
"Schwere Kost" - aber "keine Blasphemie"
"Über Schmerzgrenzen hinaus an Realitäten des Lebens gestoßen" sieht sich Dompfarrer Toni Faber durch den neuen Film "Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl. Als "schwere Kost" empfand Faber neben der gezeigten Vergewaltigung in der Ehe, Themen wie Ausländer- und Behindertenproblematik vor allem eine "in Nischen vorkommende" katholische Frömmigkeit, die die Erfüllung tiefer Sehnsüchte nach Lebensglück in einem engen Korsett von Werthaltungen und Ritualen sucht. "Kathpress" lud neben dem Wiener Dompfarrer auch die Präsidentin der Katholischen Aktion (KAÖ), Gerda Schaffelhofer, den Kunstexperten und Jesuitenkirchenrektor Gustav Schörghofer SJ und Medienmacher Golli Marboe zur Preview und Einschätzung des am Freitag in Österreich anlaufenden Seidl-Films.
"Paradies: Glaube" - nach "Paradies: Liebe" über käufliche Liebe in Kenia der zweite Teil einer Trilogie über die Göttlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung - ist heftig umstritten. Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde der dort uraufgeführte Streifen gleichermaßen mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wie auch mit einer Blasphemieanzeige durch eine katholische Lebensschutz-Organisation bedacht.
Die Handlung: Anna Maria (Maria Hofstätter), eine alleinstehende Frau um die 50, verbringt ihren Urlaub damit, mit einer Wandermuttergottes-Statue von Haus zu Haus zu gehen, um Österreich "wieder katholisch zu machen". Als eines Tages ihr Ehemann, ein im Rollstuhl sitzender Muslim (Nabil Saleh), nach Jahren der Abwesenheit aus Ägypten zurückkommt, beginnt ein Kleinkrieg um Ehe und Religion. "Paradies: Glaube" untersucht nach den Worten des Regisseurs, "was es bedeutet, das Kreuz auf sich zu nehmen, und erzählt von der Sehnsucht nach Liebe".
Diese Sehnsucht mündet z.B. in einer Masturbationsszene der Protagonistin mit einem Kruzifix unter der Bettdecke. Die von "Kathpress" befragten Fachleute empfanden diese Szene jedoch nicht als blasphemisch, sondern - so der Tenor - als Ausdruck fehlgeleiteter Beziehungswünsche der in einem geschlossenen System befindlichen, emotional verarmten Hauptfigur.
Heute irritierende "Inbrunst" des Glaubens
Anna Maria sei hier erfüllt von einer "Inbrunst" des Glaubens, die im Mittelalter - durchaus auch mit körperlicher "Liebesglut" - verbreitet war, heute aber "verloren gegangen ist", wie Pater Schörghofer anmerkte. Die meisten Betrachter werde es "sehr irritieren, wie Glaube hier gezeigt wird", nämlich ein Glaube "jenseits jeder Aufklärung". Der Jesuit und Kunsthistoriker nannte es erstaunlich, dass Seidl dieses Thema überhaupt aufgreift. Denn auch der Regisseur wisse als kirchlich sozialisierter Künstler, dass sich Glaube meist ganz anders zeige. Dies "verbirgt" der künstlerisch durchaus gelungene Film, so Schörghofer.
"Inhaltlich interessant" fand es der Jesuit, dass Anna Maria bei ihrer Missionierung "in die 'abgefetztesten' Gegenden" geht - dorthin, wo christlicher Glaube sonst nicht präsent ist. Freilich sei auch die Gefühlskälte der Hauptfigur z.B. gegenüber ihrem behinderten Mann unübersehbar.
KAÖ-Präsidentin Schaffelhofer übte Kritik an Seidls Fokus auf einer "Form von Glauben, die man nur als Perversion oder Deformation bezeichnen kann": "Ich erinnere mich an keine einzige Szene, die auch nur blitzlichtartig Glauben positiv erleben lässt." Die intendierte "Zuspitzung und Provokation" mag ein Weg sein, sich als Filmemacher künstlerisch mit Glauben und Glaubenszwängen auseinanderzusetzen, so Schaffelhofer. Eine positive Reflexion des eigenen Glaubens werde dadurch aber kaum angestoßen, stattdessen Grundzüge des Glaubens wie Vertrauen, Gebet und Gemeinschaft "ad absurdum geführt".
Die KAÖ-Präsidentin bemängelte auch die "Klischees", die Seidl vor allem in den Nebenfiguren bediene: die besoffene russische Immigrantin und Prostituierte, die sich ihren privaten Gott zurechtzimmernden wiederverheirateten Geschiedenen, eine "militante" Gebetsgruppe, die sich auf die "Rekatholisierung" Österreichs einschwört, oder der muslimische Ehemann, der trinkt und vergewaltigt.
"Wo bleibt die Menschenwürde?"
Golli Marboe, Geschäftsführer der Wiener "Makido Filmproduktion" und für die Kurzdoku-Reihe "Cultus" Kooperationspartner der österreichischen Ordensgemeinschaften, befand die Seidl'sche "Reduktion auf sexuelle Obsession" als ebenso langweilig wie einseitig: In dessen Arbeiten werde "immer nur eine Seite der Seele beschrieben"; Hoffnung, die Menschen selbst im Angesicht des Todes noch hätten, bleibe ausgeblendet.
Auch Marboe kritisierte die "plakative" Zeichnung der Nebenfiguren. Das werde der Würde nicht gerecht, die dargestellten Menschen - egal ob fiktional oder nonfiktional - zustehe. Ulrich Seidl richte sein Augenmerk zudem auf einen Glauben, "der für unsere Eltern und Großeltern vielleicht noch eine Rolle gespielt hat", aber heute weitgehend passé sei. Die karg-strengen Szenerien des Films führten zu physischer Beklommenheit und würden die Protagonisten "noch einmal unsympathischer" erscheinen lassen, so Marboe.
Dompfarrer Faber dagegen kennt - wie er sagte - durchaus immer noch sehr "verquere Formen neurotischer Religiosität", die es nicht schafften, "Sexualität und die wunderbare Schöpfungswirklichkeit dieser Kraft Gottes gut zu integrieren". Allerdings gelinge dies auch in der profanen, vielfach pornografisierten Wirklichkeit selten, räumte Faber ein. Ihn habe die Masturbationsszene jedenfalls weniger irritiert als andere Brutalitätsszenen bei Seidl, die bestehende Missstände "ausreizen".
Einig waren sich die katholischen Filmbesucher über die eindrucksvolle Darstellung Maria Hofstätters. Die aus Oberösterreich stammende Mimin wird heuer bei der Diagonale in Graz mit dem Großen Schauspielpreis für Verdienste um die österreichische Filmkultur ausgezeichnet. In mehreren Interviews anlässlich des Filmstarts von "Paradies: Glaube" äußerte Hofstätter Befremden darüber, dass die "Liebesszene" mit dem Kreuzes als anstößig empfunden werde, das später gezeigte Geißeln des Kruzifixes jedoch offenbar niemanden störe. "Vielleicht hat das mit der katholischen Kirche zu tun", sagte sie in der jüngsten Ausgabe der "Furche": "dass Gewalt nie so groß verurteilt worden ist, aber Sexualität eine große Sünde war."
Quelle: Kathpress