
"Kirche braucht weiterhin Option für Arme"
Die ungebrochene Bedeutung der von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie forcierten Option für die Armen für die Kirche hat der spanische Jesuit Jon Sobrino betont. Angesichts von zwei Milliarden Menschen weltweit, die mit weniger als zwei Euro auskommen müssten, erinnerte Sobrino bei einem Vortrag an der Universität Wien an die Worte des brasilianischen Bischofs Pedro Casaldaliga: "Alles ist relativ außer Gott und dem Hunger."
Jon Sobrino ist einer der namhaftesten Vertreter der Befreiungstheologie. Der 74-jährige lebt seit den 1950er Jahren in El Salvador. 2007 hat die römische Glaubenskongregation eine "öffentliche Notifikation" veröffentlicht, in der "einzelne Thesen" des Jesuiten verurteilt werden - ohne dass ihm aber die Lehrerlaubnis entzogen oder Publikationsverbot erteilt wurde.
Minderheiten, die in den Industrie- oder auch in den Entwicklungsländern im Überfluss lebten und somit "die Ausnahme in der Menschheit darstellen", brauchen laut Sobrino Augen öffnende Erlebnisse wie Paulus in Damaskus. Sie müssten die Konsequenz daraus ziehen, dass das Leben der Armen permanent vom Tod bedroht sei. Sobrino: "Es ist der langsame Tod, hervorgerufen durch das Fehlen des absolut Lebensnotwendigen: keine Nahrung, keine Gesundheit, keine Erziehung, kein Ausruhen." Dazu komme das Fehlen des sozial Lebensnotwendigen: keine Wertschätzung, keine Würde sowie die Tatsache, nicht gekannt und nicht anerkannt zu sein - "mit einem Wort: Nichtexistenz". Mit allem Respekt vor den Afrikanern sage er: "Afrika existiert nicht", so Sobrino. Ähnliches gelte für das Land, in dem er seit den 1950er Jahren lebt und wirkt: El Salvador, das im Schatten der Weltöffentlichkeit stehe.
"Nächster Papst soll etwas riskieren"
Einen gewissen "Eurozentrismus" stellte der vom Vatikan für manche seiner Lehren gemaßregelte Jesuit auch beim emeritierten Papst Benedikt XVI. fest: Dieser habe viel über Gott und den problematischen heutigen Relativismus gesprochen hat: Ohne Gott verschwinde der Sinn von allem und der Mensch werde unmenschlich. "Es scheint aber, dass ihn nicht in demselben Maß und derselben Endgültigkeit die Wirklichkeit der Armen berührte", sagte Sobrino. Es gelte auch vor der Unmenschlichkeit zu warnen, in die die Menschen und auch die Gläubigen fielen, "wenn sie über die Armen dieser Welt hinwegsehen".
Im ORF-Religionsmagazin "Orientierung" (Sonntag) stellte Sobrino in Abrede, die Zeit sei reif für einen Papst aus dem "Süden". Wichtig sei vielmehr, dass der nächste Papst "etwas riskiert und die Armen dieser Welt verteidigt", sagte er in dem TV-Interview. Sobrino erinnerte an die legendäre Ansprache von Papst Johannes XXIII. vor Beginn des Zweiten Vatikanums, wonach die Kirche "vor allem eine Kirche der Armen sein muss". Das Anforderungsprofil des Befreiungstheologen an Benedikts Nachfolger: Er solle wagemutig und gebildet sein, Verständnis für die Verbundenheit der einen Welt haben und als "Freund der Menschen" auftreten.
Quelle: Kathpress