. Alte Fesseln wurden in mehrfacher Weise gelöst: jene der Zeit der Unterdrückung von 1938 bis 1945, aber auch die enge Verknüpfung mit Staat und Parteien der Zwischenkriegszeit und nicht zuletzt die durch die Besatzungsmächte auferlegten Beschränkungen. Das bedeutete auch: Gespräche kirchlicher Verantwortungsträger mit allen politischen Parteien und Verbänden in Österreich und Bemühungen um eine klare Trennung von Partei- und Kirchenpolitik.
Entstanden ist das "Mariazeller Manifest" im Vorfeld des Katholikentages von 1952 bei einer viertägigen Studientagung Anfang Mai im steirischen Marienwallfahrtsort. Der eigentliche Katholikentag - der erste nach dem Zweiten Weltkrieg - fand unter dem Motto "Freiheit und Würde des Menschen" von 11. bis 14. September in Wien statt.
Formuliert wurde das "Mariazeller Manifest" im Wesentlichen von Richard Barta, dem späteren Chefredakteur der "Kathpress". Als Presseverantwortlicher des Österreichischen Katholikentages fasste Barta die Beratungen eines Studientages von Priestern und Laien aus ganz Österreich zusammen. Dieser Bericht, erst später als "Mariazeller Manifest" tituliert, wurde nie von einer kirchlichen Stelle offiziell beschlossen und auch nie von einer vatikanischen Stelle bestätigt, bildete in seiner Prägnanz und seiner visionären Kraft aber dennoch eine Leitschiene für das Verhältnis von Kirche und Staat.
"Brücken in die Vergangenheit sind abgebrochen"
Unter dem Titel "Eine freie Kirche in einer freien Gesellschaft" hieß es in dem programmatischen Text: "Eine freie Kirche, das soll heißen, die Kirche ist auf sich selbst gestellt und nur auf sich selbst. Jede geschichtliche Epoche hat ihre eigenen Notwendigkeiten und ihre eigenen Möglichkeiten. Heute aber hat die Kirche keine Kaiser und keine Regierung, keine Partei und keine Klasse, keine Kanonen, aber auch kein Kapital hinter sich. Die Zeit von 1938 bis 1945 bildet hier eine unüberschreitbare Zäsur: Die Brücken in die Vergangenheit sind abgebrochen, die Fundamente für die Brücke in die Zukunft werden heute gelegt. So geht die Kirche aus einem versinkenden Zeitalter einer Epoche neuer sozialer Entwicklungen entgegen."
Mit diesem revolutionär anmutenden Text wurde klar, dass sich die Kirche sieben Jahre nach Ende des Weltkrieges schon weit von der Ideologie eines "christlichen" Ständestaates entfernt hatte. Das Manifest lehnt jede "Rückkehr zum Staatskirchentum vergangener Jahrhunderte" ab, "das die Religion zu einer Art ideologischen Überbau der staatsbürgerlichen Gesinnung degradierte, das Generationen von Priestern zu inaktiven Staatsbeamten erzog. Keine Rückkehr zu einem Bündnis von Thron und Altar, das das Gewissen der Gläubigen einschläferte und sie blind machte für die Gefahren der inneren Aushöhlung. Keine Rückkehr zum Protektorat einer Partei über die Kirche, das vielleicht zeitbedingt notwendig war, aber Zehntausende der Kirche entfremdete. Keine Rückkehr zu jenen gewaltsamen Versuchen, auf rein organisatorischer und staatsrechtlicher Basis christliche Grundsätze verwirklichen zu wollen (...)."
Alle diese Forderungen des "Mariazeller Manifestes" gipfelten in der großen Vision einer Kirche des "Aggiornamento", die beim Zweiten Vatikanischen Konzil zehn Jahre später auch auf weltkirchlicher Ebene sichtbar wurde: "Eine freie Kirche bedeutet nicht eine Kirche der Sakristei oder des katholischen Ghettos, eine freie, auf sich selbst gestellte Kirche heißt eine Kirche der weltoffenen Türen und ausgebreiteten Arme, bereit zur Zusammenarbeit mit allen, mit allen Ständen, Klassen und Richtungen, mit allen geistigen Strömungen und mit allen Menschen, wer immer sie seien und wo immer sie stehen."
König: Parteien bestimmen Nähe zur Kirche
Kardinal Franz König erklärte einmal zum "Mariazeller Manifest", zu diesem "Bekenntnis der österreichischen Kirche zu Demokratie und politischem Pluralismus" gebe es "keine Alternative". Es sei damals ein Schlussstrich unter die Verquickung mit einer politischen Partei gezogen, eine innere Hinwendung zur Demokratie vollzogen und mit "den eigenen autoritären Versuchungen der Vergangenheit" abgerechnet worden, so König in dem 1989 erschienenen Band "Politische Kultur in Österreich".
Kardinal König nannte es damals "ein Zeichen mangelnder Reife der politischen Kultur in Österreich, dass bei Stellungnahmen der Kirche immer noch in erster Linie gefragt wird, ob eine kirchliche Aussage der einen oder anderen politischen Partei nützt". Nicht die Kirche bestimme ihre Nähe oder Distanz zu den Parteien. Wörtlich schrieb der Kardinal: "Es sind die Parteien selbst, die durch ihre Programme, ihre Praxis und die Auswahl ihrer handelnden Personen Nähe oder Ferne zur Kirche ausdrücken". Er wies damit auch das "missverständliche Wort von der Äquidistanz" zurück. Die Kirche orientiere sich in ihren grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Stellungnahmen "allein am Evangelium und an der kirchlichen Soziallehre".
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| Das "Mariazeller Manifest" im Wortlaut |