"Christliche Wurzeln nicht verleugnen"
Der Papst in der Hofburg: Europas christliche Wurzeln sind "Ferment der Zivilisation" auf dem Weg in das dritte Jahrtausend
"Europa kann und darf seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen": Dies betonte Papst Benedikt XVI. am Freitag bei der Begegnung mit den Repräsentanten der österreichischen Politik und des Diplomatischen Corps in der Wiener Hofburg. Die "christlichen Wurzeln" seien ein "Ferment der Zivilisation" auf dem Weg in das dritte Jahrtausend. Das Christentum habe Europa zutiefst geprägt, wovon in allen Ländern, "gerade auch in Österreich", nicht nur die unzähligen Kirchen und bedeutenden Klöster Zeugnis geben. Mariazell, das große österreichische Nationalheiligtum, sei zugleich ein Ort der Begegnung für die Völker Mitteleuropas. In diesem Zusammenhang würdigte Benedikt XVI. in besonderer Weise die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV3) in Sibiu.
Heute sei häufig die Rede vom "europäischen Lebensmodell", sagte Papst Benedikt XVI. Damit sei eine Gesellschaftsordnung gemeint, die "wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Gerechtigkeit", "politische Pluralität mit Toleranz, Liberalität und Offenheit" verbindet. Europa habe aber auch schreckliche Irrwege erlebt und durchlitten: Dazu gehörten "ideologische Engführungen von Philosophie, Wissenschaft und auch Glaube, der Missbrauch von Religion und Vernunft zu imperialistischen Zielen, die Entwürdigung des Menschen durch einen theoretischen oder praktischen Materialismus".
"Vernunft am Anfang der Dinge"
Die viel zitierte Globalisierung könne nicht aufgehalten werden, betonte Benedikt XVI. Es sei aber eine "große Verantwortung der Politik, der Globalisierung solche Regeln zu geben, dass sie nicht auf Kosten der ärmeren Länder und der Ärmeren in reichen Ländern realisiert wird und den kommenden Generationen zum Nachteil gereicht.
Zum europäischen Erbe gehöre auch eine Denktradition, für die eine "substanzielle Korrespondenz von Glaube, Wahrheit und Vernunft wesentlich ist", sagte der Papst. Dabei gehe es um die Frage, ob die Vernunft am Anfang aller Dinge steht oder nicht. Wörtlich sagte Benedikt XVI.: "Es geht um die Frage, ob das Wirkliche auf Grund von Zufall und Notwendigkeit entstanden ist, ob mithin die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen ist oder ob wahr bleibt, was die Grundüberzeugung christlichen Glaubens bildet: "Am Anfang war das Wort, am Beginn aller Dinge steht die schöpferische Vernunft Gottes".
Aus der "Einmaligkeit seiner Berufung" erwachse Europa eine "einmalige Verantwortung in der Welt", unterstrich der Papst. Der demographisch alternde Kontinent dürfe aber nicht ein "geistig alter" Kontinent werden. Europa müsse eine seinem großen wirtschaftlichen Vermögen "angemessene Verantwortung in der Welt übernehmen".
"Recht auf Leben"
In Europa sei zuerst der Begriff der Menschenrechte formuliert worden, erinnerte Benedikt XVI. Das grundlegende Menschenrecht sei das Recht auf Leben. Das gelte für das Leben von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende. Abtreibung könne daher kein "Menschenrecht" sein - sie sei vielmehr eine "tiefe soziale Wunde", wie es Kardinal Franz König immer wieder betont habe. Kinder dürften nicht zu einem "Krankheitsfall" gemacht werden, unterstrich der Papst, die Qualifizierung der Abtreibung als Unrecht in der österreichischen Rechtsordnung dürfe nicht aufgehoben werden.
Er mache sich damit zu einem "Sprecher der Ungeborenen, die keine Stimme haben", sagte Benedikt XVI. Er verschließe aber nicht die Augen vor den Problemen und Konflikten vieler Frauen, betonte der Papst; er sei sich dessen bewusst, dass "die Glaubwürdigkeit seiner Rede auch davon abhängt, was die Kirche selbst zur Hilfe für betroffene Frauen tut".
