Wallfahrt nach Mariazell beginnt in Wien "Am Hof"
Mit einem bunten "Fest des Glaubens" wird Papst Benedikt XVI. in der Wiener Innenstadt empfangen
Die Ankunft Papst Benedikts XVI. auf dem Platz Am Hof in der Wiener Innenstadt am 7. September ist in ein großes "Glaubensfest" eingebettet. Das "Glaubensfest" beginnt bereits um 10 Uhr, der Papst wird gegen 12.45 Uhr auf dem Platz eintreffen. Das Fest auf dem Platz Am Hof ist bewusst als Auftakt zur Wallfahrt nach Mariazell konzipiert, so Martin Sindelar, Zeremoniär von Kardinal Christoph Schönborn und gemeinsam mit Otto Neubauer von der Gemeinschaft "Emmanuel" für die Gestaltung der Feiern an der ersten Station des Papstbesuchs zuständig.
Otto Neubauer erwartet auf dem Platz Am Hof ab 10 Uhr rund 25.000 Besucherinnen und Besucher, unter ihnen 5.000 Schülerinnen und Schüler: "Es geht nicht in erster Linie ums 'Papst schauen', sondern darum, den Glauben zu feiern". Musikalisch wird das Vorprogramm ab 10 Uhr von der Musikgruppe der Gemeinschaft "Emmanuel" unter der Leitung von Franz Kinsky sowie von Chor und Bläsern von "Ars musica" unter Leitung von Peter Hrncirik und Markus Landerer (Solistin: Christina Pass) gestaltet - bewusst "zum Mitsingen und Mitsummen".
Das Vorprogramm ist abwechslungsreich, nicht nur in musikalischer Hinsicht. Zum Beispiel gibt es ein Gespräch mit zwei Salzburgern, die seit Jahrzehnten mit Benedikt XVI., einst Joseph Ratzinger, verbunden sind: Dem Rektor des Bildungszentrums St. Virgil, Prälat Hans Walter Vavrovsky, und Roman Angulanza, dem emeritierten Leiter des Katholischen Bildungswerks Salzburg. Später stehen Interviews mit "Gästen" aus dem ökumenischen und interreligiösen Dialog auf dem Programm. Dann kommen Pfarrgemeinderatsmitglieder zu Wort, die im Februar dem Papst in Rom die aus den Erfahrungen ihrer Gemeinden "aktualisierte" Apostelgeschichte übergeben konnten.
Ab 11 Uhr geht es im Hinblick auf das Motto des Papstbesuchs "Auf Christus schauen" immer "tiefer" in das Thema hinein, so Neubauer. Dabei wird insbesondere versucht, den Menschen auf dem Platz einen Zugang zur innersten Botschaft des Christentums zu erschließen. U.a. berichten junge Leute über ihre Erfahrungen mit den "Abenden der Barmherzigkeit" im Wiener Stephansdom. Die Landung des Papstflugzeugs wird direkt auf den Platz Am Hof übertragen. Im Anschluss berichten die Journalisten Michaela Baumgartner und Markus Mahringer ("Modern Times"), wie Papstworte auch das Leben von "Promis" verändern können. Barbara Stöckl berichtet über Reaktionen auf ihr erfolgreiches Interview-Buch mit Kardinal Christoph Schönborn "Wer braucht Gott?"
Gegen 12.45 Uhr soll der Papst im "Papamobil" auf dem Platz Am Hof eintreffen; Benedikt XVI. wird mit der neu komponierten "Benedikt-Intrada" begrüßt. Von der Altane der Kirche aus wird er gemeinsam mit den auf dem Platz um die Mariensäule versammelten Menschen beten. "Wir bitten ihn, mit uns zu beten und uns im Gebet voranzugehen" so Neubauer. Acht Paare, die alle Generationen und Lebensformen repräsentieren, werden dem Papst Gebetsanliegen vorbringen, eine Bitte wird auch in Gebärdensprache übermittelt.
Benedikt XVI. wird mit den Gläubigen beten, eine kurze Ansprache halten und danach in der Kirche Am Hof das "Allerheiligste" in einer eigens angefertigten gläsernen Monstranz den Gläubigen zeigen. Wenn der Papst dann in der Kirche vor dem Allerheiligsten betet, werde er "gemeinsam mit allen Gläubigen auf Christus schauen", so Sindelar.
