Suche nach dem Bild der Gottesmutter
Es besteht eine Kluft zwischen den "braven" Heiligendarstellungen im kirchlichen Umfeld und jenen in der "profanen" modernen Gegenwartskunst. Darauf hat der Kunsthistoriker und Jesuit P. Gustav Schörghofer am Dienstagabend anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten hingewiesen. Unter dem Titel "Unsere Heiligen #4" belieferten verschiedenste Kunstschaffende zum vierten Mal das kirchliche Bildungshaus mit zeitgenössischen Auseinandersetzungen zu Heiligen bzw. Vorbildern.
Anhand der Madonnenbilder, die im Gefolge der Marienerscheinungen in Lourdes, Fatima und Medjugorje entstanden, zeigte Schörghofer in seinem Vortrag auf, dass heute im kirchlichen Kontext aufscheinende Heiligendarstellungen bestimmte Bereiche der Wirklichkeit ausklammern: "Sie zeigen nichts von Leid und Schmerz, von der Last des Lebens, von Armut und Not. Es sind Bilder einer heilen Welt, die all das nicht kennt."
In der idealisierten Gottesmutterstatue der Lourdes-Grotte, im "mädchenhaft schlanken" und "reinen" Darstellung in Fatima und Medjugorje zeigten sich "Bilder eines Menschen hoch über allen anderen, schön, farblos und brav". Schörghofer wörtlich: "Warum sind die Heiligen so brav? Warum begegnet uns in ihnen nur ein Ausschnitt der Welt, das Reine als Farblosigkeit, das Unerotische, das Nicht-Vitale, das Unverletzte, das Abgehobene und Unberührte?"
Heilige in der Kunst sind rar geworden
Zugleich seien Bilder von Heiligen - jahrhundertelang selbstverständliche Motive der Kunst - seit dem 19. Jahrhundert im Kunstbetrieb rar geworden. Schon Vincent van Goghs "Mater Dolorosa" (1889) oder Edvard Munchs "Madonna" (1895) stellten Annäherungen dar, die sie für den kirchlichen "Gebrauch" völlig ungeeignet erscheinen ließen. Das Aufgreifen von Alltäglichkeit bei van Gogh und die Erotisierung bei Munch seien typische Beispiele für den Unwillen der Kunst, Heiligkeit durch "Ausgrenzung gegen alles Irdische, Fleischliche" abzubilden.
Schörghofer wies darauf hin, was in der Kunst der Moderne besondere Beachtung und Aufmerksamkeit genießt, von ihr "gewissermaßen geheiligt" wird: zum einen das Einfache, Geringe, Niedrige, gering Geschätzte, ja Verachtete, zum anderen das Gefährdete, Verwundete, Verletzte, Schutzlose. Fotografie spiele - so der Rektor der Wiener Jesuitenkirche - seit dem 19. Jahrhundert eine entscheidende Rolle für das Heiligenbild. "Sie vermag nahe an den Menschen heranzuführen, ihn zu zeigen in seiner Verletzlichkeit, seiner Einfachheit und gerade so in seiner Würde."
Im Bildungshaus St. Hippolyt sind noch bis 10. Februar 2013 zeitgenössische Zugänge zum Thema Heilige zu sehen. Thematisiert wurden u.a. Hiob, Maria Magdalena, Anne Frank, Nelson Mandela, Franz Jägerstätter und Maria Restituta Kafka. Wie schon 2006, 2008 und 2010 ist dabei - kuratiert vom Theologen und Bildungshaus-Mitarbeiter Franz Moser - ein bunter, vielfältiger Reigen verschiedenster Herangehensweisen zu sehen. (Informationen: www.unsere-heiligen.com)
Ein "Kathpress"-Themenpaket mit weiteren Meldungen zu Allerheiligen und Allerseelen ist unter www.kathpress.at/allerheiligen abrufbar.
Quelle: Kathpress