Vor allem aber gehe es darum, dass die "europäischen Länder wieder kinderfreundlicher werden". Wörtlich sagte Benedikt XVI.: "Ermutigen Sie die jungen Menschen, die mit der Heirat eine neue Familie gründen, Mütter und Väter zu werden". Die Kirche bestärke die österreichische Regierung nachdrücklich in deren Bemühungen, "Umstände zu fördern, die es jungen Paaren ermöglichen, Kinder aufzuziehen". Entscheidend sei aber, in den europäischen Ländern wieder ein "Klima der Freude und der Lebenszuversicht" zu schaffen, in dem Kinder nicht als "Last, sondern als Geschenk" erlebt werden.
Fischer: Zusammenarbeit Kirche - Staat
Österreich ist "ein Ort des Dialoges", und das Bekenntnis zum Dialog ist ein "wichtiger Baustein" der Politik dieses Landes hat, betonte Bundespräsident Heinz Fischer beim Empfang für den Papst in der Wiener Hofburg. Ausdrücklich erinnerte der Bundespräsident dabei an das Erbe Kardinal Franz Königs: an seine "großen Verdienste für den Dialog zwischen den Menschen, für den Dialog zwischen den Religionen und für Dialogbereitschaft als Lebensmuster". Kardinal Christoph Schönborn bemühe sich, diesen Weg fortzusetzen.
Im Blick auf die weltpolitische Lage übte Fischer Kritik an einer Schwarz-Weiß-Sicht auf Staaten, Völker und Menschen: "Wir wollen nicht Zonen des Bösen und Zonen des Guten auf der Weltkarte zeichnen und wir wollen nicht versuchen, in Schwarz und Weiß einzuteilen". Vielmehr sei Alexander Solschenyzin zuzustimmen, wenn er schreibt, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse "nicht zwischen den Völkern verlaufen, auch nicht zwischen Religionen und Weltanschauungen, sondern im Herzen jedes einzelnen Menschen". Es gelte daher, "das Gute zu erkennen und zu unterstützen" und den "Wurzeln für das Böse" - Gewalt und Intoleranz - den Nährboden zu entziehen.
Österreich nehme diesbezüglich "mit offenem Herzen und mit großem Interesse" den Ausführungen des Papstes entgegen, sagte der Bundespräsident. Zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl gebe es ein hohes Maß an Übereinstimmung in Bezug auf viele der großen Herausforderungen der Zeit, "in besonderer Weise für das Bemühen um eine friedliche Welt, die für uns alle von existenzieller Bedeutung ist". "Inakzeptabel" sei Krieg als Instrument der Politik. "In diesem Zusammenhang darf ich besondere Wertschätzung für die vielfältigen, teils öffentlichen, teils diskreten Bemühungen des Heiligen Stuhls zur Vermeidung des Ausbruches von Kriegen oder zur Eindämmung bereits ausgebrochener Konflikte zum Ausdruck bringen", so Fischer.
Im Blick auf Europa sagte der Präsident, die Europäische Union sei ein Friedensprojekt, und "zum festen Fundament dieses Projektes zählt das Bekenntnis zu dem aus vielen Wurzeln gewachsenen, vom Christentum stark geprägten und von der Aufklärung mitgeformten europäischen Menschenbild, dessen normativer Ausdruck unveräußerliche Menschenrechte sind". Rassismus, Antisemitismus oder Fremdenfeindlichkeit, aber auch soziale Ausgrenzung seien mit diesem Menschenbild und dem darauf beruhenden Gesellschaftsmodell unvereinbar. Die oftmals berechtigte Kritik an Unzulänglichkeiten in der EU dürfe nicht den Blick auf die enormen historischen Fortschritte verstellen, die im europäischen Einigungswerk zum Ausdruck kommen. Europa sei ein Zukunftsmodell geworden.
Wenn er sich auch zur Trennung von Staat und Kirche "in jenem Sinn, wie dies in unserer Verfassung normiert ist", bekenne, so bekenne er sich gleichzeitig "zur Zusammenarbeit von Staat und Kirche überall dort, wo wir gemeinsame Ziele haben, wo wir gemeinsam dem Frieden dienen können, wo wir gemeinsam den Schwachen helfen können". Der Papst habe hier in der Republik Österreich und in den Menschen des Landes einen "aktiven Partner", strich Fischer hervor. "Ihr Besuch soll und wird dazu beitragen, diese Kräfte und Ziele zu stärken", so der Bundespräsident abschließend.