Erzdiözese Wien im weltkirchlichen Trend
Auch ein "Defizit der Synode" sprach der Kardinal im Rückblick auf ihren bisherigen Verlauf an: "Ich hätte mir gewünscht, dass es noch ausdrücklicher um die Evangelisierung im engeren Sinn geht." Natürlich sei vieles Angesprochene wie die Glaubensweitergabe in der Familie oder in katholischen Schulen, der caritative Dienst am Nächsten auch wichtige Elemente der Verkündigung. "Trotzdem ist mir die explizite Evangelisierung zu kurz gekommen", so Schönborn. Es gehe um die Frage, wie nach dem Vorbild des Apostels Paulus denen das Evangelium gebracht werden könne, "die den Glauben nicht kennen".
Ohne "small communities" keine Mission
Zum Thema "small christian communities" versicherte Kardinal Schönborn, er könne "gar nicht zählen, wie viele Bischöfe über die Bedeutung von kleinen christlichen Gemeinschaften oder Gemeinden gesprochen haben". Diese bildeten die Basis der Evangelisierung: "Von dort geht Mission aus." Ohne Mission - so muss man laut Schönborn "nüchtern sagen - stirbt die Kirche".
In Wien werde es in den nächsten Jahren größere Pfarren geben, "aber - so hoffe ich - eine noch größere Zahl an kleinen christlichen Gemeinden", schrieb Schönborn. Darin würden Getaufte ihre Verantwortung wahrnehmen, "als Christen, die voll im Leben stehen". Unter der Leitung des Pfarrers und des Pfarrgemeinderates würden sie die Gemeinden auch selber führen. "Wir stehen in der Erzdiözese Wien ganz in der Linie dessen, was sich weltweit in der katholischen Kirche tut", resümierte der Erzbischof.
Wichtig sei ihm auch die Stärkung der priesterlichen Gemeinschaft, "gerade in einer säkularisierten Gesellschaft, in der der Priester keine selbstverständliche Beheimatung mehr hat". Auch das Miteinander aller Getauften, die oft als Minderheiten leben, habe große Bedeutung. Schönborn will hier "keine verschreckte, sondern eine mutige und selbstbewusste Minderheit", die das Evangeliums in die Gesellschaft trage.
Dies verlange nach einer großen Bereitschaft zur Mitarbeit der Laien, deren Bedeutung während der Bischofssynode für alle Teile der Welt oftmals unterstrichen worden sei. "Ohne die evangelisierende, glaubensvermittelnde Tätigkeit der Laien in ihrem Umfeld, in Familie, Beruf und Freundeskreis" sei eine Neuevangelisierung gar nicht denkbar, betonte Schönborn.
Zwei Eindrücke bewegten ihn im Blick auf die Synode: Zum einen nehme die Bedrängnis der Christen weltweit zu, in vielen Ländern gebe es Verfolgung und Diskriminierung. Auf der anderen Seite sei deutlich geworden, wie die Kirche - "auch die Bischöfe, aber vor allem die Laien" - in bewundernswertem Mut und Engagement aus der Kraft des Evangeliums lebe.
Beitrag der Laien
In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit der französischsprachigen Presseagentur "I.media" in Rom betonte Schönborn ebenfalls den Beitrag der Laien für die Evangelisierungsbemühungen der Kirche. Beeindruckt hätte er etwa bei der Weltbischofssynode den Worten eines lateinamerikanischen Bischofs zugehört, in dessen Diözese 2.000 Laienkatecheten wirkten, berichtete der Wiener Erzbischof.
In den westlichen Ländern denke man oft automatisch an die Priester, wenn es um das Engagement in der Kirche gehe, die Synode habe daher zu Recht einen besonderen Fokus auf den Beitrag der Laien in der Neuevangelisierung gelegt, so Schönborn: "In vielen Ländern, insbesondere in Asien und Afrika, könnte die Kirche ohne eine intensive Zusammenarbeit zwischen Klerus und Laien nicht leben."
Insgesamt hätten die Synodenteilnehmer aus ihrem Glauben heraus einen realistischen Blick auf die Lage der Kirche geworfen. "Zugegeben, die Situation ist schwierig, etwa im Westen oder in den Ländern, wo die Kirche leidet, aber Gott ist mit uns." Überall gebe es auch "Wunder der Bekehrung" und Zeichen der Gnade, so Schönborn, der zudem auf die Aktivitäten von Pfarren und religiösen Gemeinschaften hinwies: "Kurz gesagt, die Kirche ist in Turbulenzen, aber sie fliegt."
Die Schlussdokumente der Bischofssynode seien allgemein gehalten und würden die bei der Synode geäußerten sehr unterschiedlichen Erfahrungen der Bischöfe aus allen Erdteilen widerspiegeln, sagte der Kardinal. Er betonte, dass die wahren Früchte der Synode seiner Ansicht nach nicht zuerst in den erstellten Papieren lägen, sondern in dem, was die anwesenden Bischöfe in ihren Herzen von der Synode in ihre Diözesen und Gemeinden mitbrächten. Er selbst, so Schönborn, sei vor drei Wochen mit den Gedanken an die ungelösten Dingen in seiner Diözese nach Rom gereist. Nach drei Wochen Gemeinschaft und Brüderlichkeit fühle er sich im Glauben gestärkt und mit neuer Kraft erfüllt, so der Wiener Erzbischof.
Quelle: Kathpress