Warnung vor Ende des Grundkonsenses
Vor einer Aufkündigung des Grundkonsenses in ethischen Fragen warnt der Wiener Philosoph Günther Pöltner. Wo die Einigkeit etwa in Fragen des Lebensschutzes einem "normativen Pluralismus" weiche oder sämtliche religiöse Haltungen zu Leben und Lebensschutz unter "Metaphysikverdacht" gestellt und von einem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen würden, drohe eine Atomisierung der Gesellschaft. Ethische Fragen seien "keine Abstimmungsmaterie" und allein durch Mehrheitsvoten nicht ausreichend zu beantworten, so Pöltner im Rahmen einer Tagung über die "Diktatur des Relativismus" in Stift Heiligenkreuz.
Prinzipiell sei der gesellschaftliche Pluralismus durchaus zu begrüßen, da er den freiheitlichen Grundprinzipien des modernen Rechtsstaates gerecht würde und den Menschen in seiner Freiheit ernst nehme. In der Tat sei aber die Frage, was der Mensch sei, heute nicht mehr einheitlich und allgemeinverbindlich zu beantworten. Problematisch werde dieser Pluralismus dort, wo er selbst normativ in dem Sinne werde, dass er die Wahrheitsfrage gänzlich ausschließe und Liberalität zur Handlungsmaxime erkläre.
Deutlich werde dies etwa bei Fragen des Lebensschutzes und der Bioethik, d.h. dort, wo auch die anthropologische Frage nach dem Wesen des Menschen gestellt werde. Wie sollte dieser Streit - den Grundlagen des säkularen Rechtsstaates entsprechend - "weltanschaulich neutral" ausgetragen werden?, fragte Pöltner in seinem Vortrag über die "Stellung der Vernunft im weltanschaulich neutralen Staat".
Kein Vertrauen hat der Philosoph in diskursethische Lösungskonzepte, wie sie etwa der deutsche Philosoph Jürgen Habermas vertritt. Dieser Ansatz stelle sämtliche Werthaltungen zu Fragen des Lebens und Lebensschutzes - etwa in der Präimplantationsdiagnostik oder dem Forschungsklonen - unter "Metaphysikverdacht" und schließe diese Stimmen von gesellschaftlichen Diskursen aus. Außerdem enthülle selbst ein betont nachmetaphysisches Argument wie etwa die Vorrangstellung des Gerechten vor dem Guten als Grundprinzip moderner Rechtsstaaten eine Werthaltung, die zu hinterfragen sei. Gefahr drohe auch dort, wo die allgemeine Verbindlichkeit der Menschenrechte in Frage gestellt werde, so Pöltner.
Es gebe letztlich "kein metaphysikfreies Argument", so der Philosoph zusammenfassend. Die pluralistische Gesellschaft sollte daher nicht diesen Anspruch des weltanschaulich bereinigten Diskurses stellen, sondern die Ansprüche selbst reflektieren und diskutieren. Selbst das gesatzte Recht komme nicht ohne ein "Vorverständnis" und damit ohne eine Wertung dessen aus, was der Mensch sei. Reine "Mehrheitsbeschlüsse" genügten daher gerade in ethischen Fragen nicht, "weil ethische Fragen keine Abstimmungsmaterie sind".
Notwendig sei laut Pöltner eine "öffentliche gesellschaftspolitische Gestaltungsdebatte" - und diese unter den Grundbedingungen der gediegenen Informiertheit, der Nicht-Verdrängung ethisch strittiger Fragen aus dem Diskurs und der damit einhergehenden Berücksichtigung aller für eine ethische Beurteilung relevanten Gesichtspunkte. Schließlich müsse sich eine Gesellschaft fragen, "was eine Instrumentalisierung bestimmter Phasen eines Menschenlebens für unsere Einstellung zu unseresgleichen und zu uns selbst bedeutet".
Der Trend laufe gegenwärtig dennoch in Richtung eines "normativen Pluralismus'", so Pöltner abschließend. Aber der Wahrheitsanspruch bleibt - ansonsten verlören die Debatten ihre Ernsthaftigkeit. "Wir stehen unter dem Anspruch, er ist uns unverfügbar, unhintergehbar und er ergeht nicht bloß temporär, nur zu gewissen Zeiten, sondern ist in allem, was wir tun oder unterlassen, zu vernehmen."
Quelle: Kathpress