"Es wird spannend, was er zu sagen hat"
Wiens Erzbischof rechnet in "News"-Interview mit "präzisen Diagnosen" Benedikts XVI.
Brisante Aussagen zum Europa-Thema und zur Verantwortung Österreichs in Europa erwartet Kardinal Christoph Schönborn vom bevorstehenden Papstbesuch in Österreich. "Es wird spannend, was er zu sagen haben wird. Es wird kein leeres Gewäsch sein", so Schönborn in einem Interview in der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins "News". In der Wiener Hofburg werde Benedikt XVI. "sicher an die Stellung und Verantwortung gerade Österreichs für Europa erinnern", betonte der Wiener Erzbischof in dem Interview, das den Titel trägt: "Der Papst tut uns gut".
Papst Benedikt XVI. habe sich schon als Kardinal "nie gescheut, wie ein Arzt scharfe, präzise Diagnosen zu stellen", sagte Kardinal Schönborn. Er gehe dabei nicht "marktschreierisch" vor, sondern mit "glasklarer Präzision" und mit der Zuwendung eines Arztes, der wirklich helfen und Wege der Heilung aufzeigen will.
Der Papst habe die seltene Gabe, Vernunft und Emotion zugleich anzusprechen. Er spreche die "vernünftige Dimension" und die "existenzielle, das Leben wirklich packende" Sicht des Glaubens an. Das sei immer schon die Faszination Ratzingers gewesen und habe die Studenten zu Hunderten in dessen Vorlesungen in Tübingen oder Regensburg gelockt, so Schönborn.
Ratzinger habe als einer der "brillanten jungen Hoffnungsträger der Konzilstheologen" gegolten, erinnerte Kardinal Schönborn. Er habe durchaus die sehr offene ökumenische Linie des Konzils vertreten; aber schon 1964, noch vor Ende des Konzils, habe Ratzinger vor einer Überinterpretation des Konzils zu warnen begonnen. In der nachkonziliaren Auseinandersetzung sei er dann zur "Weggabelung" gelangt, an der er ganz klar sagte, dass das Konzil nicht ein "Bruch", sondern eine "Erneuerung in der Kontinuität" war. Dass sich Ratzinger den "Ruf des Inquisitors" eingehandelt habe, liege daran, dass er sich als Präfekt der Glaubenskongregation 24 Jahre lang mit "allen möglichen oder wirklichen Abweichungen von der katholischen Glaubenslehre" auseinander setzen musste.
Angesprochen auf die "Regensburger Vorlesung", auf das Vatikan-Schreiben über die Evangelischen oder die Zulassung des "alten Usus" von 1962 sagte Kardinal Schönborn, er sehe Papst Benedikt XVI. nicht als Provokateur, aber sehr wohl als jemanden, "der wenig Angst hat". Schönborn wörtlich: "Er sagt die Dinge so, wie er sie sieht, er möchte zum Nachdenken anregen". Es sei ihm beispielsweise gelungen, dass wieder über die Liturgie geredet wird. Zu sagen, es gehe um einen Rückschritt hinter das Zweite Vatikanische Konzils, halte er - so Schönborn - "für eine Denkfaulheit". Der "alte Usus" sei ja nie verboten worden, sei ein - wenngleich bescheidener - Teil des liturgischen Lebens. Schönborn wörtlich: "Was also ist der Grund der Aufregung? Dass man jenen, die es wünschen, die alte Form etwas großzügiger erlaubt, ist kein Grund zur Aufregung".
Mut zur Öffentlichkeit
Vom Papstbesuch in Österreich erwartet sich Schönborn zunächst einmal "Mut zur Öffentlichkeit des Glaubens". In Österreich neige man dazu, die Religion eher als Privatsache zu betrachten. Ein Papstbesuch sei dagegen etwas sehr Öffentliches: "Das mag manche stören, andere gleichgültig lassen, andere wiederum freuen sich". Es zeige aber etwas Wichtiges, "dass man sich mehr traut, den eigenen Glauben bewusst und öffentlich zu thematisieren". Wie alles im Leben brauche auch der Glaube "Futter, Kultur, Pflege". Dazu könne Benedikt XVI. einen wesentlichen Beitrag leisten: "Er hat eine unglaubliche Gabe, die Dinge des Glaubens einfach, klar und ansprechend darzustellen. Das wird uns gut tun".
Wer sich vom Papstbesuch allerdings erwarten sollte, dass sich an der Grundstruktur der Kirche etwas ändern werde, der sei "an der falschen Adresse", so Schönborn. Die Grundstruktur der Kirche - von Christus selbst der Kirche gegeben - sei seit Ende des 1. Jahrhunderts in klarer Form vorgegeben, durch alle Jahrhunderte gelebt worden und "nicht verhandelbar". Ob sich die Frage des Zölibats einmal ändern wird oder nicht, halte er - so Schönborn - "nicht für vorrangig". Das Entscheidende seien gut ausgebildete und engagierte Priester, es gehe nicht allein nur um den Zölibat.
Zu viel "Hickhack"
Angesprochen auf die innenpolitische Lage meinte Kardinal Schönborn, es gebe "zu sehr kleines Hickhack", die großen gesellschaftlichen Fragen dahinter würden übersehen. Er hoffe, dass es der Koalition gelingt, eine Gesprächs- und Konfliktkultur zu entwickeln, die es ermöglicht, "dass Themen im Vordergrund stehen und nicht allein parteipolitische Interessen, Kanzlerfrage oder tagespolitischer Gewinn". An Wolfgang Schüssel habe er immer geschätzt, dass man "das Gefühl hatte, er hat wirklich langfristig politische Ziele für das Land im Blick und ist nicht bereit, sofort alles auf dem Vierteljahresaltar des Erfolgs zu opfern". Auch die neue Koalition wäre - so Kardinal Schönborn - dazu in der Lage. Er hoffe, dass die Sommerpause dazu beiträgt, dass man großkoalitionäre Gesprächskultur um des Landes willen weiterentwickelt. Erforderlich sei freilich ein "gewisses gegenseitiges Wohlwollen und Vertrauen". Schönborn: "Das müsste eigentlich möglich sein, denn es geht uns wirtschaftlich so gut in Österreich, dass wir uns das nicht nur leisten können, sondern dazu verpflichtet sind". Auch die neue Koalition habe "genügend intelligente, gute Leute".
Nähe und Distanz zu den Parteien
Zum Thema Wirtschaft und Soziales warnte Schönborn vor einem Wirtschaftskonzept, das sich selbst in Gefahr bringt, indem es den Menschen - und damit auch den Kunden - wegrationalisiert. Wenn es immer mehr Menschen relativ schlecht geht, dann sei "etwas faul an dieser Wirtschaft". Gewinnmaximierung könne nicht das oberste Gebot sein. Es müsse der "Faktor Mensch" als der grundlegende und entscheidende Faktor einer gesunden Wirtschaft im Mittelpunkt stehen.
Man sei heute über die Zeit hinaus, wo kirchlicherseits Parteipolitik betrieben wurde. Das sei nicht mehr der Weg der Kirche. "Aber wir schauen sehr darauf, inwieweit Politiker menschliche und christliche Werte wirklich in den Mittelpunkt stellen. Und in dem Maß wird auch Nähe und Distanz zu den politischen Parteien definiert sein", so Schönborn.