
Katholische Schulen als Biotop alternativen Lebens
Katholische Schulen sollen ein "Biotop alternativen Lebens" sein, mit dem pädagogischen Ziel, jungen Menschen durch eine "Kontrasozialisation" die Kompetenz zu vermitteln, anders zu leben: Das unterstrich der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner bei der österreichischen Tagung der Schulerhalter und Direktoren katholischer Gymnnasien (AHS) und Kindergartenpädagogen-Lehranstalten (BAKIP) am Dienstag in Salzburg. Durch das Vermögen, anders zu handeln, zu denken und zu fühlen, sowie durch Antworten, die zu einer "Kultur solidarischer Liebe" erziehen, könnten Lehrende an kirchlichen Schulen zu "Zukunftshebammen" werden, so Zulehner.
Der international renommierte Pastoraltheologe sieht Vision und Auftrag kirchlicher Schulen in die grundlegende Mission der Kirche eingebettet. Diese liege an der "aktiven Beteiligung an der Reifungsgeschichte der Welt und Menschheit" hin zu einer "Kultur solidarischer Liebe".
Diesem Ziel entsprechend müsse das pädagogische Engagement in kirchlichen Schulen danach trachten, dass "Menschen handfest Liebende werden" und durch sie "eine Kultur gerechter Liebe wachsen kann", führte Zulehner aus. Dafür reiche nicht aus, junge Menschen zu sozialisieren. Es brauche vielmehr eine "Kontrasozialisation", eine Umkehr hin zur Kompetenz, "anders zu fühlen, zu handeln, zu denken".
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Der Weg dorthin führe nur über eine Auseinandersetzung mit den "Zeichen der Zeit", wie der Theologe betonte. So müssten katholische Schulen auf die immer rasantere Entwicklung der Globalisierung mit einer "Pädagogik des Weitens, der Entprovinzialisierung als das wahrhafte Katholisch-Werden", antworten. In diesem Sinne sei die Erziehung der Schüler zu Weltbürgern vordringliches Ziel katholischer Schulen.
Ökologische Achtsamkeit
Katholische AHS sowie BAKIPs müssten weiters die ökologischen Herausforderungen der Zeit aufgreifen und entsprechende Bewusstseinssensibilisierung und damit ökologische Achtsamkeit im privaten wie öffentlichen Handeln vermitteln. "Teilen lernen" müsse ein wesentliches Erziehungsziel an kirchlichen Schulen sein. Der Diskurs um Solidarität und Gerechtigkeit dürfe dabei nicht auf den familiären Radius beschränkt sein, sondern müsse geweitet werden, forderte Zulehner.
Der Theologe betonte auch die Notwendigkeit einer Stärkung der "Freiheitskompetenz". Es gehe um die Fähigkeit eines "kritisch-loyales Verhältnisses zu Autoritäten" und des Vermögens zum "Nein-sagen-Können". Weiters sei die Förderung der Toleranz gegenüber gesellschaftlicher, weltanschaulicher und religiöser Pluralität zentrale pädagogische Aufgabe.
Deren Dringlichkeit werde angesichts der "Brüchigkeit des Freiheitspathos" noch verstärkt. Denn die errungenen Freiheiten wie Religions- oder Meinungsfreiheit seien durch Tendenzen von steigender Unterwerfungsbereitschaft gerade bei jungen Menschen, durch gesellschaftliche Unübersichtlichkeit und durch Überforderung innerhalb der Familien gefährdet, wie Zulehner analysierte. Handlungs-, Empathie- und Urteilskompetenzen im Sinne einer "Kontrasozialisation" in einer pluralistischen Gesellschaft befähigten auch zum fairen Religionsdialog, der "nicht das Trennende übersieht, aber nach Synergien mit allen Glaubenden sucht", sagte der Pastoraltheologe.
Alternative zur Transzendenzleere
Die katholische Schule als "Biotop alternativen Lebens" stellte auch der Innsbrucker Theologe Jozef Niewiadomski in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Angesichts der modernen "Entfesselung des Begehrens", einer Verabsolutierung von Markt, Konsum und bindungslosem Individualismus drohe der existenzielle "Transzendenzhunger des Menschen zu ersticken" sowie verbindliche Werte und Gemeinschaften ausgehöhlt zu werden. Demgegenüber müssten sich die katholischen Schulen als Alternativen und "bewusster Unterschied" anbieten. Sie müssten "Blickfänger in das Fenster des lieben Gottes" werden, nicht "mit erhobenem Zeigefinger, sondern aus dem Vertrauen auf die katholische Alternative im Alltag" heraus, so Niewiadomski.
Der Linzer Theologe Franz Gruber sprach in seinem Tagungsbeitrag vom Wandel des Gottes- und Menschenbildes in der säkularen Kultur. Der Tendenz einer "Naturalisierung des Menschen", etwa in der Neurobiologie mit ihrer problematischen "Illusionierung der Willensfreiheit", müsse eine theologische Neubesinnung auf die Frage nach dem Menschen in seinem Gottesbezug entgegengehalten werden.
Veranstalter der bis Mittwoch dauernden Tagung sind die Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften, die Vereinigung der Frauenorden, die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems sowie das Interdiözesane Amt für Unterricht und Erziehung.
Quelle: Kathpress