
Woran glaubt, wer nicht glaubt?
Kann sich die "Gotteshypothese" gänzlich dem wissenschaftlichen Zugang entziehen? Und was sind die Quellen der Moral, wenn Gott keine Rolle spielt? – Wortlaut eines Streitgesprächs zwischen dem bekennenden Atheisten Jorit Posset und dem Dominikaner-Frater Lukas Nichols. Erschienen in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes.
"miteinander": Im "Jahr des Glaubens" hat sich die Kirche u. a. die intensive Begegnung auch mit Nicht-Glaubenden auf die Fahnen geheftet. Herr Posset, Sie zählen sich selbst zu jener Gruppe. Warum ist Glaube für Sie keine Option?
Jorit Posset: Ich habe ein einfaches Prinzip: so viel Wahres wie möglich erkennen und so viel Unwahres wie möglich aussortieren. Der christliche Glaube ist für mich eine wissenschaftlich nicht haltbare Hypothese. Ich kann keine Dinge glauben, die ich nicht belegen kann. Und gerade angesichts der Größe der Gottes-Hypothese kann ich nicht auf Belege verzichten. Ich halte es da mit dem Astrophysiker Carl Sagan, der gesagt hat: "Außergewöhnliche Behauptungen brauchen außergewöhnliche Beweise."
Fr. Lukas Nichols: Da hake ich gleich ein. Denn Glaube hat für mich nichts mit naturwissenschaftlichen Beweisen zu tun, sondern Glaube meint eine persönliche Beziehung. Die Wurzeln eines solchen Glaubens gehen auch nicht auf Argumente zurück, sondern auf religiöse Erfahrungen – in meinem Fall stark geprägt durch das Elternhaus, das eine positive Einstellung dem Glauben gegenüber vermittelt hat.
Posset: Normalerweise versuchen Menschen doch, ihr Leben nach rationalen Kriterien zu gestalten. Im Fall des Gottesglaubens nimmt man also bewusst diesen Bereich heraus und schützt ihn vor Rationalität – ist das statthaft?
Fr. Lukas: Der Glaube entzieht sich nicht der wissenschaftlichen Anfrage. Schon die Kirchenväter haben auf hohem Level naturwissenschaftlich geforscht – und im Übrigen überhaupt kein Problem damit gehabt, Glaube und Wissen zu vereinbaren. Aber noch einmal: Glaube meint in erster Linie einen anderen Blick auf die Welt. Die Dinge werden auf Gott hin transparent. Gott selbst ist aber kein "Ding" in der Welt, das bewiesen werden könnte.
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Posset: Das kann ich nicht teilen. Es mag Dinge geben, die sich nicht vollständig dem Verstand erschließen, aber zumindest in Teilen müsste Gott erkennbar sein, wenn er den Anspruch stellt, für diese Welt Relevanz zu haben.
Fr. Lukas: Wir wissen doch Dinge von Gott! Und zwar vermittelt durch Jesus Christus. Außerdem verkürzt der Begriff des Wissens nur die existenzielle Dimension: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Diese Fragen kann mir keine kühle Wissenschaft beantworten. Das hat etwas mit Beziehung und Vertrauen zu tun. Und da kommen wir in den innersten Kern: Denn der Kern des Christentums birgt einen Skandal – den Skandal vom Tod Jesu am Kreuz. Gott wird Mensch und stirbt. Das ist so maximal, dass es nur geglaubt werden kann und sich jeder Ratio entzieht.
Posset: Persönliche Erfahrung ist keine Beweisgrundlage. Eine wissenschaftliche Vorgehensweise sieht anders aus; sie geht unvoreingenommen an einen Gegenstand heran und formuliert nicht schon die Antwort vor.
miteinander: Welche Antwort geben Sie sich dann auf die von Fr. Lukas angesprochenen "großen Fragen"?
Posset: Ich glaube schon, dass uns auch da die Naturwissenschaften die entscheidenden Erkenntnisse und Antworten liefern. Etwa im Blick auf die Entstehung der Welt und damit auf die Frage, woher wir kommen. Das lässt sich evolutiv sauber herleiten. Auf andere Fragen weiß ich keine definitive Antwort – aber ich ziehe das aufrichtige Nicht-Wissen da einer voreiligen Antwort, die ich nicht nachvollziehen kann, vor.
