
Onlineberatung soll noch bekannter werden
Die "Telefonseelsorge 142" zieht neun Monate nach dem Start ihrer neuen Online-Beratung eine positive Zwischenbilanz. Das Web-Angebot werde gut angenommen, berichtete die Leiterin der Wiener Telefonseelsorge, Marlies Matejka, am Dienstag bei einem Pressegespräch. Über das verschlüsselte System auf der Seite www.onlineberatung-telefonseelsorge.at, das absolute Anonymität garantiert, seien bisher rund 850 E-Mails eingelangt. Auffällig ist, dass der Anteil jener Menschen, die Suizidgedanken auch ausdrücklich äußern, bei E-Mails mit rund 10 Prozent deutlich höher ist als bei der Telefonberatung; für Matejka ein Zeichen, dass Menschen in der Anonymität des Internets eher bereit sind, diese existenzielle Not zu benennen.
Allein die Suizidgedanken äußern zu können, sei dabei manchmal schon heilsam, so Matejka, die das Online-Angebot der Telefonseelsorge noch bekannter machen will: "Gerade wenn Menschen so verzweifelt sind, dass sie sich das Leben nehmen möchten, ist das Aussprechen oder Schreiben-Können ein wichtiger Schritt für weitere Hilfe."
Weltweit sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich eine Million Menschen durch Suizid. "In Österreich sterben jedes Jahr mehr als 1.000 Menschen durch Suizid. Wir können nicht genug tun, um diesen Menschen und auch ihren Familien zu helfen", unterstrich Matejka. Die Online-Beratung biete durch die absolute Anonymität für Menschen einen noch "größeren Schutzraum".
Die E-Mails selbst seien sehr unterschiedlich. "Manche sind ganz kurz, andere mehrere Seiten lang. Da schreiben Menschen sich das wirklich von der Seele, so sagen sie das auch, oder sie schreiben am Schluss: Danke, dass sie mir zugehört haben." Manchmal spüre sie in den E-Mails "zwischen den Zeilen einen Schrei, obwohl nichts zu hören ist", berichtete Matejka. "Das ist wie in der Literatur, wir spüren da ja auch mehr als nur die einzelnen Buchstaben."
Erstanfragen werden bei der Onlineberatung innerhalb von 48 Stunden beantwortet. Bei längeren Beratungsprozessen können die Betroffenen den gesamten Beratungsverlauf im System jederzeit nachlesen. Das Angebot ist - wie auch die "klassische" Telefonunterstützung über die Nummer 142 - kostenlos.
Insgesamt sind die Ratsuchenden, die sich online an die Telefonseelsorge wenden, jünger als jene bei der Telefonberatung. Die meisten Anfragen kommen von Menschen im Alter von 20 bis 35 Jahren. Hauptthemen sind Beziehungsprobleme und psychische Störungen. Die Annahme, dass sich über die Onlineberatung mehr Männer an die Telefonseelsorge wenden könnten, hat sich hingegen nicht bewahrheitet. Weniger als ein Drittel der Anfragen kommen von Männern.
Den Bekanntheitsgrad der Onlineberatung der Telefonseelsorge erhöhen will auch der österreichische Bestseller-Autor Daniel Glattauer, der derzeit im Rahmen einer Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater bei der Telefonseelsorge arbeitet. "Viele Menschen haben oft in entscheidenden Situationen niemanden, der für sie da ist", erinnerte der Schriftsteller.
Die Onlineberatung sei dabei "ganz wichtig" weil, für manche Menschen das geschriebene Wort "deutlicher" und "erleichternder" sei, so Glattauer. "Wer sich hilfesuchend per E-Mail an eine Stelle wendet, ist zeitlich flexibler, kann dann schreiben, wenn ihm danach ist. Man traut sich vielmehr, weil man sehr wenig von sich preisgeben muss." Gleichzeitig führe das Verschriftlichen oft auch zu einer stärker reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Problemsituation.
Die Telefonseelsorge ist österreichweit unter der Notrufnummer 142 rund um die Uhr kostenlos und anonym zu erreichen. Hauptträger der Telefonseelsorge in Österreich sind die katholische und die evangelische Kirche, in Vorarlberg ein privater Verein. (Infos: www.telefonseelsorge.at)
Quelle: Kathpress