
Glaube für 39 Prozent der Österreicher wichtig
Die Gegenwartskultur in Österreich wird "Gott nicht los", so sehr der Gottesglaube auch unter "Verdunstungserscheinungen" leidet: Diesen Schluss zog der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner aus einer Studie zur Entwicklung der Religiosität in der Gesellschaft, die er gemeinsam mit der GfK Austria erstellt hat. 1.000 Personen wurden dazu repräsentativ befragt und die Ergebnisse mit Daten aus den Jahren 2007, 1992 und 1988 verglichen. Zwar driften Gottesglaube und Alltagsleben zunehmend auseinander, doch dürfe man "Kirchenkrise" nicht mit "Gotteskrise" gleichsetzen, betonte Zulehner.
Die Gruppe jener, die den Glauben als wesentlichen Lebensbestandteil erachten, quantifiziert die Studienauswertung für 2012 mit 39 Prozent - 20 Prozent stimmen damit "vollkommen überein", 19 Prozent "weitgehend". Im Jahr 2007 waren es 18 Prozent mit vollkommener und 16 mit weitgehender Übereinstimmung gewesen. "Gar keine Übereinstimmung" mit dem Satz "Mein Glaube ist ein wichtiger Teil meines Lebens" signalisierten 20 Prozent, 14 Prozent gaben "weitgehend nicht" an - weniger als die 26 bzw. 18 Prozent fünf Jahre zuvor.
Lehnte im Jahr 1988 noch eine Mehrheit von 51 Prozent die Aussage "Ich lebe hier und heute und kann daher nicht an Gott glauben" definitiv ab, waren es nach 43 Prozent im Jahr 2007 nun lediglich 36 Prozent der Befragten, die damit gar nicht übereinstimmten. Gleichzeitig hat sich die Zahl derer verdoppelt, denen der "Himmel" verschlossen ist. Sie stieg von 14 auf 28 Prozent. Hinzu kommt noch ein skeptisch-unentschlossenes Mittelfeld mit 21 Prozent.
Abkühlung des Glaubens
Zulehner interpretierte die Zahlen als Signal für eine "Abkühlung" des Glaubens. In der heutigen Gesellschaft sei es schwer, so Zulehner wörtlich, "Gott herzuglauben. Noch schwerer aber ist es, Gott wegzuglauben. Das Einfachste scheint heute daher vielen zu sein: gar nicht zu glauben", was Zulehner in der Praxis mit dem Ausblenden Gottes aus dem alltäglichen Lebensvollzug umschreibt.
Die Zahl jener Menschen, denen Gott ein wichtiger Teil in ihrem Leben ist, fiel im Zeitraum von 1988 bis 2007 von 42 auf 34 Prozent, stieg jedoch bis 2012 wieder auf 39 Prozent an. Auffällig bei dieser Entwicklung sei, dass es der Frage nach "Gott an sich" besser ergehe als jener nach "Gott im Leben", so dass ein Auseinanderklaffen zwischen Gottesglauben und faktischem Lebensvollzug zu diagnostizieren sei, sagte Zulehner.
Diese Tendenz müsse jedoch, so Zulehner, differenziert betrachtet werden: "Es gibt solche und solche - Gläubige, Weniggläubige, Fastgläubige, Ungläubige. Da sind Überzeugte neben Skeptikern, Gottesfürchtige neben Gottesleugnern".
Mehr Kirchen- als Gotteskrise
In der sich zunehmend "verbunteten", also pluralisierten weltanschaulichen Landschaft werde jedoch Gott nicht grundsätzlich vertrieben: Die zeitgenössische Kultur werde "Gott nicht los: sie wird nicht gottlos", betonte Zulehner.
Angesichts des aktuellen Zeitgeistes mit Tendenzen zur Indifferenz oder zentrumslosen Ausdifferenzierung von Gesellschaft in ihrem Gottesbezug hätten es die Kirchen besonders schwer: "Mehr Kirchenkrise denn Gotteskrise", fasste der Theologe pointiert zusammen. Zugleich gelte: "Die säkulare Gesellschaft ist alles andere als durchsäkularisiert. Die Menschen sind nicht so gottlos, wie Kirchenleute sie manchmal gerne hätten, zumindest viele von ihnen."
Bemerkenswert auch die Detailanalyse: Demnach sind Frauen (41 Prozent) für den Gottesglauben etwas offener als die Männer (37 Prozent). "Die jüngeren Menschen, die ihr Leben vor sich haben, sind je nach Jahrgängen weniger gottoffen als die Ältern, die das Leben mehr hinter sich haben und Lebensbilanz ziehen", so Zulehner, der außerdem ein starkes Stadt-Land-Gefälle hervorhob: Im urbanen Raum sei "die Gottferne der Bevölkerung am größten". Prognosen über Zukunftsentwicklungen ließ der Theologe jedoch offen.