Lutheraner und Vatikan planen Dokument
Thissen erinnerte, dass das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) manche Anliegen Martin Luthers gewürdigt und aufgegriffen habe. Dazu zählten die Verpflichtung auf das Wort Gottes, die Freiheit der Glaubenszustimmung und die unüberbietbare Instanz des Gewissens.
Im September 2011 habe Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Erfurt betont, wie sehr Luther existenziell auf Christus ausgerichtet gewesen sei. "Dazu passt gut der Vorschlag von Ihnen, Herr Präses Schneider, das Jahr 2017 als Christusjubiläum zu feiern", sagte Thissen. Nikolaus Schneider - er ist Ratsvorsitzender der EKD - hatte sich am Sonntag in diesem Sinne geäußert.
Wichtig sei, so Thissen, dass im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 "nicht die Spaltung, sondern das Miteinander" vermehrt werde. Oft seien es nur "konfessionelle Gefühligkeiten", die das Miteinander der Kirchen erschwerten. "Je mehr wir als evangelische und katholische Ortskirchen zum Miteinander finden, desto mehr bauen wir an der einen Kirche Jesu Christ", sagte der Erzbischof.
Er regte an, einen Versöhnungsprozess im Blick auf 2017 zu beginnen. Konkret könnte es dabei um Buße und Umkehr gehen. "Dabei könnte deutlich werden, dass wir uns weniger gegenseitig vorzuwerfen haben, sondern dass wir uns vielmehr gegenseitig um Vergebung zu bitten haben", erläuterte Thissen. Gegenüber den oft oberflächlichen Entschuldigungsmechanismen sei dies ein wichtiges Zeugnis.
EKD-Ratsvorsitzender Schneider hatte am Sonntag zu Beginn der Synodentagung eine evangelisch-katholische Arbeitsgruppe angekündigt. Sie soll prüfen, ob es einen gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst auf dem Weg zum Reformationsjubiläum geben könne. In diesem Gottesdienst könnten die Verletzungen bekanntwerden, die sich die beiden großen Kirchen wechselseitig im Verlauf der zurückliegenden 500 Jahre angetan hätten, sagte Schneider.
"Alle Christen können Reformation feiern"
Aus Sicht des ehemaligen Präsidenten der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Thomas Wipf, haben Christen aller Konfessionen haben Grund, die Reformation zu feiern. Wipf sagte bei der EKD-Synode, dass "wir auch alle von den Früchten der Reformation leben". Der Reformation zu gedenken, bedeute, "Gott allein unsere Zukunft und die Zukunft seiner Kirche anzuvertrauen".
Zugleich gelte es, sich an die konfessionellen Verwerfungen der Folgezeit zu erinnern, betonte der reformierte Schweizer Theologe. Die Reformatoren hätten ihre Kritik an der bestehenden Kirchen wenig später in eine innerevangelische Kritik umgemünzt, die "die ursprünglichen Kirchenkritiker selbst zu teilweise unversöhnlichen Gegnern werden ließ".
Erst die 1973 beschlossene Leuenberger Konkordie habe diese Gegensätze überwunden. "Für die Kirchen der Reformation bedeutet das, nicht in konfessioneller Selbstgenügsamkeit zu verharren, sondern sich wieder und wieder den unbequemen und unbewältigten Anfragen der Reformatoren zuzuwenden", meinte Wipf.
Debatte um Ratsbericht Schneiders
Der EKD-Ratsvorsitzende Schneider sorgte bei der Synode auch für weiteren Gesprächsstoff. So sagte er am Montag, er würde im Extremfall auch Schwerkranke seelsorgerlich begleiten, die sich zum Suizid entschieden haben. "Wenn ein Mensch intensiv darum bittet, dann mache ich mir nach der reinen Lehre auch die Hände schmutzig", meinte Schneider während der Debatte über seinen Ratsbericht.
In dem Bericht hatte Schneider geschrieben: "Gleichwohl wird es Situationen geben, in denen auch Christen und Christinnen die Entscheidung von Menschen für ein selbstbestimmtes Sterben gegen ihre eigene Überzeugung respektieren und ihre eine mitfühlende und seelsorgerliche Begleitung nicht verweigern."
Mehrere Kirchenparlamentarier baten daraufhin um Klarstellung. Schneider betonte dabei, dass es für ihn in solchen Fällen auf eine qualifizierte Beziehung zu den Betreffenden ankomme: "Aber wenn es Spitz auf Knopf kommt, dann sind wir für die Menschen da und nicht für die Sauberkeit unserer Position."
Quelle: Kathpress