"Wärme schenken"
Durch Spenden Notleidenden "Wärme schenken" möchte die Caritas im November im Rahmen ihrer diesjährigen Inlandshilfesammlung. Obwohl in Österreich mehr als eine halbe Million Menschen in akuter Armut lebten, sei Armut hierzulande oft unsichtbar, merkte Caritas-Präsident Franz Küberl zum Start der Kampagne an. Die Inlandhilfesammlung sei "ein Versuch, diese Armut sichtbar zu machen". Er bat um Solidarität mit jenen, denen das Geld für Lebensmittel oder die Miete fehle oder dafür, ihre Wohnung in der kalten Jahreszeit warm zu halten. Mit 30 Euro könne einer notleidenden Familie in Österreich zwei Wochen lang eine warme Wohnung gesichert werden, so der Appell Küberls.
Im Vorjahr unterstützte die Caritas nach Angaben ihres Präsidenten 62.000 Menschen in ihren Sozialberatungsstellen; 3,5 Millionen Euro Spendengelder wurden an Soforthilfe ausbezahlt. Die Zahl der hilfesuchenden Menschen sei 2011 um 20 Prozent gestiegen, so Küberl. In der Caritas-Arbeit gehe es aber nicht nur darum, Notleidenden materiell zu helfen, sondern auch auf persönlicher Ebene. "Ein ausführliches Gespräch in der Caritas-Sozialberatung, ein Platz in einer Obdachloseneinrichtung, ein Zuschuss zu den Heizkosten, eine kräftigende Suppe: Diese Zeichen der Mitmenschlichkeit machen für Menschen, die in Österreich in Armut leben müssen, den Unterschied zwischen Verzweiflung und Hoffnung", so Küberl wörtlich.
Er bat auch die Österreicherinnen und Österreicher um einen persönlichen Solidaritäts-Beitrag in Form von finanzieller Unterstützung, Aufmerksamkeit und Zuwendung: "Die Solidarität lebt davon, dass jede und jeder von uns die Armut wahrnimmt und handelt."
Tun der Caritas kein sozialpolitisches "Feigenblatt"
Das auf dem christlichen Menschenbild der gleichen Würde aller Menschen fußende Engagement der Caritas sei freilich "kein Ersatz und vor allem auch kein Feigenblatt für Defizite im Sozialstaat", betonte Küberl. Er richtete konkrete Forderungen an die Politik im Blick auf die Bedarfsorientierte Mindestsicherung und die sogenannte "Energiearmut".
Bei ersterer gebe es trotz unleugbarer Verbesserungen noch "dringenden Anpassungsbedarf": Küberl forderte mehr maßgeschneiderte Beschäftigungsangebote für Langzeitarbeitslose und einen Rechtsanspruch für Sonderbedarf nach unvorhergesehenen Ausgaben: "Eine erneuerungsbedürftige Therme darf nicht von der Gnade einer Behörde abhängen." Im Blick auf Armut durch Energiemangel fordert die Caritas die Einführung einer Abschaltprävention analog zur Delogierungsprävention, kostenlose Vor-Ort-Energieberatung für Privathaushalte in allen Bundesländern und die Einrichtung eines auch ökologisch sinnvollen Energiesparfonds, mit Hilfe dessen ineffiziente Stromheizungen ausgetauscht oder Gebäude saniert werden könnten.
Landau: Hinter Armutsstatistiken stehen Menschen
Hinter allen Statistiken und Armutszahlen stehen immer konkrete Menschen: Darauf wies der Wiener Caritasdirektor Michael Landau zum Start der Inlandshilfe-Kampagne hin. Bei einem Gespräch im Mutter-Kind-Haus "Luise" der Caritas in Wien schilderte er den Fall eine alleinerziehenden Mutter, die nach ihrer Delogierung im vergangenen Winter einen Tag lang mit ihren beiden Kindern verzweifelt mit der U-Bahn kreuz und quer durch die Stadt fuhr. Dort war es zumindest warm. Völlig erschöpft habe die Familie schließlich Zuflucht im Caritas-Haus gefunden, wo Frauen in Not ein schützender Zufluchtsort geboten werde.
