Krätzl:"Rollenverunsicherter Seelsorger"
Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei es verabsäumt worden, die "Spannung zwischen dem Priester und den anderen nun in der Seelsorge mit weitgehenden Vollmachten Beauftragten" theologisch zu reflektieren und zu lösen. Das schreibt der emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl in der jüngsten Ausgabe der in Linz erscheinenden "Theologisch-praktischen Quartalschrift". Nach dem Konzil seien viele Priester durch massive Veränderungen in Kirche und Gesellschaft verunsichert und von "Berufszweifel" erfasst worden, so Krätzl. Er nahm als junger Priester und Stenograf selbst am Konzil teil.
Im Blick auf geänderte Erwartungen an Priester, aber auch auf die Rollen von Diakonen und durch das Konzil aufgewertete Laien sei "zu wenig theologisch weitergedacht und strukturell weitergearbeitet" worden. In den letzten Jahrzehnten seien viele Priester in eine "Identitätskrise" geraten. Die an Einfluss verlierende Kirche und ihr zunehmend plurales Umfeld unterschieden sich in vielem von den Gegebenheiten zum Zeitpunkt der Weihe, so Krätzl: "Nicht wenige leiden darunter 'unheilbar', werden zu Außenseitern." Andere wiederum hätten Vertrauen zum Ungewohntem gefunden und sich weiterentwickelt.
Unter Verunsicherungen litten aber auch Diakone und Laien: Bis heute gebe es kein offizielles theologisches Profil für den beim Konzil wieder eingeführten Diakonat. Krätzl erinnert an Karl Rahner und dessen Ansicht, der ständige Diakonat sei damals "nicht reaktiviert, sondern eigentlich für unsere Zeit neu erfunden worden". Auch das Zueinander von Priestern und qualifizierten Laien in der Seelsorge wurde nach den Worten des Wiener Bischofs nicht geklärt. "Um gleichsam die Selbstständigkeit der Priester zu betonen, haben Laien betreffende römische Weisungen eher restriktiven Charakter", schreibt Krätzl. "Betont wird, was Laien alles nicht tun können/dürfen, anstatt ihre Berufung aufgrund von Taufe, Firmung, Beauftragung hervorzuheben und sie zur Bereicherung der Seelsorge zu ermutigen."
Die vielen ungelösten Fragen führten dazu, "dass sowohl Priester wie Laien im pastoralen Dienst Identitätsprobleme haben, was da und dort zur Resignation, zu Spannungen oder auch zu Rechthaberei führen kann".
Kritische Anmerkungen macht der 81-jährige Konzilszeuge auch zur Überlastung vieler Priester. Auch heute suchten viele Menschen einen "Priester, der ihnen Rat und Hilfe für ihr inneres Leben gibt, der mit ihnen in den vielen Zweifeln ihres Glaubens Wege zur Gottesbegegnung sucht, der ihnen Kraft aus dem Glauben in den Schicksalsschlägen vermittelt, der Zeit für sie hat...". Doch habe er Zeit dafür, wenn er drei oder fünf Pfarren zu versorgen hat?, so Krätzls skeptische Frage. Priester drohten durch diese äußere Überbelastung innerlich "auszutrocknen". Sie würden zu "Managern der Pastoral", wenn versucht werde, dem wachsenden Priestermangel durch großangelegte Pfarrzusammenlegungen zu begegnen. Mögliche Priesterkandidaten würden sich gar nicht erst weihen lassen, aus Furcht vor einer solchen "priesterlichen Existenz".
"Zurückschreiten" ist falsche Reaktion
Die Reaktion auf diese Probleme sei vielfach "reaktionär", merkt Bischof Krätzl an. Von den rasanten Umbrüchen in Gesellschaft und Kirche "geschockt", wolle man heute vielfach "die weit geöffneten Fenster der Kirche schließen und zieht sich zurück auf überschaubare geistliche Gemeinschaften". Diese seien "der Kirchenleitung besonders genehm, weil sie kaum an den Vorgängen in der Kirche Kritik üben und auch nicht auf die so notwendigen, noch ausstehenden Reformen drängen". Krätzl ortet Anzeichen in der Gesamtkirche, als wolle man, anstatt in der Richtung des Konzils vorwärts zu gehen, eher wieder zurückschreiten.
Als Beispiele verwies der emeritierte Weihbischof auf das "Hervorkehren" der alten Messliturgie von 1962, Skepsis gegenüber der kirchlichen Mitverantwortung der Laien, auf Stagnation in der Pastoral an den wiederverheirateten Geschiedenen und in der Ökumene.
Reformoffenheit im Geist des Konzils ist für Krätzl jedoch unumgehbare Voraussetzung für eine gefestigte christliche Identität in Zeiten des Wandels. Die Glaubwürdigkeit der Kirche würde seines Erachtens wieder wachsen, "wenn man offen zugibt, mit welchem Mut die Konzilsväter tatsächlich Neues zu sagen wagten. Denselben Mut müsste die Kirchenleitung heute haben und einen offenen Dialog darüber nicht nur zulassen, sondern sogar fordern."
Den Bischöfen rät er, nicht gegen Rom zu handeln oder an Rom vorbei. "Vielmehr müssten sie sich aus ihrer Mitverantwortung für die Weltkirche heraus bewusst in Rom beharrlich melden, wenn längst fällige Erneuerungen, die in den Ortskirchen besonders spürbar sind, durch einen wachsenden Zentralismus immer wieder verhindert werden."
Krätzl warnt auch davor, "aus Sorge um die Kirche" geäußerte Kritik einzudämmen oder gar infrage zu stellen, ob deren Vertreter noch ganz auf dem Boden der Kirche stünden: "Das raubt einer vom Konzil inspirierten Priesterschaft die Freude an der Arbeit - oder sie suchen auf eigene Faust neue Lösungen."
Quelle: Kathpress