Papst betont Wert des Sonntags für den Menschen
Benedikt XVI. feierte Messe im Wiener Stephansdom - Ohne sonntäglichen Gottesdienst "wird die freie Zeit zur leeren Zeit"
Die hohe Bedeutung des Sonntags und der sonntäglichen Eucharistiefeier hat Papst Benedikt in den Mittelpunkt seiner Predigt im Wiener Stephansdom gestellt. Der Sonntag habe sich in den westlichen Gesellschaften "zum Wochenende, zur freien Zeit gewandelt", sagte der Papst am Sonntag vor tausenden Gläubigen, die sich im und vor der Dom zur Messfeier mit Benedikt XVI. versammelt hatten. "Die freie Zeit ist gerade in der Hetze der modernen Welt gewiss etwas Schönes und Notwendiges. Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und aufhilft", so der Papst: "Die freie Zeit braucht eine Mitte - die Begegnung mit dem, der unser Ursprung und Ziel ist".
Benedikt XVI. zitierte einen Ausspruch seines "großer Vorgängers" auf dem Erzbischofsstuhl von München, Kardinal Michael Faulhaber: "Gib der Seele ihren Sonntag, gib dem Sonntag seine Seele". Und er erinnerte an die Antwort, die im Jahr 304 Christen in Abilene im heutigen Tunesien dem Richter gegeben hatten, als sie bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt wurden: "Sine dominico non possumus!" (Ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben).
Die Christen bräuchten auch heute die "Berührung mit Gott" und die Nähe zum auferstanden Christus, "um sie selbst zu sein", unterstrich Benedikt XVI. Aber dies sei nicht nur "eine seelische, subjektive Berührung"; es gehe vielmehr um die sonntägliche Messfeier als "konkrete, leibhaftige und gemeinschaftliche" Form dieser Berührung.
"Sie gibt unserer Zeit und so unserem Leben als ganzem eine Mitte, eine innere Ordnung", so der Papst. Der Gottesdienst schenke zudem "einen Raum der Freiheit, der uns über das Getriebe des Alltags hinausschauen lässt". Für die Christen sei daher die sonntägliche Eucharistiefeier "nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben mit seiner Liebe trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde dem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit".
Der Papst schlug auch einen Bogen zum heute dringend gebotenen Schutz der Umwelt. Die frühen Christen hätten den Sonntag als ersten Tag der Woche begangen, weil er der Tag der Auferstehung war. Sehr bald sei der Kirche auch bewusst geworden, dass der erste Tag der Woche "der Tag des Schöpfungsmorgens ist". Deshalb sei der Sonntag auch "das wöchentliche Schöpfungsfest der Kirche, das Fest der Dankbarkeit für Gottes Schöpfung und der Freude über sie", hielt Benedikt XVI. fest: "In einer Zeit, in der die Schöpfung durch unser Menschenwerk vielfältig gefährdet scheint, sollten wir gerade auch diese Dimension des Sonntags bewusst aufnehmen". Zudem sei für die frühe Kirche auch immer mehr das Ruhegebot des jüdischen Sabbats in den ersten Tag der Woche eingegangen: "Wir nehmen teil an der Ruhe Gottes, die alle Menschen umfasst. So spüren wir an diesem Tag etwas von der Freiheit und Gleichheit aller Geschöpfe Gottes", so Benedikt XVI.
Krise des selbstbezogenen Lebensstils
Benedikt XVI. wies im Stephansdom - wie schon am Samstag in Mariazell - auf die Krise des selbstbezogenen Lebensstils hin. "Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens", stellte er unter Hinweis auf den Evangeliumstext dieses Sonntags fest. Das Wort Jesu "Wer nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet und nicht auch alle Familienbindungen lässt, kann mein Jünger nicht sein" lasse aufs erste Hinhören erschrecken, so der Papst. Dieses Wort müsse aber richtig verstanden werden. Es richte sich im engeren Sinn nicht an alle, sondern an jene, die sich besonderem christlichem Einsatz berufen fühlen. In allen Zeiten rufe Jesus Menschen, "alles auf ihn zu setzen, alles andere zu lassen, ganz für ihn und so ganz für die anderen da zu sein: Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu schaffen, in der so oft nur Macht und Geld zu zählen scheinen", so der Papst unter Hinweis auf Heilige wie Benedikt, Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Hedwig von Schlesien, Ignatius von Loyola, Teresa von Avila bis herauf zu Mutter Teresa und Pater Pio.
Das Wort Jesu richte sich nicht gegen die eheliche Liebe oder gegen die Familie, auch nicht gegen Freude am Leben und Gestaltung der Erde, betonte Benedikt XVI. Es enthalte aber einen Kern, der alle Christen betreffe und in einem anderen Jesus-Wort ausgedrückt sei: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selber verliert und Schaden nimmt?"
Wörtlich sagte der Papst dazu: "Nur der Liebende findet das Leben. Und Liebe verlangt immer das Weggehen aus sich selbst, verlangt sich selber zu lassen. Wer umschaut nach sich selbst, den anderen nur für sich haben will, der gerade verliert sich und den anderen. Ohne dieses tiefste Sich-Verlieren gibt es kein Leben". Ein solches Loslassen sei aber nur möglich, "wenn wir dabei am Ende nicht ins Leere fallen, sondern in die Hände der ewigen Liebe Gottes hinein". Wörtlich sagte der Papst: "Alles Wissen der Erde nützt uns nichts, wenn wir nicht zu leben lernen, wenn wir nicht erlernen, worauf es im Leben wahrhaft ankommt".
Gebete und Gesänge seit den Morgenstunden
Zuvor war der Papst von über 1.000 Ministranten im Arkadenhof des Erzbischöflichen Palais mit begeisterten "Benedetto"-Rufen begrüßt worden. In einer Prozession, gesäumt von tausenden Gläubigen, zog der Papst anschließend über den Stephansplatz in den Dom ein.
Bereits seit den frühen Morgenstunden hatten sich trotz Nässe und Kälte zahlreiche Gläubige auf dem Stephansplatz eingefunden, um sich im gemeinsamen Gebet und Gesang auf den Gottesdienst mit Papst Benedikt einzustimmen.
Im Anschluß an den Gottesdienst wird Papst Benedikt auf dem Stephansplatz das Angelusgebet sprechen und dann wieder zum Erzbischöflichen Palais zurückkehren. Am Nachmittag folgt der Besuch des Wienerwald-Stiftes Heiligenkreuz sowie die Begegnung mit Ehrenamtlichen im Wiener Konzerthaus. Die Rückreise nach Rom wird der Papst gegen 19.45 Uhr vom Flughafen Wien-Schwechat antreten.