
Mehr als 100 ägyptische Christen in Libyen verhaftet
Libyens Behörden haben in den letzten Wochen mehr als 100 Christen unter der Beschuldigung des "Proselytismus" (der "Abwerbung" von muslimischen Gläubigen) verhaftet. Die meisten der Festgenommenen sind ägyptische Staatsbürger. Aufgrund der Tatenlosigkeit des Außenministeriums in Kairo kam es deshalb in Ägypten zu gravierenden internen Auseinandersetzungen; dazu kommt, dass die Beziehungen zwischen Kairo und Washington eine weitere Belastung durchmachen, wie die Stiftung Pro Oriente am Sonntag berichtet.
Laut Pro Oriente habe Frank Wolf, Mitglied des Repräsentantenhauses (Republikaner) für den Bundesstaat Virginia, dem Chefredakteur der Nachrichtenagentur "Mideast Christian News" (MCN), William Weessa, versichert, dass er Außenminister John Kerry in einem geharnischten Brief aufgefordert habe, sich einzuschalten.
Die letzte Verhaftungswelle war am vergangenen Mittwoch erfolgt. Dabei waren rund 100 Christen mit ägyptischer Staatsbürgerschaft verhaftet worden. Die libyschen Behörden hatten nicht davor zurückgeschreckt, ein selbstverfertigtes Video als "Beweismittel" für die "missionarischen Aktivitäten" der Verhafteten zu präsentieren.
Begonnen hatte die Verhaftungswelle am 4. Februar. Damals waren vier Christen in Bengasi verhaftet worden - ein schwedischer, ein ägyptischer, ein südafrikanischer und ein südkoreanischer Staatsbürger. Am 13. Februar wurden zwei weitere Christen mit ägyptischer Staatsbürgerschaft verhaftet, am 16. Februar ein dritter, ebenfalls ein Ägypter.
Von den ersten vier verhafteten Christen wurde zunächst nur der Name des Ägypters Sharif Ramses bekannt. Ramses betrieb in Bengasi eine kleine Druckerei und eine Buchhandlung. Die libyschen Staatspolizisten behaupteten, sie hätten bei Ramses 45.000 Bibeln beschlagnahmt.
Nach Berichten aus Ägypten wurde Ramses von den libyschen Staatspolizisten schwer gefoltert. Man verlangte von ihm, Namen von weiteren "christlichen Missionaren" zu nennen.
Polizeisprecher Hussein Bin Himeid sagte im Gespräch mit Journalisten, die zunächst verhafteten vier Christen hätten Bücher publiziert, in denen "zur Konversion zum Christentum aufgefordert wird". Der Sprecher meinte, Libyen sei "hundertprozentig muslimisch". Jede Konversion gefährde die "nationale Sicherheit". Auch der in Bengasi tätige Anwalt und Menschenrechtsaktivist Bilal Bettamer sagte laut Pro Oriente zu dem Fall, Libyen sei ein "völlig muslimisches Land", in dem Christen nicht versuchen sollten, ihren Glauben zu verbreiten.
Todesstrafe für "Proselytismus"
Das Regime in Libyen hat ein Gesetz aus der Gaddafi-Ära beibehalten, wonach "Proselytismus" ein Verbrechen ist und sogar mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Verhaftungen der Christen gehen auf das Konto der sogenannten "Abteilung für vorbeugende Sicherheit". Diese staatspolizeiliche Abteilung wurde von Elementen der verschiedenen Rebellen-Einheiten im Jahr 2011 begründet und soll islamistisch ausgerichtet sein.
Bereits vor der Verhaftungswelle gegen Christen war es in Libyen zu antichristlichen Attacken gekommen. So hatten Islamisten im Vorjahr zunächst einen Anschlag auf die orthodoxe Pfarrkirche in Tripoli verübt. Dann waren Gräber von britischen, australischen und indischen Soldaten in Bengasi geschändet worden. Ende Dezember des Vorjahrs wurden zwei ägyptische Christen bei einem Attentat auf eine koptisch-orthodoxe Kirche im Bezirk Misurata getötet, zwei weitere wurden verletzt. Damals hatte der ägyptische Außenminister Kamel Amr von den libyschen Behörden noch eine minutiöse Untersuchung gefordert, während das Ministerium nach der jetzigen Verhaftung von mehr als 100 koptischen Christen stumm blieb.
Zu Jahresbeginn wurde auch die katholische Kirche in Libyen betroffen, vor allem in der Cyrenaika. Nach Drohungen von Seiten islamistischer Aktivisten entschlossen sich die Schwestern der "Kongregation von der Heiligen Familie" in Derna und die "Franziskanerinnen vom Kind Jesus" in Barce, ihre Häuser aufzugeben, in denen sie hundert Jahre tätig gewesen waren.
Bischof: Eine Stimmung, die neu ist
Der Apostolische Vikar von Tripoli, Bischof Giovanni Innocenzo Martinelli, erklärte in diesem Zusammenhang: "Die Anwesenheit von Ordensleuten war immer ein wichtiger Bezugspunkt, um das Gespräch mit den libyschen Muslimen am Laufen zu halten, auch in der Cyrenaika. Aber uns ist aufgefallen, dass in letzter Zeit der Aufstieg des Islamismus alle sozialen, Arbeits-, ja sogar die Freundschaftsbeziehungen belastet. Vor allem in den Gebieten um Derna, Beida und Barca ist das mittlerweile so, und das führt zu schlechteren Beziehungen der Kirche zu Muslimen. Uns tut das leid, weil es für uns immer eine sehr wichtige, fruchtbare Beziehung war".
Die Salafisten sähen seit der libyschen Revolution ihre Chance. Sie hätten die Absicht, alle Christen aus dem Land zu vertreiben. Die Drohungen kämen "wenn nicht direkt von den Islamisten, dann doch von Personen, die den Islamisten nahe stehen".
Vor allem im Osten Libyens ziehe eine Stimmung auf, die auch für Libyen neu ist. Das bringe vor allem die kirchliche Arbeit im Gesundheitswesen in Gefahr. Martinelli: "Dabei sind oder waren die Libyer eigentlich immer ein Volk, das zum Dialog aufgelegt ist und das auch auf religiöser Ebene gute Beziehungen zu anderen wünscht. Aber man hat jetzt den Eindruck, dass Islamisten immer mehr Einfluss auf die Entscheidungen im Land nehmen."
Zum Jahrestag der Revolution gegen Gaddafi am 20. Februar hatten die libyschen Behörden dem Apostolischen Vikar von Bengasi, Bischof Silvestro Magro, nahegelegt, ab dem 13. Februar "abzutauchen", sein Haus zu verlassen und sich in einem Spital einzuquartieren, um "übler Behandlung" zu entgehen. Bischof Magro sagte dazu, er werde natürlich Sicherheitsvorkehrungen treffen, er könne aber seine Gemeinde nicht im Stich lassen".
In Libyen war die katholische Präsenz nach der Ablösung der osmanischen durch die italienische Herrschaft 1911 stark und wurde ab der Unabhängigkeit 1951 auch von dem aus der an sich islamisch-fundamentalistischen Senussi-Bruderschaft kommenden Königshaus unterstützt. Nach der Machtergreifung Gaddadis 1969 wurden die meisten italienischen Katholiken vertrieben. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufbaus des Landes kamen in der Folge aber viele katholische und orthodoxe Christen aus aller Welt nach Libyen.