In der Kirche - die heute das Zentrum der Wiener kroatischen katholischen Gemeinde ist - werden u.a. rund 1.000 Repräsentantinnen und Repräsentanten der anderssprachigen Gemeinden anwesend sein. Kardinal Schönborn hat die anderssprachigen Gemeinden immer wieder als "Frischzellen" der Kirche in Wien bezeichnet. Das Gebet in der Kirche wird musikalisch von österreichischer Klassik geprägt sein ("Pange lingua" von Schubert für Sopransolo, Chor und Orchester, "Ave verum corpus" von Mozart für Chor und Orchester sowie "Adoramus te, Domine" als Neuschöpfung für Sopransolo, Bass, Chor und Orchester). Ausführende sind der "Haydn-Chor" der Wiener Pfarre Gumpendorf (wo einst Joseph Haydn seine letzten Lebensjahre verbracht hatte) und die Solisten Gertraud Schmid und Josef Wagner.
Mit dem Gebet des Papstes vor dem "Allerheiligsten" beginnt in der Kirche Am Hof eine Gebetsvigil, die über Nacht bis zum Beginn des Wallfahrtsgottesdienstes in Mariazell am 8. September um 10 Uhr dauern wird. Neubauer: "Der Papst kommt nicht nur und sagt 'Hallo', sondern er stärkt den Glauben und nimmt viele mit, die nicht an der Wallfahrt nach Mariazell teilnehmen können".
Nach der Eröffnung des eucharistischen Gebets durch den Papst wird die Anbetung in der Kirche Am Hof fast 20 Stunden hindurch fortgeführt. Durchgehend wird es dabei auch die Möglichkeit zum Entzünden von Gebetslichtern und zum Empfang des Bußsakraments geben. Musikalisch wird die Gebetsvigil u.a. mit Gregorianischem Choral, Orgelmusik und Musik aus der jüdischen Gebetstradition gestaltet. Der klassischen Kirchenmusik wird besonders Raum gegeben: Von 19 bis 21 Uhr sind Chor und Orchester "Ars musica" zu hören, u.a. mit Teilen aus der "Sakramentslitanei" von Mozart. Innerhalb dieser Zeit werden auch die österreichischen Bischöfe - nach dem staatlichen Festakt mit dem Papst in der Hofburg - zum gemeinsamen Gebet in die Kirche Am Hof kommen.
Stundenweise sind während der Gebetsvigil einzelne Gemeinschaften für die Gestaltung der Anbetung in der Kirche Am Hof zuständig. Von 17 bis 18 Uhr am 7. September ist es etwa die Kroatische Gemeinde, von 21 bis 23 Uhr die Loretto-Gemeinschaft und von 23 Uhr bis 1 Uhr sind es die Franziskaner. Die Schönstatt-Gemeinschaft zeichnet von 1 bis 2 Uhr verantwortlich, von 2 Uhr bis 4 Uhr sind es die Kalasantiner. Am 8. September wird der Hochmeister des Deutschen Ordens, Bruno Platter, um 8.30 Uhr das "Allerheiligste" wieder in den Tabernakel der Kirche Am Hof übertragen.
Ein Platz mit Tradition
Der Platz Am Hof hat eine lange "päpstliche" Tradition. Von 1630 bis 1913 befand sich hier die Apostolische Nuntiatur, an der u.a. von 1668 bis 1671 Antonio Pignatelli, der spätere Papst Innozenz XII., wirkte.
Vor 225 Jahren, 1782, stattete Pius VI. Wien einen mehrwöchigen Besuch ab und zelebrierte u.a. am Ostersonntag jenes Jahres, einem 31. März, ein feierliches Hochamt im Stephansdom. Im Anschluss daran fuhr er, begleitet von den Kardinälen Christoph Migazzi (dem Wiener Erzbischof) und Joseph Batthyany, in einem offenen sechsspännigen Wagen über den Hohen Markt zur Kirche Am Hof. Vom Balkon ("Altane") der Kirche aus erteilte er den Tausenden Gläubigen den Ostersegen. Auch Benedikt XVI. wird am 7. September diesen Balkon benützen.
Die Chroniken berichten, dass an jenem Ostersonntag 1782 der Platz Am Hof schon frühmorgens dicht besetzt gewesen sei. Nach zeitgenössischen Berichten drängten sich dann gegen 15 Uhr, als der Papst am Balkon erschien, zigtausende Menschen auf dem Platz und in den umliegenden Gassen. Die Sicherheitsmaßnahmen waren damals noch nicht so ausgefeilt wie heute, obgleich überall "Geheime" - die "Sbirren" Josephs II. nach venezianischem Vorbild - in der Menge verteilt waren, um zu hören, was "das Volk" über den Besuch des Papstes sage.
