
Habermas in Wien
Der weltweit prominenteste zeitgenössische Philosoph, Jürgen Habermas, gab am Mittwochabend dem internationalen Kongress "Rethinking Europe with(out) Religion" in Wien die Ehre: Der vielfach ausgezeichnete Denker des kommunikativen Handelns, der zum Verhältnis von Vernunft und Glaube ein schon legendäres Streitgespräch mit Papst Benedikt XVI. führte, war der Überraschungsgast im Wiener Juridicum. Der Vortrag zum Auftakt von der Wiener Forschungsplattform "Religion und Transformation in der zeitgenössischen europäischen Gesellschaft" veranstalteten Tagung beleuchtete die gesellschaftspolitische Rolle der "Religion im pluralistischen Europa".
"Europa ohne Religion ist weder denkbar noch wünschenswert": Mit dieser pointierten Überzeugung schloss der in Chicago lehrende deutsche Religionssoziologe Martin Riesebrodt seinen Eröffnungsvortrag zur Frage, welche Leistungen und Funktionen die Religionen für das Projekt Europa erbringen können.
Europa gehöre nicht der Religion, könne also nicht von religiösen Gemeinschaften und deren Wahrheitsansprüchen beschlagnahmt werden. Umgekehrt gelte jedoch, dass die "Religionen zu Europa gehören", weil der aktive Schutz, und nicht bloß die Duldung von weltanschaulicher und Religionsfreiheit als fundamentales Menschenrecht zum Kernbestand des europäischen Wertekanons gehöre.
Europa war nie homogen
Europa sei viel zu vielfältig, als dass es auf eine homogene Einheit eingeengt werden könne, auf die "eine bestimmte Religion ein Geburtsrecht hätte", so der international renommierte Soziologe. Die europäische Identität könne überhaupt nicht aus einem bestimmten historischen Geschehnis hergeleitet werden, da ein solcher Versuch immer die Gefahr eines Überlegenheitsduktus und damit der Ausgrenzung, etwa gegenüber den Eingewanderten, berge. "Ein homogenes Europa hat es nie gegeben und wäre auch nicht wünschenswert", sagte Riesebrodt am Eröffnungsabend des bis Samstag währenden Kongresses. Internationale Experten aus Theologie, Philosophie, Religionssoziologie und Politikwissenschaft, aber auch der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek oder die Beraterin der EU-Kommission für den Dialog mit Kirchen, Katharina von Schnurbein, kommen dabei über die politische Rolle von Religionen im europäischen Einigungsprozess ins Gespräch.
Europa fußt nicht auf einer, sondern auf vielen Ideen
Das moderne Europa ist laut Riesebrodt nicht auf eine - religiös begründete oder geschichtlich greifbare - Idee zurückzuführen, sondern als in sich heterogenes Projekt zu begreifen, das im 20. Jahrhundert aus den Erfahrungen zweier Weltkriege, dem Holocaust und dem Gulag, der Diskrepanz zwischen menschenrechtlichen Ansprüchen und der faktisch aufgetretenen Barbarei allererst geschaffen worden sei. Einem Verweis auf religiöse Traditionen, erst recht einem Gottesbezug in der europäischen Verfassung steht Riesebrodt entsprechend skeptisch gegenüber. Ein solcher Bezug würde weite Kreise der europäischen Bevölkerung ausschließen, sei "kein Beitrag zur Integration, sondern würde nur einen Kulturkampf schüren", so der Soziologe.
Dennoch ortet Riesebrodt eine gleichermaßen "steigende Akzeptanz des Religiösen im öffentlichen Raum", was etwa durch "pragmatische Allianzen" zwischen religiös und nicht religiös motivierten Menschen zu ethischen Fragen zum Ausdruck komme. Wenn die einen den Kampf gegen Atomnutzungsgefahren Bewahrung der Schöpfung nennen würden, heiße bei anderen Umweltschutz. Überhaupt könne Europa seine Identität vom Begriff der "Zivilreligion" gewinnen, nämlich von jenem "säkularen Religionsbegriff", der die Achtung von Menschenwürde, Gleichheit, Freiheit und Rechtssicherheit als etwas Unantastbares und "Heiliges" begreife. Genau dies komme auch im Vertrag über eine Verfassung für Europa (VVE) zum Ausdruck.
Recht auf religiös motivierte Beschneidung
Der aktive Schutz der Religionsfreiheit sei ein ständiger Testfall und Seismograf für die Verwirklichung der Menschenrechte, so Riesebrodt. Der Wissenschaftler ging in diesem Zusammenhang auf die Beschneidungsdebatte ein - ein Beispiel, das die anwesenden Vertreter der Religionen, u.a. Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und Tarafa Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, sowie der evangelische Bischof Michael Bünker, mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgten. Bei diesem Thema habe sich eine "selten gelebte übergreifende Solidarität zwischen den einzelnen Religionsgemeinschaften" gezeigt.
Jenes Urteil des Kölner Landesgerichts, das im Vorjahr die religiös motivierte Beschneidung mit dem Verweis auf einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Kindes für rechtswidrig erklärte, habe ein "höchst einseitiges Reflexions- und Begründungsniveau" an den Tag gelegt. "Denn schließlich gibt es nicht nur ein körperliches, sondern auch ein soziales und religiöses Wohl des Kindes, was überhaupt nicht berücksichtigt wurde. Vor allem gebietet es die Religionsfreiheit, dass das Selbstverständnis der Betroffenen in den Diskurs einbezogen wird, andernfalls sind religiöse Praktiken nicht verstehbar", sagte der Religionssoziologe. Ein "rigider Säkularismus" würde der Religionsfreiheit und damit der "Idee einer europäischen Zivilreligion" widersprechen.
Jürgen Habermas brachte in die anschließende Diskussion die Bedeutung von Religionen zur Stabilisierung von Konflikten ein, die sich durch die europäische Geschichte ziehe. Für Habermas können Religionen eine Motivationsquelle für die Inklusion von Minderheiten und die Entfaltung einer politischen Kultur sein. Werte wie Solidarität seien rechtlich nicht erzwingbar, fänden jedoch in Religionen eine inspirierende Kraft und semantische Potenziale.