Fr. Lukas: Papst Benedikt XVI. hat einmal das Zeugnis der Märtyrer und die Schönheit der Kunst als zwei Momente bezeichnet, in denen der Glaube in seiner ganzen Kraft und Wahrheit aufleuchtet. Die Märtyrer sind einer Überzeugung und Liebe gefolgt, die stärker ist als der eigene Tod – und die Kunst verbirgt sich durch ihre Schönheit für Gott.
Posset: Da sind wir wieder bei der persönlichen Erfahrung. Das ist mir aber zu beliebig. So kann jeder letztlich sein eigenes Gottesbild reklamieren.
Fr. Lukas: Nein, die Grundlage ist und bleibt immer die Bibel als Zeugnis einer durch die Zeit hindurch getragenen Hoffnung.
Posset: Aber selbst die ist doch nicht einheitlich, sondern enthält auch das Bild des strafenden, rachsüchtigen Gottes! Die Bibel ist das große Buch des "Multiple Choice". Man kann sich jede moralische, ethische Einstellung herauslesen, je nachdem was man weglässt.
Fr. Lukas: Der Kernbestand des Glaubens ändert sich nicht – nur seine historische Erscheinungsform. Da kann man etwa das Konzil als Beispiel nehmen. Das wollte nicht den Kern des Glaubens ändern, sondern den Blick auf diesen Kern modernisieren und verändern.
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miteinander: Viele Menschen verknüpfen unmittelbar Glaube und Moral miteinander. Aus dem Glauben leiten sich in dieser Perspektive Kriterien des guten Lebens und des Handelns in der Welt ab. Woraus gewinnt man diese Kriterien, wenn man nicht glaubt?
Posset: Gegenfrage: Kann ich tatsächlich einen Regelkatalog wie die Zehn Gebote hernehmen, diesen als göttlich bezeichnen und daraus ein ganzes ethisches System ableiten? Was meine persönlichen Kriterien angeht, so gibt es keine fixen Regeln außer der "Goldenen Regel" – Was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem andren zu. Der Rest ist Pragmatismus: Ich töte niemanden, weil ich auch selbst nicht getötet werden will. Vernunft und Mitgefühl sind ausreichende Kriterien für Moral und Ethik.
Fr. Lukas: Die Frage ist meines Erachtens falsch gestellt: Das Christentum ist keine Moralreligion. Jesus hat keine Moral gebracht, sondern den Weg zu Gott gezeigt. Daraus mögen sich Handlungsweisen ableiten, aber das Grundanliegen ist ein anderes.
miteinander: Versuchen wir zum Schluss einen Brückenschlag: Der Schriftsteller Martin Walser hat jüngst gesagt: "Gott fehlt: mir." Tatsächlich endet die Bibel mit dem Ruf: "Maranatha! Komm, Herr Jesus!" Gott "fehlt" also gewissermaßen auch am Ende der Bibel. Ist dieser damit eröffnete "Hoffnungsraum" eine Perspektive, der auch Atheisten etwas abgewinnen können?
Posset: Ich halte ein gewisses Maß an Hoffnung – insbesondere im Blick auf das Problem ungerechten Leidens – für vernünftig und lebensnotwendig. Hoffnung ist eine Kompetenz des Menschen, die aber für mich nicht zwingend etwas mit Gott zu tun hat. Eine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod oder die ultimative Antwort auf alle Fragen halte ich sogar für gefährlich, da das dazu führen könnte, die Verantwortung für das eigene Leben aufzugeben. Wir sollten uns lieber auf das Diesseits konzentrieren.
Fr. Lukas: Das mag ein "frommer" Wunsch sein, aber es funktioniert nicht: wenn ein Verwandter oder Freund unerwartet stirbt, bleibt immer die schmerzhafte Frage nach dem Warum stehen. Und da tröstet der Glaube, wenn ich mit der Hoffnung antworten kann, dass Gott dieses zu früh beendete Leben auffängt. Aber natürlich kenne auch ich diese "dunklen Momente", Momente des tiefen Glaubenszweifels. Da ist der Orden aber eine große Stütze, denn die Treue und Beständigkeit der Tradition, in der man im Orden lebt, trägt einen auch durch diese trockenen Phasen hindurch. Treue ist der Schlüssel.
Zu den Personen:
» Jorit Posset (29), Medieninformatiker und IT-Administrator an einer HTL, gestaltet u. a. die Sendereihe „Es werde Licht – humanistisch fernsehen" auf OKTO-TV
» Frater Lukas Nichols (28), Dominikaner, studiert katholische Theologie an der Universität Wien
Das Gespräch führte Henning Klingen

