
Neues "Hildegard Burjan-Forum" gegründet
Wenn sich am 29. Jänner die Seligsprechung von Hildegard Burjan (1883-1933) zum ersten Mal jährt, so bedeutet dies zugleich den Anstoß zu einer intensiven Arbeit für und mit der neuen Seligen: So bestätigte die Vizepostulatorin des Seligsprechungsverfahrens, die Publizistin Ingeborg Schödl, gegenüber "Kathpress" die Gründung eines neuen "Hildegard Burjan-Forums" am Donnerstag in Wien. Das Forum soll das Burjan-Komitee ablösen, das die Seligsprechung vorbereitet und begleitet hat und im vergangenen Sommer aufgelöst worden war.
Ziel des neuen Forums, das aus einem Kern von acht Personen unter der Leitung Schödls besteht, ist es, durch regelmäßige Veranstaltungen das gesellschaftspolitische Engagement und die politischen und ethischen Grundsätze der Seligen für heute zu erschließen. "Gerade heute könnten Politiker, die sich christlich nennen, von Burjan viel lernen", so Schödl gegenüber "Kathpress". Burjan habe stets aufrecht und gewissenhaft Politik betrieben und sei ebenso aufrecht zu ihren Überzeugungen gestanden. So sei es gerade diese Spannung einer tiefen Spiritualität und einer praktisch-politischen Veranlagung und einem "visionären politischen Denken", was "den Reiz ausmacht, sich heute mit Hildegard Burjan zu befassen", so Schödl.
Konkret möchte das neue "Hildegard Burjan-Forum" jährliche große Veranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen im Geiste Burjans durchführen. Für den Herbst ist bereits eine Veranstaltung zum Thema Frauenhandel in Vorbereitung, informierte Schödl. Darüber hinaus wolle man auch die Bildungsarbeit forcieren und Unterrichtsmaterialien erarbeiten, durch die Schülerinnen und Schüler mit der Sozialpionierin Burjan in Kontakt kommen können.
Gedacht wird Burjans zum Abschluss des ersten Jahres seit der Seligsprechung in besonderer Weise am kommenden Sonntag, 27. Jänner, mit einem Gottesdienst in der Kapelle der von Burjan begründeten Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (Pramergasse 9, 1090 Wien, 9 Uhr). Den Gottesdienst wird der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn zelebrieren. Bei diesem Gottesdienst soll die Gründung des Burjan-Forums auch offiziell bekannt gemacht werden.
Biografische Eckpunkte
Am 30. Jänner 1883 als Hildegard Freund im sächsischen Görlitz in eine liberale jüdische Familie geboren, studierte sie in Zürich Literatur und Philosophie und in Berlin Sozialwissenschaft. Im Jahr 1907 heiratete sie den gebürtigen Ungarn Alexander Burjan. Nach Heilung von einer schweren Krankheit konvertierte sie zur katholischen Kirche und ließ sich taufen.
Burjan setzte sich entschieden für die Gleichberechtigung der Frau, für die Bekämpfung der Kinderarbeit und für die Überwindung sozialer Missstände ein. Viele soziale Rechte für Frauen und Kinder, die heute selbstverständlich sind, gehen auf ihre Initiative zurück. Zu ihren wichtigsten politischen Forderungen zählte schon damals "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" für Frauen.
1912 gründete Burjan den "Verband der christlichen Heimarbeiterinnen" und 1918 den Verein "Soziale Hilfe". Als Frauen 1919 erstmals das aktive und passive Wahlrecht ausüben konnten, zog Burjan als erste christlich-soziale Abgeordnete in das österreichische Parlament ein. Am 4. Oktober 1919 gründete sie die religiöse Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis", mit dem Auftrag, soziale Not der Zeit zu erkennen und zu lindern.
Als große Ausnahme in der neueren Ordensgeschichte war Hildegard Burjan zugleich Oberin ihrer Gemeinschaft, Ehefrau (eines der führenden Industriellen seiner Zeit) und Mutter einer Tochter. Zugleich war sie die Beraterin führender Politiker der Ersten Republik, so etwa von Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel.
Obwohl sie nur kurze Zeit dem Parlament angehörte, galt sie schon bald als dessen "Gewissen". Die tief religiöse Hildegard Burjan stellte sich dem Elend großer gesellschaftlicher Schichten und verschloss vor Jugendkriminalität, Verwahrlosung und Prostitution nie die Augen. Dadurch erwarb sie sich auch den Respekt sozialdemokratischer Politiker.
Als im Jahr 1920 Neuwahlen anstanden, zog sich Burjan aus Rücksicht auf ihre stark angeschlagene Gesundheit und wegen der zunehmenden antisemitischen Strömungen auch innerhalb ihrer Partei aus dem Parlament zurück, blieb aber weiter politisch aktiv. Hildegard Burjan starb am 11. Juni 1933 an einem schweren Nierenleiden.
Am 29. Jänner 2012 wurde Hildegard Burjan als erste Parlamantarierin weltweit selig gesprochen. Die Feier im Wiener Stephansdom, zu der das österreichische Episkopat fast vollständig versammelt war, leitete Kurienkardinal Angelo Amato, Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen.
Quelle: Kathpress