Gerade im Haus "Luise" wird laut Landau deutlich: Nicht mehr nur die klassischen "Sandler", sondern auch Mütter und Kinder sind von Wohnungslosigkeit betroffen. Mehr leistbarer Wohnraum sei ein "Gebot der Stunde", betonte Landau. Die diesbezüglichen Mängel würden zunehmend zu einem Problem auch für den Mittelstand. Der Wiener Caritasdirektor forderte, dass die Zweckbindung der Wohnbauförderungsmittel wieder eingeführt wird. Das Fehlen der Rückflüsse aus diesen Förderungen habe "den gemeinnützigen Wohnbau nachhaltig ins Stocken gebracht". Notwendig sei auch eine flächendeckende Delogierungsprävention, um zu verhindern, dass es überhaupt zu Wohnungsverlust kommt.
Mit Unverständnis reagierte Landau auf jüngste Aussagen von Vizekanzler Michael Spindelegger: Man könne nicht immer nur umverteilen, "bis alle gleich arm und nur mehr Empfänger von Almosen sind. Dadurch verkommt die Gesellschaft!", so der ÖVP-Chef in seiner Rede zum Nationalfeiertag. Dazu Landau: "Es gilt die Armut zu bekämpfen und nicht die Armen." Neiddebatten seien weder am oberen noch am unteren Ende der Gesellschaft wünschenswert. Landau wörtlich: "Die aktuelle Krise ist nicht von Mindestpensionisten verursacht worden, nicht von pflegebedürftigen oder behinderten Menschen und auch nicht von Mindestsicherungsbeziehern, sondern von der Gier Einzelner, von strukturellen Problemen und von schlechter Politik."
Bildung ist beste Armutsprävention
Eine bessere Politik forderte der Caritasdirektor erneut im Bereich der Bildung ein, die entscheidend für Armutsbekämpfung und Armutsvermeidung sei. Österreichs Bildungssystem "selektiert nach Bildung und Wohlstand der Eltern und schafft zu wenig, wenn es darum geht, Kindern aus benachteiligten Lebenssituationen einen Weg aus der Armut zu öffnen", monierte Landau. Laut jüngster PISA-Studie rangieren Österreichs Jugendliche mit einer Leseschwäche von 27,5 Prozent am drittletzten Platz innerhalb der EU, gemessen an der Verschlechterung in diesem Bereich zwischen 2006 bis 2009 sei Österreich sogar Schlusslicht.
Die Caritas versuche mit "Lerncafés" gegenzusteuern. Erforderlich sei aber in erster Linie eine mutige, zukunftsorientierte Bildungspolitik, die jedem Kind unabhängig von seiner Herkunft eine Bildung ermöglichen, die es befähigt, "in unserer immer schneller werdenden Zeit Schritt zu halten". Konkrete Caritas-Forderungen sind ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr ohne Qualitätsabstriche, eine umfassende Schulreform ohne Selektion bei den 10-Jährigen mit einem flächendeckenden Angebot ganztägiger Schulformen.
Anlässlich ihrer Inlandshilfesammlung hatte die Caritas am Montag zu einer Pressefahrt zu Hilfsprojekten in Wien und St. Pölten eingeladen. Auf dem Programm standen Besuche im Wiener Mutter-Kind-Haus "Luise", bei den Projekten "BBO" (Beschäftigung und Berufsorientierung) und "KIPKE" (Kinder psychisch kranker Eltern) in St. Pölten sowie ein Gespräch mit der Sozialberatung und Nothilfe in der niederösterreichischen Landeshauptstadt.
Spenden sind erbeten auf das Caritas-Konto PSK 7.700.004, BLZ 60.000, Kennwort: Inlandshilfe. Online-Spenden sind via www.caritas.at/spenden möglich.
Quelle: Kathpress