
Streit ums Öl statt Weihnachtsfrieden
Es ist eine Provinzposse über sieben Jahrhunderte, mit der die "Neue Zürcher Zeitung" ihre Leser zuletzt in unregelmäßigen Abständen erfreut. Und in der Tat bietet die Geschichte aus dem Ostschweizer Kanton Glarus alles, was es braucht: einen Mordfall, historische Rechtshändel, eine Ölrechnung, Kirchenschmäh und einen umstrittenen Bischof - der in diesem Fall der Gute ist.
Der Streit im Örtchen Näfels geht zurück auf einen urkundlichen Eintrag aus dem Jahr 1357. Demnach hatte ein Konrad Müller aus Niederurnen den Konrad Stucki ermordet. Als Sühne bekam er aufgetragen, "auf alle Zeiten" das Ewige Licht in der Kirche zu besorgen. Eine sagenhafte Zweitüberlieferung der Geschichte will, dass es sich um einen Brudermord unter den Gebrüdern Tschudi gehandelt habe. Im Ergebnis kommt aber ebenfalls Öl heraus: Der Kainsbruder, Besitzer der Güter Schneisingen und Mühlegut, habe den Pfarrer von St. Hilarius gebeten, zur Buße das Öl für das Ewige Licht übernehmen zu dürfen - "für alle Ewigkeit".
Ist das eine Stiftung? Ein Vermächtnis? Eine Bringschuld? Ein Ablass? Das Öl floss jedenfalls über Jahrhunderte. Die Näfelser blieben auch in der Reformation katholisch; das Dorf galt darum als politisches Gegengewicht zum reformierten Glarus. Irgendwann wurden auf den namentlichen Grundstücken die Nussbäume gefällt. Seitdem floss Geld statt Öl - 70 Franken (ca. 58 Euro) pro Jahr.
Nun begab es sich, dass rund 650 Jahre nach der angeblichen Mordtat der heutige Besitzer der Wiese nicht mehr einsehen mochte, finanziell für reuige Gelübde seiner Vorgänger geradezustehen - zumal die historische Seelenlast auch nicht ins Grundbuch eingetragen ist. Die katholische Kirchgemeinde beharrte freilich auf ihrem Anspruch und zog den jungen Bauern vor Gericht. Gefordert wurde zweierlei: der Eintrag ins Grundbuch im Zuge einer ohnehin seit 1912 überfälligen Aktualisierung - und die Fortführung der jährlichen Zahlung.
Der Gerichtstermin am 21. November verlief unerfreulich. Von einem Machtspiel und von "purer Schikane" sprach der Verteidiger des Bauern. Die Kirchgemeinde argumentierte, was die Reformation, Napoleon und die Gründung des Schweizer Bundesstaates überlebt habe, solle nun "mit einem Fingerschnippen vernichtet" werden. Ungesagt blieb jedoch freilich, so der Dorfhistoriker Fridolin Hauser, dass im 20. Jahrhundert der Kirchenrat selbst den Anspruch aufheben wollte. Damals habe jedoch der frühere Grundstücksbesitzer darauf bestanden.
Dem Richter in Not, der sich vergeblich um einen gütlichen Vergleich bemühte, sprang einige Tage später der Churer Bischof Vitus Huonder bei, der anbot, das Geld künftig aus der bischöflichen Kasse zu zahlen. Auch ein Nachbar des Bauern zeigte Bereitschaft, die Schuld auf sein Grundstück zu übertragen.
Bislang alles vergeblich: Die Kirchgemeinde beharrt offenbar auf ihrem ursprünglichen Anspruch. Bistumssprecher Giuseppe Gracia erklärte, der Näfelser Kirchenrat habe nicht einmal auf mehrfache Nachfrage geantwortet. Auch der Anwalt der Klägerpartei reagiere weder auf telefonische noch auf schriftliche Anfragen, so die Zeitung. Der Richter scheint somit gezwungen, kurz nach Weihnachten tatsächlich ein Urteil zu sprechen.
Leidtragender der Dauerquerele ist unter anderen der Näfelser Pfarrer Czeslaw Bosak. Er wird nicht müde zu betonen, dass nicht die Pfarrei den absurden Streit betreibe, sondern die Kirchgemeinde - ein staatsrechtlich verfasstes Verwaltungsgremium also, das eine Besonderheit der Schweizer Kirchenverfassung darstellt. Auch an Weihnachten brannte jedenfalls für die Gläubigen von St. Hilarius das Ewige Licht - wie in allen Jahrhunderten zuvor. Wer aber das Öl dafür bezahlt, das kann erst nach dem Fest des Friedens geklärt werden.