
Papstrede an Klerus von Rom
Weltweit große Beachtung hat der am Donnerstag in Rom vom Papst vorgetragene "Verstehensschlüssel" für die Zukunft der Kirche und die Weichenstellungen des Zweiten Vatikanischen Konzils gefunden. Benedikt XVI., der in zwei Wochen resigniert, hatte sich an den Klerus der Diözese Rom gewandt. Die frei gehaltene Rede war von langem Applaus unterbrochen. Sie wurde in italienischen Medien von Freitag als das "Geistliche Testament Benedikts XVI." bezeichnet. Im letzten Satz der Rede fand sich ein Hinweis auf den bevorstehenden Abschied: "Ich werde immer bei euch sein, auch wenn ich im Gebet zurückgezogen sein werde. Der Herr siegt."
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Der Papst erinnerte, dass er bereits 1961 in Bonn von Kardinal Joseph Frings gebeten worden war, einen Vortragsentwurf für einen Kongress in Genua zum Thema "Künftiges Konzil und moderne Welt" zu erstellen. "Er hat ihm gefallen, und so hat er ihn in Genua genauso vorgetragen."
Kurz darauf habe Johannes XXIII. Frings zu einer Audienz in den Vatikan bestellt. "Und er war voller Angst, ob er vielleicht etwas Unkorrektes oder Falsches gesagt haben könnte. Er fürchtete, dass man ihm jetzt Vorwürfe machen oder ihm sogar den Kardinalspurpur wieder entziehen könnte." Als sein Sekretär ihn für die Audienz angekleidet habe, "sagte er ihm: Vielleicht tragen Sie das Zeug ja zum letzten Mal". Johannes XXIII. habe ihn allerdings "umarmt, und sagte: 'Danke, Eminenz, Sie haben genau das gesagt, was ich sagen wollte, aber ich habe nicht die Worte dafür gefunden'". Daraufhin habe Frings ihn, Joseph Ratzinger, dazu eingeladen, ihn nach Rom auf das Konzil zu begleiten. Seit Ende 1962 sei er sogar offizieller Peritus, also Berater, des Konzils gewesen, so Benedikt XVI. "Wir sind", so der Papst, "damals mit Enthusiasmus zum Konzil gegangen."
Die Beziehung der Kirche zur modernen Welt sei damals "konfliktreich" gewesen, sagte Benedikt XVI., "angefangen mit dem Irrtum der Kirche im Fall Galilei". Man habe gehofft, das Konzil werde die Kirche zur "Kraft des morgen" machen und den "wahren Fortschritt" einleiten.
"Verständlichkeit ist nicht Banalität"
Als "Negativbeispiel" habe damals die Synode der Diözese Rom gegolten, auf der angeblich "nur vorbereitete Texte abgelesen und dann per Akklamation beschlossen wurden; die Bischöfe haben gesagt: Nein, so werden wir das nicht machen". Diese Haltung habe sich "schon am ersten Tag bei der Wahl der Kommissionen gezeigt", so der Papst: "Die Konzilsväter haben sofort gesagt, wir wollen nicht nur einfach über vorbereitete Namenslisten abstimmen". Darum seien schon die ersten Abstimmungen verschoben worden. "Das war kein revolutionärer Akt, aber ein Akt des Bewusstseins der Verantwortung von Seiten der Konzilsväter."
Die erste Debatte - die über eine Liturgiereform - sei ausgegangen von der liturgischen Bewegung in Westeuropa nach dem Ersten Weltkrieg. Die liturgische Bewegung habe wieder dazu geführt, "dass es wirklich einen Dialog zwischen Priester und Volk gibt, dass die Liturgie wirklich eine einzige wurde - eine aktive Teilhabe, damit die Reichtümer zum Volk gelangen und so die Liturgie wiederentdeckt, erneuert werde". Grundprinzipien der Liturgie-Konstitution des Konzils seien "die Verständlichkeit und auch die aktive Teilhabe" gewesen. Doch "leider wurden diese Prinzipien auch missverstanden".
Denn Verständlichkeit - so der Papst bedeute "nicht Banalität, denn die großen Texte der Liturgie, auch wenn sie Gott sei Dank in der Muttersprache proklamiert werden, sind nicht einfach zu verstehen". Sie bräuchten eine "ständige Bildung des Herzens", ein Eindringen in die Tiefe des Geheimnisses. "Wer würde denn behaupten, dass er die biblischen Texte sofort versteht, nur weil sie in der eigenen Sprache sind?", so Benedikt XVI.
Zweites großes Thema des Konzils sei die Kirche gewesen - "nicht als Organisation oder etwas Strukturelles, Juridisches", sondern "als Organismus, etwas Lebendiges".
