
Scheuer fordert Transaktions- und Spekulationssteuer
Für ein Umdenken in der Wirtschaft hat sich der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer ausgesprochen. "In den vergangenen Jahren hatte man fast den Eindruck, dass Arbeit nichts mehr wert ist, sondern nur etwas kostet", sagte Scheuer in einem Interview der "Tiroler Tageszeitung" (Montag). Die Finanzwirtschaft müsse sich wieder der Realwirtschaft annähern. "Ohne Transaktions- und Spekulationssteuer werden wir nicht auskommen", so die Überzeugung des Bischofs. Darüber müsse global mehr politischer Wille zu deren Umsetzung geschaffen werden.
Scheuer sprach sich dagegen aus, die Wirtschaft nach den Krisenerscheinungen der vergangenen Jahre "zum Bösewicht zu stempeln". Aber es brauche eine Richtungsänderung hin zu einem "guten Wirtschaften". Der Bischof mahnte dafür die "vielschichtige Verantwortung" eines Unternehmers ein, die über die rein betriebswirtschaftliche weit hinausgehe: Zu beachten sei auch die soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, Zulieferern und Konsumenten, aber auch für die Umwelt und die kommenden Generationen sowie die Kultur einer Region.
Durch die Krisen habe sich der "Homo oeconomicus" als "das Maß aller Dinge" relativiert, so die Beobachtung Bischof Scheuers. Bei Unternehmern sei auch Spiritualität zunehmend gefragt. "Immer mehr stellen sich die Frage nach der Lebensqualität, nach Werten und Sinn." Beruf und Arbeit seien zwar wichtige Säulen der Identität, aber nicht die ausschließlichen.
Beim Thema Wehrpflicht viele Fragen offen
Auf die Frage, wie die Kirche mit dem Volksbegehren zur Wehrpflicht umgeht, antwortete der Innsbrucker Bischof: "Es herrscht durchaus Unmut über die Fragestellung, weil sie verkürzt ist und wichtige Kriterien wenig berücksichtigt wurden." Die Konsequenzen einer Entscheidung pro oder kontra blieben unklar, ebenso die Frage, wie ein Sicherheitskonzept für Österreich aussehen könnte. "In keiner Weise beantwortet" werde auch die Frage nach den derzeit von Zivildienern geleisteten sozialen Diensten. Und die Wehrpflichtdebatte müsste laut Scheuer auch thematisieren, ob es so etwas wie die Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Solidargemeinschaft und dem Staat gibt. "Diese Fragestellung ist nicht populär, aber sie ist zu stellen", betonte Scheuer.
Er selbst wollte sich bezüglich seiner Präferenz für oder gegen die Wehrpflicht nicht äußern: "In politischen Fragen gibt es einen legitimen kirchlichen Pluralismus." Jedenfalls wolle er die Bürger ermutigen, zur Volksbefragung hinzugehen. Die Bevölkerung solle sich intensiv mit den Pro- und Kontra-Argumenten auseinandersetzen. Scheuer sieht das Volksbegehren nicht als Ende, sondern als Anfang eines Prozesses. "Nicht zu wählen, würde keinen Nachdenkprozess auslösen, sondern ihn hinauszögern."
Gesamtschule lehrt, "mit Unterschieden zu leben"
Eine Präferenz ließ der Bischof beim Thema Gesamtschule erkennen: Kinder und Jugendliche würden dabei "lernen, mit ganz unterschiedlichen Charakteren umzugehen und mit Unterschieden zu leben". Freilich dürften Kinder mit erhöhtem Förderbedarf "nicht einfach abstrakt mathematisch gleich behandelt werden". Scheuer hält gemeinsame Lernfelder und gleichzeitig Differenzierung für erforderlich. Im ländlichen Raum wiesen Hauptschulen und Neue Mittelschulen diese Qualitäten bereits auf. Schon in der Vergangenheit habe ein hoher Prozentsatz von Hauptschülern danach die Matura gemacht.
Es gelte aber nicht nur die Matura und die Akademiker in den Mittelpunkt zu stellen, gab Scheuer zu bedenken. Das duale Bildungssystem in Österreich werde nicht umsonst von vielen Staaten in Europa bewundert, die Jugendarbeitslosigkeit sei hierzulande vergleichsweise gering. Jugendliche mit handwerklichen Fähigkeiten, die in weiterführenden Schulen wie AHS und BHS nicht so gut wären, würden durch die Kombination von Lehre und Berufsschule gefördert "und erhalten ein Selbstwertgefühl".
"Kirche kann auch von Kritik lernen"
Zur heutigen Situation des Glaubens sagte Scheuer, er könne es sich "nicht aussuchen, in welcher Zeit ich mein Amt als Bischof ausübe". Die Gegenwart habe sowohl Chancen als auch "Widerhaken". Kirchliches Selbstmitleid sei trotz manchem Gegenwind nicht angebracht. Man kann auch von heftiger Kritik anderer lernen, sagte Scheuer. "So viel Selbstbewusstsein habe ich und kann auch die Kirche besitzen. Und von manchem Podest herunterzusteigen ist ganz gesund."
Auf die abschließende Frage nach seinem möglichen Wechsel von Innsbruck nach Salzburg antwortete der Bischof: "Dazu weiß ich überhaupt nichts."
Quelle: Kathpress