Theologe Beck warnt vor "Verzweckung"
Wenn am Freitag die Bioethikkommission ihre Stellungnahme zur Reform des Fortpflanzungsmedizingesetzes vorlegt, ist dies nichts weniger als der Startschuss zu einer breiten Diskussion über das zukünftige gesellschaftliche Menschenbild: Davon zeigte sich der Wiener Mediziner und Theologe Matthias Beck als Mitglied der Bioethikkommission in einem Kommentar in der christlichen Wochenzeitung "Die Furche" überzeugt. Denn hinter allen aktuellen bioethischen Fragen - von In-vitro-Fertilisation (IVF) über Leihmutterschaft, Adoption für homosexuelle Paare und Präimplantationsdiagnostik (PID) - stünden Entscheidungen, die "die Gesellschaft tiefgreifend verändern".
Wichtig sei es laut Beck, bei diesen Diskussionen zum einen die offenen Detailfragen zu beachten - und insgesamt die Menschenwürde zu beachten. Denn aus der Unantastbarkeit der Menschenwürde folge zugleich das Recht auf Leben, das Verbot der Tötung, das Recht auf körperliche Unversehrtheit - und allem voran das "Verbot der Totalverzweckung" des Menschen. "Der Mensch darf nicht als Mittel für andere Zwecke und Interessen missbraucht werden" - was allerdings durch die aktuell diskutierten bioethischen Streiftragen durchaus infragegestellt wird, so Beck: "Werden diese ethischen Grundprinzipien noch beachtet?"
Im Detail betrachtet bleiben laut Beck mehr Fragen als Antworten. Etwa bei der IVF: Da sei weder geklärt, warum man sie überhaupt brauche, noch die Frage, ob die Abnahme der Spermienqualität bei Männern und die Zunahme der Unfruchtbarkeit nicht doch eher eine Frage des "Lebensstils" ist Europa sei. Medizinisch ungeklärt seien weiterhin mögliche Schädigungen der Embryonen durch deren Verweilen in antibiotika-haltigen Nährlösungen, die Frage nach dem Umgang mit überzähligen Embryonen, die Zulassungsbedingungen zur IVF und die noch völlig offenen sozialen Folgeprobleme.
Beck wörtlich: "Wie steht es um die nächste Generation von Kindern, die nur mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufwachsen, oder die eine genetische, eine austragende und eine soziale Mutter haben? Ist an das Wohl der Kinder gedacht? Haben Kinder nicht ein Recht auf Eltern beiderlei Geschlechts?" Angesichts dieser offenen Fragen sei es geboten, die beiden am Freitag präsentierten Voten der Bioethikkommission "in der Öffentlichkeit breit zu diskutieren", so der Mediziner und Theologe.
Der 1956 in Hannover geborene Matthias Beck wirkt seit 2007 als außerordentlicher Professor für Moraltheologie an der Universität Wien, nachdem er die Studien in Pharmazie, Medizin, Philosophie und Theologie abgeschlossen hatte. Er ist u.a. Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission und Priester in der Erzdiözese Wien.
"Freier Zugang aller zum Kind als Produkt"
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Direktor des Instituts für Philosophie an der deutschen Fernuniversität Hagen, Thomas Sören Hoffmann. In einem Kommentar im "Standard" (Donnerstag) stellt er der Disziplin der Bioethik insgesamt ein schlechtes Zeugnis aus, da sich diese offenbar nicht länger als "kritische Disziplin" versteht, sondern als "Marktpolizei" im Kampf für eine möglichst marktkonforme, liberale Gesetzgebung im Bereich der Biomedizin. Von der menschlichen Natur gegebene Einschränkungen in der Fortpflanzung wie etwa Unfruchtbarkeit werden von ihr als altmodisch erachtet; für eine "Exklusion" der Betroffenen vom "freien Zugang aller zum Kind als Produkt" sehe die Mehrheit der Kommissionsmitglieder keinen Anlass.
So stehe das Recht kurz davor, von den Regeln der Ökonomie selbst kolonialisiert zu werden. Dagegen hält Hoffmann fest: "Das Recht ist keine Wunscherfüllungsmaschine." Kinder seien schließlich "keine 'Produkte', keine Wunschmarionetten, sondern Andere und zur Selbstbestimmung Bestimmte". Ein "Recht auf sie selbst, die Kinder, gibt es dann nicht - für niemanden."
Zugleich verwies Hoffmann auf Studien, die ein doppelt so hohes Fehlbildungsrisiko bei IVF-gezeugten Embryonen nachweisen. Verschwiegen werde für gewöhnlich auch die Methode des Fetozids, also der gezielten Tötung bei Mehrlingsschwangerschaften oder Studien über die Folgen von "Vaterlosigkeit" insbesondere für Buben, so Hoffmann. Sein Resümee: "Wäre Bioethik noch kritisch, gäbe es hier für sie gar manches zu tun. Schmiert sie dagegen den Markt, dann vergessen wir sie lieber gleich."
Quelle: Kathpress