Schon damals hätten viele proklamiert "Wir sind Kirche", und das stimme natürlich auch, wenn man die Formel erweitere: "Wir Gläubige zusammen mit Christus sind Kirche, nicht eine Gruppe, die sich zur Kirche erklärt". Es gehe um das eigene "Eingefügt-Sein in das große Wir der Glaubenden aller Zeiten und Orte".
Diskussionen zur Kollegialität "übertrieben"
Die Diskussionen über den Begriff "Kollegialität" erscheinen Papst Benedikt im Rückblick "etwas übertrieben": "Vielen schien das ein Machtkampf zu sein, und vielleicht haben einige das wirklich auf dem Konzil so gesehen. Aber im wesentlichen ging es nicht um Macht, sondern um Komplementarität und Vollständigkeit des Leibes der Kirche". Nach dem Konzil habe sich allmählich herausgestellt, dass "communio", Gemeinschaft, das eigentliche Wesen der Kirche sei.
Drittes Thema sei die Offenbarungslehre gewesen. Das Konzil habe - vor allem auf Initiative von Papst Paul VI. - deutlich gemacht, dass "die Kirche unter der Schrift steht, dass die Schrift aber ohne die Kirche nur ein Buch ist, das sich so oder so interpretieren lässt, aber keine letzte Klarheit gibt". Schließlich sei ein Offenbarungsdokument geschaffen worden, "das eines der schönsten und innovativsten des ganzen Konzils" sei: "Nur wenn wir sehen, dass das im letzten nicht menschliche, sondern Gottesworte sind, können wir die Heilige Schrift gut interpretieren." Auch in der Einleitung zu seinem ersten Jesusbuch habe er - so der Papst - deshalb geschrieben: "Es ist noch viel zu tun, um zu einer Lektüre im Geist des Konzils zu kommen."
"Traurige Ereignisse des Nazi-Jahrzehnts"
Zu "Nostra Aetate" sagte Benedikt XVI., dass von Anfang an jüdischen Beobachter beim Konzil anwesend gewesen seien. Sie hätten "unter anderen uns Deutschen" gesagt: "Nach den traurigen Ereignissen dieses Nazi-Jahrzehnts muss die katholische Kirche ein Wort über das Alte Testament und das jüdische Volk sagen. Sie sagten: Auch wenn die Kirche nicht für die Shoah verantwortlich war, so waren es doch zu einem großen Teil Christen, die diese Verbrechen begangen haben."
Bischöfe aus dem arabischen Raum seien "nicht sehr glücklich" über das Vorhaben gewesen. Sie hätten "gewissermaßen eine Glorifizierung des Staates Israel befürchtet".
Allerdings sahen auch die Nahost-Bischöfe ein wirklich theologisches Wort über das jüdische Volk "als gut und notwendig" an. "Sie wünschten sich dann allerdings dann auch ein Wort über den Islam - nur so würde es ein Gleichgewicht geben. Wir haben das damals noch nicht ganz verstanden; heute wissen wir, wie notwendig das war." Der Konzilstext über den interreligiösen Dialog habe schließlich "vorausgenommen, was sich erst etwa 30 Jahre später in seiner ganzen Intensität und Wichtigkeit gezeigt hat". Die Kirche arbeite noch jetzt daran, die Verbindung zwischen der Einzigkeit der Offenbarung Gottes, der Einzigkeit des einen, in Christus fleischgewordenen Gottes und der Vielfalt der Religionen besser zu verstehen.
"Das virtuelle Konzil verliert sich heute"
Das Konzil habe auch ein paralleles "Konzil der Medien" hervorgerufen, sagte der Papst: "Das war fast ein Konzil für sich selbst. Die Welt hat das Konzil über die Medien wahrgenommen." Dieses Medien-Konzil sei, anders als das wirkliche, keine Glaubensveranstaltung gewesen, sondern habe "den Kategorien der Medien von heute gehorcht, außerhalb des Glaubens, mit einem anderen Verstehensschlüssel". Es sei ein "politischer Schlüssel" angewandt worden - "der Machtkampf zwischen verschiedenen kirchlichen Flügeln".
Ergebnis seien "Banalisierungen der Idee des Konzils" mit Auswirkungen auf die liturgische Praxis und auf die Schriftauslegung gewesen, beklagte Benedikt XVI.: "Und das wahre Konzil hatte Schwierigkeiten, sich zu verwirklichen - das virtuelle Konzil war stärker als das wirkliche. Aber die wahre Kraft des Konzils war doch da, und allmählich wird sie immer mehr Wirklichkeit und wird zur wahren Kraft, die dann auch wahre Reform ist, wahre Erneuerung der Kirche."
50 Jahre nach dem Konzil könne man sehen, "wie dieses virtuelle Konzil zerbricht und sich verliert, und das wahre Konzil taucht auf mit seiner ganzen spirituellen Kraft". Es sei Aufgabe auch der Priester der Diözese Rom, "dafür zu arbeiten, dass das wahre Konzil Wirklichkeit wird und die Kirche wirkliche Erneuerung erfährt".