Als der Papst zu beten begann, soll es auf dem Platz so still geworden sein, "dass man nur mehr das Schluchzen und Weinen der ergriffenen Menschen gehört hat", so der Wiener Domarchivar Reinhard Gruber unter Verweis auf zeitgenössische Quellen.
Applaus für Johannes Paul II.
Am 12. September 1983 traf Papst Johannes Paul II. auf dem Platz Am Hof in Wien mit österreichischen Arbeitnehmern und Gastarbeitern zusammen. Die Begegnung stand unter dem Zeichen der "tiefen Verbundenheit" des Papstes mit den arbeitenden Menschen. Für das Treffen war vor den Toren der Kirche eine Bühne aufgebaut worden, damit der Papst von allen Gläubigen gut gesehen werden konnte. Johannes Paul II. wurde nicht nur von "Sozial-Bischof" Maximilian Aichern und Vertretern der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB), sondern auch von Gastarbeitern aus dem damaligen Jugoslawien begrüßt. Auch Flüchtlinge aus Vietnam und Immigranten aus Indien und den Philippinen sowie Christen aus der Türkei konnten dem Papst ihre Aufwartung machen.
Johannes Paul II. sagte wörtlich: "Ich möchte euch zur Seite stehen und eure Hoffnungen, eure Sorgen und Ängste teilen". Er betonte die Würde des Menschen, sprach das "Übel der Arbeitslosigkeit" an und rief angesichts der Not in der Welt zu solidarischem Handeln auf. Viel Applaus erntete der Papst mit seinen abschließenden Grußworten auf Kroatisch, Slowenisch, Englisch und Türkisch.
Auf römischen Fundamenten
Der Platz Am Hof ist einer der historisch bedeutendsten Plätze der Wiener Innenstadt. Er befindet sich im ältesten Kern der Stadt; er war bereits Teil der römischen Stadt. Von 1155 bis etwa 1280 lag hier der Hof der Babenberger, den sich Heinrich Jasomirgott als Residenz erbaut hatte. Dieser Hof bestand aus einem Häuserkomplex um einen freien Platz, mit dem Wohnhaus des Herzogs als Mittelpunkt. Heinrich Jasomirgott und seine Frau Theodora trafen hier 1165 den römischen Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der sich auf dem dritten Kreuzzug ins Heilige Land befand.
Zwischen 1177 und 1194 fanden auf dem Platz Minnesang-Wettbewerbe statt, bei denen u.a. Walther von der Vogelweide auftrat. Ab dem 14. Jahrhundert wurde der Platz als Markt genutzt, später auch als Richtplatz.
Die Habsburger übersiedelten schon um 1280 in den Schweizertrakt der damals noch viel kleineren Hofburg und überließen die Gebäude Am Hof der landesfürstlichen Münze. Im Jahr 1365 wurden dann die Karmeliter provisorisch in der Münzstätte einquartiert. 1386 kam es zur offiziellen Schenkung durch Albrecht III., wobei der Platz erstmals "Am Hof" genannt wurde. Die Karmeliter errichteten anstelle der romanischen Münzhofkapelle eine dreischiffige gotische Klosterkirche. Der Bau wurde um 1420 abgeschlossen.
Während der Reformation verfiel die Kirche. König Ferdinand I. übergab Kirche und angrenzendes Kloster 1554 dem Jesuitenorden. Im Jahr 1607 brannte die Kirche ab. Bei der Renovierung verlieh man dem gotischen Gebäude ein barockes Antlitz. 1662 wurde im Auftrag der Witwe Kaiser Ferdinands III. die monumentale Westfassade errichtet. Mit ihrer vorgezogenen Eingangshalle, den Seitenflügeln und der breit gespannten Altane wirkt die Kirche "Zu den neun Chören der Engel" beinahe wie ein Palast.
1773 wurde der Jesuitenorden aufgehoben. Die Kirche wurde Garnisonskirche. Das Klostergebäude der Jesuiten wurde zweckentfremdet und musste von 1783 bis 1913 ausgerechnet als Sitz des Kriegsministeriums dienen. Am 6. August 1806 verkündete vom Balkon der Kirche ein kaiserlicher Herold das Ende des Heiligen Römischen Reiches, erst damals entstand "Österreich" offiziell.
Die Mariensäule in der Mitte des Platzes besteht seit 1645. Die Bronzefigur der Maria Immaculata erhebt sich über einem quadratischen Sockel. Die vier gewappneten Putti (Knabenfiguren) unter der Marienfigur fechten siegreich gegen den Drachen (Hunger), den Löwen (Krieg), die Schlange (Unglauben) und den Basilisken (Pest). In ihrer jetzigen Form existiert die Säule seit 1667.