
"EZA könnte viel von Frauenbewegung lernen"
Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit (EZA) könnte viel von der basisorientierten Ausrichtung der Katholischen Frauenbewegung (kfb) lernen. Das sagte Kardinal Christoph Schönborn am Mittwochabend bei einem Benefiz-Suppenessen zum diesjährigen "Familienfasttag", bei dem die kfb Spenden für EZA-Projekte in den Ländern des "Südens" sammelt. Dass sich der Staat mehr und mehr aus der Verantwortung für Entwicklungshilfe zurückzieht, weil ohnehin private und zivilgesellschaftliche Initiativen wie jene der kfb einspringen, "das kann es nicht sein", wurde der Wiener Erzbischof bei der Veranstaltung deutlich, an der neben hochrangigen Kirchenvertretern auch Spitzenpolitikerinnen teilnahmen.
Zum Suppenessen und Spenden begrüßte kfb-Vorsitzende Barbara Haas u.a. den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen, Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, Sozialminister Rudolf Hundstorfer, ÖGB-Präsident Erich Foglar, Grünen-Chefin Eva Glawischnig, den Linzer Altbischof Maximilian Aichern, Caritas-Präsident Franz Küberl und die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich, Gerda Schaffelhofer, im ÖGB-Veranstaltungszentrum in Wien-Leopoldstadt.
Die diesjährige Aktion "Familienfasttag" der Katholischen Frauenbewegung greift unter dem Motto "Billig ist doch zu teuer" das Thema der fairen Arbeitsbedingungen auf. Schwerpunktländer sind Indien und die Philippinen, Inorisa Sialana-Elenito von der philippinischen kfb-Partnerorganisation "Mindanao Migrants Center" gab am Mittwochabend Einblick in die Lebensrealität von Arbeitsmigrantinnen.
Schönborn: EZA-Mittel nicht weiter reduzieren!
Kardinal Schönborn würdigte das Engagement der Frauenbewegung, die durch ihre Stellung als größte kirchliche Basisorganisation Österreichs "zielgenaue" Hilfe vor allem für benachteiligte Frauen im "Süden" leiste. Die kfb trage auch wesentlich dazu bei, das Thema Entwicklungshilfe an der Basis in Österreich wachzuhalten. Österreich habe als wohlhabendes Land eine Verpflichtung zu globaler Solidarität, so Schönborn. Das müsse zu einer entsprechenden Dotierung der staatlichen EZA-Mittel führen. Diese Gelder dürften im Staatshaushalt auch in Zeiten einer Wirtschaftskrise "zumindest nicht reduziert werden", so der Kardinal unter Applaus der Gäste.
Schönborn stellte auch noch einen biografischen Bezug zum Thema her: Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die vier Kinder mit deutlich geringerem Einkommen als ihre männlichen Kollegen durchbringen musste, wisse er aus eigener Erfahrung um Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt. Es sei ihm ein "persönliches Anliegen", dagegen aufzutreten.
Philippinen: 5.000 Arbeitsmigrantinnen täglich
Knapp 5.000 Bewohner der Philippinen - überwiegend Frauen - verlassen jeden Tag ihre Heimat, um Geld für das Lebensnotwendigste zu verdienen, berichtete Inorisa Sialana-Elenito vom "Mindanao Migrants Center". Viele von ihnen würden zum Opfer von wirtschaftlichen und sexuellen Ausbeutern, aber auch ihre zurückgelassenen Kinder litten unter der armutsbedingt zerbrochenen Familiensituation: Teenager-Schwangerschaften und Drogenmissbrauch seien ebenso Folgen wie Bildungssackgassen; die unbeaufsichtigten Kinder würden vielfach die Schule abbrechen statt das von ihren Müttern mühsam verdiente Geld für eine bessere Zukunft zu nutzen.
Diese Hinterbliebenen der Arbeitsmigrantinnen sind laut Sialana-Elenito ebenso Zielgruppe des "Mindanao Migrants Center" wie Zurückgekehrte oder erst im Aufbruch Befindliche. Die Spenden aus Österreich ermöglichen Bildungsarbeit und Anwaltschaft für die von Arbeitsmigration Betroffenen.
Für Nationalratspräsidentin Prammer ist dies ein Beispiel dafür, dass die Katholische Frauenbewegung seit der Gründung des "Familienfasttages" vor 55 Jahren "mit Hilfe auf Augenhöhe unglaublich viel zusammengebracht hat". Sie unterstützte das Anliegen Kardinal Schönborns für mehr staatliche EZA-Mittel: Die "Talsohle" in diesem Bereich sei erreicht, "es muss wieder nach oben gehen".
ÖGB-Präsident und "Gastgeber" Erich Foglar bezeichnete Solidarität als Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die freilich auch grenzüberschreitend sein müsse. Der Widerstand gegen Unrecht in Arbeitsverhältnissen verbinde das Engagement der kfb mit jenem des ÖGB. Foglar kritisierte, dass Frauen weltweit zwei Drittel der Arbeit leisteten, aber nur ein Prozent des Vermögens besäßen.
Die ÖGB-Vizepräsidenten Sabine Oberhauser und Norbert Schnedl überreichten der kfb-Vorsitzenden Barbara Haas einen Spendenscheck über 2.500 Euro. Die Frauenbewegung wolle mit den Spenden dazu beitragen, dass Frauen nicht mehr als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden. Haas wies darauf hin, dass in Indien von einem neugeborenen Sohn gesagt werde "Einer, der sich selbst gehört", von einer Tochter jedoch "Etwas, das jemand anderem gehört".
Kulinarisch verwöhnt wurden die Gäste der Benefizveranstaltung mit Suppen, die Schülerinnen der Tourismusschule Pannoneum zubereitet hatten - etwa burgenländische Kukuruzsuppe, Apfel-Lauch-Curry-Suppe mit Huhn oder Mühllackner Gemüsesuppe mit Zwiebelstrudel.
Spenden erbittet die Katholische Frauenbewegung auf das PSK-Konto 1.250.000 (BLZ 60000), Kennwort "Aktion Familienfasttag".
Das ORF-Religionsmagazin "Orientierung" sendet in seiner kommenden Ausgabe (Sonntag, 12.30 Uhr, ORF 2) einen Beitrag von Maria Katharina Moser über Arbeitsmigration philippinischer Frauen nach Dubai und deren Folgen für die Betroffenen.
Quelle: Kathpress