EU-weite Studie: Kinderarmut und Jugendarbeitslosigkeit steigt in Schuldenländern in bedrohlichem Ausmaß - "Sparpolitik funktioniert nicht, Krise droht sich zu verlängern
15.02.2013
"Die Sparprogramme der EU haben in vielen Ländern Europas die Armut steigen lassen: Das verdeutlicht die "Caritas Europa", der Zusammenschluss von 40 Caritas-Organisationen in 46 europäischen Ländern, mit einer Studie zu den Krisenfolgen. "Öffentliche Behauptungen, die Krise sei vorbei, sind zu hinterfragen", so die Caritas Europa im Vorwort zum Bericht. Besonders drastisch ist die Lage in Griechenland, Irland, Portugal und Spanien, wo infolge der EU-Zahlungen strikte Sparkurse herrschen, sowie auch in Italien: Soziale Risiken würden steigen, Sozialsysteme seien überfordert und die Menschen unter Druck, so das Ergebnis.
Kinder und Jugendliche sind die Gruppe, in den fünf Schuldenländern am meisten in Bedrängnis kommt, wie Jorge Nuno-Mayer, Generalsekretär der Caritas Europa, am Freitag im Ö1-Morgenjournal darlegte: Jedes dritte Kind lebt hier knapp an oder unter der Armutsgrenze, jeder zweite Jugendliche hat keine Arbeit, weshalb Nuño-Mayer von einer "verlorenen Generation, die da heranwächst" sprach. Die jüngsten offiziellen Angben verdeutlichen dies: Die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland beträgt derzeit 60 Prozent, in Spanien über 50 Prozent und auch in Portugal bereits über 40 Prozent.
Hunger und Schulversagen sind die Gesichter dieser Kinderarmut, führte Nuño-Mayer weiter aus: Konkret müssten etwa Familien in Irland immer öfter entscheiden, ob sie mit dem verfügbaren Budget in Heizkosten oder Nahrung investieren. "Die Kinder sind also entweder schlecht ernährt, oder sie haben keine Heizung - und können ihre Hausaufgaben nicht richtig machen." Es sei schwer, diesen Kindern wieder Hoffnung zu geben, wie sich auch allgemein vielerorts Hoffnungslosigkeit ausbreite, warnte der Caritas-Generalsekretär.
Die Probleme sind jedoch nicht auf die jüngsten Altersschichten beschränkt: EU-weit war beispielsweise 2012 die allgemeine Arbeitslosenquote mit 10,6 Prozent bzw. 25,7 Mio. Menschen ebenso auf historischem Höchststand wie die Zahl jener, die trotz Beschäftigung arm sind ("Working poors") oder der Langzeitarbeitslosen, derer es mit 10,7 Mio. in der EU heute doppelt so viele gibt wie Mitte 2008, erinnerte die Caritas im Bericht: "Zwei von fünf Arbeitslosen in der EU bleiben damit sehr wahrscheinlich über ein Jahr lang ohne Arbeit."
Sparen allein löst Probleme nicht
Wie die Caritas betonte, sei ein politisches Umdenken dringend erforderlich, denn: "Sparmaßnahmen lösen nicht das Problem des ausbleibenden Wirtschaftswachstums und der Arbeitslosigkeit, sondern sie kreieren nur mehr Armut und Probleme", so Nuno-Mayer gegenüber Ö1. Menschen und deren Entwicklung müssten im Mittelpunkt der Politik stehen, nicht Banken und ausgeglichene Budgets - andernfalls seien die Konsequenzen verheerend: Die Menschen würden bald nicht mehr an die Politik und an Europa glauben, so die Caritas, eine Verlängerung der Krise stehe im Raum.
Die Caritas erinnerte an die "Strategie 2020", in der sich die EU-Regierungschefs mehr Arbeitsplätze und weniger Armut vorgenommen hatten. Eine gerechte Lösung der Schuldenkrise sei nötig, wofür die Hilfsorganisation als Alternative ein fünf-Punkte-Programm vorschlägt: Wirtschafts- und Sozialpolitik müssten besser verknüpft werden, die EU mehr Führungsstärke bei besonders armutsgefährdeten Gruppen wie Kindern und Jugendlichen zeigen. Soziales Monitoring sollten Programme des EU- oder Währungsfonds begleiten. EU-Hilfen gegen Armut ausgebaut und die Zivilgesellschaft aufgewertet werden, so die Forderungen.